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Die nutzlosen Siege des Pyrrhos
König Pyrrhos (um 319/18 – 272 v. Chr.) erklomm als Erster die Leiter. In voller Rüstung stieg er empor zu den karthagischen Verteidigern, sprang über die Brüstung und stürzte sich – dem Beispiel seines Ahnherrn Herakles folgend – in den Kampf. Mehrere Gegner streckte er mit dem Schwert nieder, andere stieß er in die Tiefe. Seine Truppen strömten hinter ihm her und nahmen die Stadt Eryx (das heutige Erice, Sizilien) im Sturm. So berichtet es der griechische Gelehrte Plutarch (um 45 – um 125). Pyrrhos war nun auf dem Höhepunkt seiner Macht. Süditalien stand unter seiner Oberherrschaft, und die Karthager waren weitgehend aus Sizilien vertrieben. Doch der Abstieg, an dem Rom einen beträchtlichen Anteil haben sollte, war nicht mehr fern.
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Pyrrhos von Epirus war ein Cousin Alexanders des Großen (356 – 323 v. Chr.). Olympias, Alexanders Mutter, war seine Großtante. In der mit Alexander beginnenden hellenistischen Ära, die von den erbitterten Kämpfen um Alexanders Nachfolge bestimmt war, spielte er zunächst eine untergeordnete Rolle. Das im äußersten Nordwesten des heutigen Griechenland liegende Epirus, das in Verbindung mit dem aufsteigenden Makedonien auf der politischen Bühne der Mittelmeerwelt erschienen war, blieb für die großen hellenistischen Könige letztlich Peripherie.
Und so war Pyrrhos lange ein Spielball mächtigerer Männer: Als kleiner Junge wurde er aus Epirus herausgeschmuggelt, als sein Onkel die Macht an sich riss. Nachdem er am illyrischen Hof aufgewachsen war, gelang ihm als jungem Mann die Rückkehr. Schon vier Jahre später wurde er allerdings wieder vertrieben – diesmal von Kassander (um 350 – 297 v. Chr.), dem Herrscher der Makedonen.
Seine Flucht führte ihn nach Ägypten an den Hof der Ptolemäer. Und es war Ptolemaios I. (367/66 – 283/82 v. Chr.), der ihn wieder auf den Thron von Epirus setzte – ausgestattet mit Truppen und Geld. Ptolemaios wollte dadurch Kassander schaden.
Nun hatte Pyrrhos also dank eines mächtigen Gönners die Herrschaft in Epirus ergriffen. Er machte sich allerdings keine Illusionen darüber, was seine Rolle bei den großen Machtkämpfen seiner Zeit war. Zukünftige Erfolge würde er nur mit Hilfe mächtiger Verbündeter erzielen können – es sei denn, es gelänge ihm, eine eigene Quelle an Geld und Truppen zu erschließen.
Die Chance dazu sollte sich ihm bald bieten: Als die griechische Stadt Tarent, ganz im Süden der italienischen Halbinsel gelegen, militärische Hilfe im Kampf gegen die Römer erbat, ergriff Pyrrhos die Gelegenheit beim Schopf. An diesem Punkt taucht Pyrrhos auf spektakuläre Art und Weise in der römischen Geschichtsschreibung auf.
Die Epiroten nutzen den Hilferuf Tarents, um sich in Süditalien breitzumachen
Der Pyrrhos-Krieg war für die Römer späterer Tage ein Großereignis, das gewissermaßen zwischen der heroischen Ära der Legenden und der verbürgten und zuverlässig erfassten Historie ihrer Vorfahren stattgefunden hatte. Pyrrhos wird in den römischen Quellen zu einem zweiten Alexander umgedeutet, der die ganze westliche Mittelmeerwelt unterwerfen will. Sich gegen ihn zu behaupten wird für Feldherren und Soldaten des aufstrebenden Rom eine große Bewährungsprobe, in der sie ihre Tugendhaftigkeit und ihre Willenskraft unter Beweis stellen müssen.
In Wirklichkeit hatte Pyrrhos mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit einen sehr viel realistischeren Plan als die vollständige Eroberung des Westens. Alles begann mit einem Konflikt zwischen Rom und Tarent. Beide Regionalmächte strebten in einem multipolaren Italien eine hervorgehobene Stellung an. Tarent sah sich als erste Macht in der Magna Graecia, dem griechisch besiedelten Teil der Halbinsel, während Rom sich in blutigen Konflikten mit Galliern, Etruskern, Samniten und anderen Volksstämmen zunehmend in Mittelitalien ausgebreitet hatte. Als Rom schließlich auch weiter nach Süden vordrang, sah man dies in Tarent als Bedrohung – und als die Stadt
Thurioi ein Bündnis mit Rom einging, stach die tarentinische Flotte in See und griff die unvorbereitete römische an. Einige Schiffe wurden zerstört, andere gekapert.
