Auch außerhalb der höchsten politischen Eliten waren solche Praktiken nicht unbekannt. Plinius der Jüngere wurde von einem Freund gebeten, einen passenden Gatten für dessen Nichte zu suchen. Er schlug Minicius Acilianus vor, zu dessen Vorzügen auch Reichtum gehörte: „Ich weiß nicht, ob ich noch bemerken muss, dass sein Vater ein sehr vermögender Mann ist …“, schrieb er an den Freund.
Diese wenig romantischen, von politischen, wirtschaftlichen und finanziellen Motiven geleiteten Absichten waren auch bei Eheschließungen von Kaufleuten von Bedeutung. Diese bauten dadurch Netzwerke auf und festigten sie. Wichtige Informationen hierzu können uns Inschriften auf Monumenten vermitteln. Diese wurden meist von den Betroffenen selbst oder von ihren Angehörigen, Freunden oder Kollegen errichtet. Die Inschriften geben Auskunft über die Namen und die Herkunft der Händler, ihren Familien- und Freundeskreis einschließlich der Ämter, außerdem über die von ihnen gehandelten Güter sowie über Handelsorte und -routen.
Diese Informationsdichte sehen wir zum Beispiel bei der Grabinschrift des Caius Sentius Regulianus aus Rom. Er hatte den Rang eines römischen Ritters, handelte mit Öl aus der Baetica (römische Provinz in Südspanien), war Weinhändler in Lyon und Schiffer auf der Saône. Zudem war er Kurator der Öl- und Weinhändler sowie Patron der Weinhändler, der Saône-Schiffer und der seviri Augustales (Priester, deren Aufgabe die Verehrung des Kaisers war) von Lyon. Die von Regulianus befahrenen Handelsrouten verliefen höchstwahrscheinlich zwischen der Baetica, Gallien und Rom.
In Lyon ansässige Händler unterstützen sich gegenseitig
Eine Untersuchung der weitreichenden Familien- und Handelsverbindungen mit Hilfe der Netzwerkanalyse auf der Grundlage von Inschriften scheint sich also durchaus anzubieten. Ein solches Netzwerk bestand etwa zwischen mehreren in Lyon ansässigen Händlern, die zu den wirtschaftlich führenden Familien gehörten: die Apronii und insbesondere die Helvii. Lucius Helvius Frugi etwa war Kurator und Patron der Schiffer von Rhône und Saône sowie duumvir (Verwaltungsbeamter) von Vienne; Lucius Helvius Victorinus war Schiffer auf der Saône.
Ein Mitglied der Familie der Apronii war Caius Apronius Raptor, Bürger und Ratsmitglied der Treverer, deren Gebiet sich im Osten bzw. Nordosten Galliens befand. Er war in Lyon als Weinhändler und Schiffer auf der Saône sowie als Patron der Vereine der Saône-Schiffer und Weinhändler tätig.
Eine Inschrift aus dem nahegelegenen Grenoble zeigt, dass durch die Ehe zwischen Apronia Casata und Publius Helvius Masso eine Verbindung zwischen diesen Familien hergestellt worden war. Es ist durchaus denkbar, dass die Familien versuchten, durch ihre Heiratspolitik eine vorherrschende oder zumindest vorteilhafte Stellung in der Handels- und Transportwelt von Lyon, insbesondere im Weinhandel, zu erreichen oder zu sichern. Die Reichweite des so entstandenen Netzwerks erstreckte sich vermutlich weit über Lyon hinaus.