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Ob die Tarentiner damit gegen geltende Vereinbarungen verstießen oder die Römer dies im Vorlauf getan hatten, ist unklar. Der römischen Überlieferung zufolge schloss sich an den Überfall nun die Demütigung einer römischen Gesandtschaft an, die in Tarent Genugtuung verlangte. Auf jeden Fall rüstete Rom zum Krieg, Tarent rief Pyrrhos zu Hilfe, und der Gerufene erschien im Jahr 280 v. Chr. mit etwa 28 000 Soldaten und 20 Elefanten.
Pyrrhos wollte den Hilferuf der Tarentiner nutzen, um sich selbst zum Hegemon in Süditalien zu machen und die Region fortan als Truppen- und Geldreservoir nutzen zu können. So wäre es ihm endlich möglich gewesen, in den Kämpfen der hellenistischen Könige mitzumischen. Vermutlich hätte er einen Krieg mit Rom am liebsten vermieden. Seine Erklärung, in dem Konflikt zwischen Tarent und Rom vermitteln zu wollen, stieß in Rom aber auf wenig Verständnis. Für die Römer lag auf der Hand, dass man ihrer Bündnispolitik im Süden mit Gewalt begegnet war. Statt sich zurückzuziehen und Tarent den Einflussbereich im Süden zuzubilligen, suchten sie die Konfrontation. Dazu warteten sie nicht ab, sondern drangen tief in Feindesland vor. Bei der Stadt Heraclea trafen die Römer unter der Führung des Konsuls P. Valerius Laevinius auf die Epiroten des Pyrrhos.
Beide Heere waren zahlenmäßig wohl ungefähr gleich stark; zwischen ihnen lag der Fluss Siris. Die Römer, die im Feindesland standen und fragile Versorgungswege hatten, waren gezwungen, Pyrrhos, der noch auf die Ankunft verbündeter Truppen wartete, schnell herauszufordern. Ihr mühsamer Versuch, über den Fluss zu setzen, gelang schließlich mit Hilfe eines Flügelangriffs der Kavallerie, die ein gutes Stück abseits des Schlachtfeldes auf die andere Flussseite gelangt war.
Dennoch waren die Truppen ermüdet, als sie schließlich auf die geordneten Schlachtreihen der ausgeruhten Phalanx trafen.
Pyrrhos selbst zeichnete sich, der römischen Überlieferung zufolge, dadurch aus, dass er überall auf dem Schlachtfeld zu finden war, um persönlich einzugreifen. In seiner prunkvollen Rüstung war er leicht auszumachen – was ihm beinahe zum Verhängnis geworden wäre. Ein gewisser Oblacus Volsinius, Anführer einer Kavallerieeinheit der mit den Römern verbündeten Frentani, beobachtete Phyrros’ Bewegung auf dem Schlachtfeld sehr genau und wartete auf seine Gelegenheit. Im richtigen Augenblick galoppierte er heran. Seine Einheit durchbrach die Linie, und Oblacus hätte es fast geschafft, Pyrrhos im Zweikampf zu stellen.
Im letzten Moment wurde er jedoch von der Leibwache des Königs getötet. Pyrrhos war darüber so schockiert, dass er die schimmernde Rüstung gegen eine unscheinbarere eintauschte. Sein Gefolgsmann Megakles, der an seiner statt den prunkvollen Harnisch anlegte, fiel kurz darauf bei einem weiteren römischen Vorstoß. Die Epiroten glaubten entsetzt, ihr König sei gefallen, bis Pyrrhos sich ohne Helm zu erkennen gab, um zu verhindern, dass seine Linien in sich zusammenfielen.
Ob diese Anekdoten einen wahren Kern enthalten oder nicht, ist unklar. Als gesichert gelten kann jedoch, dass die Römer die Schlacht verloren – auch wenn die Quellen sich in dieser Sache keineswegs einig sind. Die Epiroten nahmen die römische Infanterie wahrscheinlich mit ihrer Kavallerie und den Elefanten in die Zange und walzten sie nieder.
Rom unterliegt zweimal, schließt aber keinen Frieden
Geschlagen zogen sich die Römer zurück. Und Pyrrhos setzte ihnen nach. Er wollte den Konflikt möglichst schnell beenden und Rom einen Frieden aufzwingen. Ungehindert marschierte er durch Kampanien. So erschreckend diese Entwicklung für die Römer auch war, Pyrrhos gelang es in der Folge dennoch nicht, die römische Einflusszone weiter zurückzudrängen. Roms Verbündete wechselten nicht die Seiten; die Einnahme von Rom selbst war ein unrealistisches Ziel, und so ordnete Pyrrhos schon bald unverrichteter Dinge den Rückzug an.
Die folgenden Friedensverhandlungen verliefen ergebnislos. Rom hatte zwar eine Niederlage erlitten, aber so wohlhabend und bevölkerungsreich, wie es war, konnte es diese durchaus verkraften. In zahlreichen Kriegen hatten die Römer bewiesen, dass sie einen langen Atem haben konnten. Beide Seiten bereiteten sich auf die nächste Schlacht vor.
Bei Ausculum kam es 279 v. Chr. zum zweiten Aufeinandertreffen. Die Römer schickten doppelt so viele Soldaten in die Schlacht wie bei Heraclea. Einen Tag lang wogte der Kampf hin und her. Die Römer hatten sich gut vorbereitet. 300 Kriegswagen sollten der Zerstörungskraft der Elefanten etwas entgegensetzen. Und tatsächlich gelang es Pyrrhos nicht, die Flügel seines Heeres zur Geltung zu bringen. Er musste sich zurückziehen. Damit war die Schlacht allerdings noch nicht vorbei, denn am nächsten Tag griff Pyrrhos erneut an. Leider berichtet Plutarch, der die glaubwürdigste Version des Schlachtverlaufs überliefert, nicht, welche Taktik Pyrrhos am folgenden Tag wählte. Sicher ist, dass sie ihm zum Sieg verhalf. Die Römer traten die Flucht an.
Damit hatte Pyrrhos fast alles erreicht, was er in Italien erreichen wollte. Der Süden war vorerst gesichert. Als Nächstes galt es, die Städte Siziliens in sein Bündnissystem zu integrieren. Als Gesandte aus dem sizilianischen Syrakus bei ihm eintrafen und ihn baten, in die internen Konflikte der Insel einzugreifen, fehlte ihm eigentlich nur ein Friedensvertrag mit Rom, um Italien sich selbst zu überlassen. Die Römer aber weigerten sich – bekräftigt durch eine Vereinbarung mit ihrem Erzfeind kommender Tage: dem nordafrikanischen Karthago. Die Karthager wollten die politische Fragmentierung auf Sizilien gern für sich nutzen und Pyrrhos fernhalten. Aber auch ohne die Karthager hätte man in Rom das Friedensangebot vermutlich abgelehnt. An der Ausgangssituation hatte sich auch nach der Schlacht von Ausculum nichts geändert: Rom konnte Verluste ausgleichen und herrschte über eine stabile Allianz.
Pyrrhos verließ Süditalien also ohne Friedensvertrag Richtung Sizilien. Vor Syrakus stand bereits eine große karthagische Armee, brach die Belagerung aber ab, als Pyrrhos an Land ging. Was nun folgte, war ein fast perfekter Feldzug: Mit Hilfe der Truppen aus Syrakus machte sich Pyrrhos daran, die Karthager Stadt für Stadt zurückzudrängen. Die Karthager stellten sich nicht zur Feldschlacht, sondern konzentrierten ihre Kraft in Lilybaion, Eryx und Panormos (heute Palermo). Nach zwei erfolgreichen Belagerungen blieb Lilybaion als einziger karthagischer Brückenkopf übrig – doch an diesem biss Pyrrhos sich die Zähne aus.
Pyrrhos scheitert politisch – und muss erneut kämpfen
Mit der gescheiterten Einnahme Lilybaions setzte der Niedergang ein. Pyrrhos war es zuerst gelungen, die zerstrittenen Städte mit militärischen Erfolgen hinter sich zu versammeln. Kaum war der Feldzug beendet, taten sich jedoch erste Risse auf. Besonders in Syrakus entwickelten die Eliten ein wachsendes Missfallen dem fremden König gegenüber. Pyrrhos gebärdete sich als Herrscher – schließlich war die Kontrolle Süditaliens und Siziliens der alleinige Sinn seines Engagements im Westen. Einen König wollte man in Syrakus allerdings nicht. Und auch die anderen Städte gingen allmählich auf Distanz. Hohe Abgaben, die Pyrrhos für den Bau einer Flotte verlangte, mit der er Lilybaion auch von der Meerseite aus abriegeln konnte, ohne sich vor den Karthagern fürchten zu müssen, belasteten die Geduld der Griechen.
Gleichzeitig blieb Rom nicht untätig. Wieder marschierten Legionen gen Süden. Pyrrhos’ Verbündete, allen voran die Samniten, waren nicht in der Lage standzuhalten. Schon waren wieder griechische Städte in Gefahr. Pyrrhos musste sich entscheiden, ob er in Sizilien oder in Italien weiterkämpfen wollte. Und er entschied sich für Italien. Erneut ließ er übersetzen und marschierte zum dritten Mal den kampfbereiten Römern entgegen.
Nahe einer samnitischen Stadt, die die Römer später Beneventum (heute: Benevento) nennen sollten, kam es 275 v. Chr. zur Schlacht. Die Römer gingen, den Quellen zufolge, geschwächt in den erneuten Kampf mit Pyrrhos. Eine Seuche hatte in Rom gewütet und viele Opfer gefordert. Dazu kam ein schlechtes Omen: Auf dem Kapitol hatte ein Blitz der Jupiter-Statue den Kopf von den Schultern gesprengt. Ungeachtet dessen waren zwei neu ausgehobene Heere gen Süden geschickt worden. Sie trafen auf einen politisch geschwächten König, der mit einem weiteren Sieg über Rom seine zerfallende Allianz zu stärken hoffte.
Da die beiden Heere getrennt marschierten, plante Pyrrhos, sie getrennt zu schlagen. Er entsandte einen kleineren Teil seiner Streitmacht, um die Römer unter der Führung des L. Lentulus Caudinus so lange wie möglich zu binden, während er selbst mit dem Hauptteil seiner Armee die von Curius Dentatus geführten Truppen angreifen wollte. Um schnell die Entscheidung herbeizuführen, schickte er des Nachts erfahrene Soldaten aus, um die Römer zu umgehen und sie am kommenden Morgen in die Zange zu nehmen. Der Plan schlug jedoch fehl. Zu spät erreichten die erschöpften Männer ihre Stellung und wurden entdeckt.
Damit war die Schlacht noch nicht entschieden. Curius ließ vorrücken, konnte aber nicht die Oberhand gewinnen. Die Kämpfe nahmen bald chaotische Züge an. Die Heere verkeilten sich ineinander, und den Kommandeuren auf beiden Seiten drohte die Kontrolle zu entgleiten. In den römischen Quellen spielen nun die Elefanten eine große Rolle. Diese konnten erstmals unter großen Anstrengungen abgewehrt werden – und nicht nur das: Die Tiere brachen aus und stürmten durch die Reihen des eigenen Heeres. Damit war die Entscheidung gefallen. Pyrrhos ordnete den Rückzug an.
Die Niederlage gegen die Römer bedeutete das Ende seiner Ambitionen in Süditalien. Mit dem Kern seines Heeres, das er fünf Jahre zuvor mitgebracht hatte, trat er 275 v. Chr. die Heimreise nach Epirus an. Zwar ließ er Garnisonen zurück und wollte auch die Kontrolle über Tarent nicht aufgeben, doch waren dies letztlich nicht mehr als Reste eines großen Unternehmens, von dem fast nichts mehr übrig war. Curius konnte Pyrrhos’ Elefanten im Triumphzug durch Rom führen.
Wenig ist erreicht, und Pyrrhos endet unrühmlich
Der König selbst starb drei Jahre später in Argos. Dorthin hatte ihn ebenfalls ein Hilferuf geführt. Doch es wurde ein ungleich kürzeres Abenteuer: Nachdem es ihm gelungen war, die Stadt in der Nacht zu stürmen, traf ihn, der Überlieferung zufolge, am nächsten Tag ein Dachziegel am Kopf, den eine alte Frau geschleudert hatte. Und so nahm das Leben des Pyrrhos ein plötzliches Ende.
Für die römischen Zeitgenossen bedeutete sein Tod in erster Linie, dass Tarent nun jedes Schutzes beraubt war und angegriffen werden konnte. Für ihre Nachkommen hingegen starb auf Argos ein Mann vom Format Alexanders des Großen, dessen Niederlage Rom den Weg an die Spitze der Mittelmeerwelt geebnet hatte.
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