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Die Rache des „Schlächters“
Nach der Niederwerfung des Jakobiten-Aufstands ließ der Herzog von Cumberland, der dritte Sohn König Georgs II., ganz Schottland für die Beteiligung an der Rebellion büßen. Besonders die traditionelle Welt der Clans sollte zerschlagen werden.
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Nach der Schlacht von Culloden standen in Großbritannien die Zeichen nicht auf Versöhnung – das Gegenteil war der Fall. Die Londoner Regierung unternahm praktisch nichts, um nach ihrem militärischen Erfolg wenigstens ansatzweise auf das politische Anliegen der Schotten einzugehen. Ein jahrhundertealtes Problem, das das Zusammenleben zweier Nachbarvölker immer wieder vergiftet hatte, schien zumindest aus der Sicht Londons auf absehbare Zeit gelöst zu sein.
In den Monaten und Jahren nach Culloden erlebte die schottische Bevölkerung die Rache des Siegers. Wilhelm August, Herzog von Cumberland, der Oberbefehlshaber der siegreichen englischen Armee, hatte praktisch freie Hand, um die Reste des militärischen und politischen Widerstands in Schottland auszulöschen. Sein Vorgehen war dabei von beispielloser Härte und Brutalität. Die Zeitgenossen und Nachfahren nannten ihn den „Schlächter“.
Allein die Nennung seines Namens verbreitete bei den Menschen Angst und Schrecken. Noch zwei Generationen später sprach Schottlands großer Romancier und Nationaldichter Sir Walter Scott (1771–1832) von „diesem furchtbaren Helden“, der gekommen sei, „um uns arme Highlander bei lebendigem Leibe zu verschlingen“.
Scott hatte bei der Charakterisierung des Herzogs nicht übertrieben. Cumberland zögerte nicht lange, seine rigorosen Strafmaßnahmen, die vom König und der Regierung in London gebilligt wurden, umzusetzen. Verwundete Schotten und Gefangene ließ er kaltblütig hinrichten. Einige höherrangige Gefangene wurden zunächst verschont, dann aber in Inverness vor Gericht gestellt, verurteilt und gehängt.
Wo immer die englischen Truppen auftauchten, geschah Unrecht, wurde geplündert und geraubt, zerstört und gemordet. Bei den Jakobiten, so rechtfertigte Cumberland sein auch für die damaligen Verhältnisse brutales Vorgehen in Schottland, handele es sich um Hochverräter, denen gegenüber die üblichen Kriegsregeln nicht galten.
Ganze Landstriche waren für Jahre dem Verfall preisgegeben
Reisende erlebten noch jahrelang ein verwüstetes und demoralisiertes Land. Armselige Lebensbedingungen und wirtschaftliche Not waren allgegenwärtig. Walter Scott gab einen ungeschminkten Bericht: „In jenen Gegenden, in denen sich der Landadel der Sache des Stuart-Prinzen angeschlossen hatte, schienen dessen Häuser zerstört oder verlassen zu sein, und die üblichen Instandhaltungsarbeiten wurden nicht länger durchgeführt. Man sah die Bewohner herumirren, und in ihren Gesichtern sah man nur Angst, Sorgen und Niedergeschlagenheit.“
Auch eher symbolische Handlungen sollten die schottische Bevölkerung dazu bringen, sich von den Zielen der Jakobiten abzuwenden. Die Fahnen der besiegten Aufständischen wurden öffentlich verbrannt. Nur eine einzige von ihnen blieb bis heute erhalten, weil sie versteckt werden konnte. Auf ihr sind noch die Blutflecken des getöteten Fahnenträgers zu sehen. Sie wird in der Burg von Edinburgh als nationale Reliquie aufbewahrt.
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Auf der Linie gnadenloser Vergeltung lagen auch Maßnahmen, die sich direkt gegen die schottische Lebenswelt, gegen die traditionelle Führungsschicht des Landes und gegen die spirituelle Existenz der schottischen Nation richteten. Alles, was irgendwie als schottische Eigenart oder Tradition gelten konnte, wurde von den Siegern verboten. Sie wollten ein unverkennbar englischgeprägtes „vereinigtes“ Königreich schaffen, regiert von einer Zentralregierung in London, nicht mehr und nicht weniger.
Für politische oder kulturelle Autonomie Schottlands blieb kaum Spielraum. In London sagte man „North Britain“, wenn von Schottland die Rede war. In der nach 1767 gebauten Neustadt von Edinburgh erhielten Plätze Namen wie „George Square“ oder „Charlotte Square“, und eine große Straße hieß auf einmal „Hanover Street“.
Das war im Grunde eine Politik, die zwar anachronistische Lebensweisen gewaltsam unterdrücken konnte und die Kultur der Highlands praktisch auslöschen wollte. Aber letzten Endes stand sie dem Geist des nationalen Erwachens, der sich überall in Europa seit dem späten 18. Jahrhundert bemerkbar machte, diametral entgegen. Statt nationale Besonderheiten zu akzeptieren oder sie zumindest in einem multinationalen Staat zu tolerieren, begriffen sie die Sieger von Culloden als hinderlich für die Integration Schottlands in das als fortschrittlich und modern interpretierte, aber eben englische Königreich unter der Dynastie der protestantischen Hannoveraner.
So verfügte die Zentralregierung, dass die schottischen Clan-Chefs hinfort keine Privatarmeen mehr unterhalten durften. Ihre Waffen mussten sie abgeben. Die lokale Gerichtsbarkeit, die sie seit Menschengedenken ausübten, wurde ihnen entzogen. Jene Clan-Chefs, die den „Young Pretender“ offen unterstützt oder ihm nahegestanden hatten, verloren ihren Grundbesitz. Dudelsäcke (bag pipes) und Kilts, die in der Vergangenheit gerade im militärischen Bereich für die Schotten eine identitätstiftende Bedeutung hatten, wurden verboten, ebenso der Gebrauch der gälischen Sprache.
In London werden alle Schotten über einen Kamm geschoren
Die Strafmaßnahmen der Londoner Regierung richteten sich vor allem gegen die Highlands. Aber in ihren Verlautbarungen redete sie pauschal von „den Schotten“ – so, als teilten alle Schotten eine gemeinsame Herkunft aus den Highlands und als trügen sie alle Kilts und Tartanstoffe. Sie ignorierte die schlichte Erkenntnis, dass die Highlands für die Menschen in Glasgow oder Edinburgh eine ziemlich fremde Welt waren, mit der sie kaum Kontakte hatten.
Der schottische Historiker Michael Lynch meinte, das Blutvergießen nach der schottischen Niederlage von Culloden und die Strafmaßnahmen gegen die Bevölkerung seien so furchtbar gewesen, weil es „nach 40 Jahren voller Frustrationen im Umgang der Engländer mit einem keltischen Volk geschah. Es war ein weiterer Akt in dem langen Drama der Festigung des englischen Reiches“.
Sein englischer Kollege Paul Langford wiegelte zur selben Zeit ab. Er räumte ein, dass der Feldzug des Schreckens in den schottischen Highlands zwar alles bisher Dagewesene sprengte und der Herzog von Cumberland als Exekutor der rücksichtslosen englischen Integrationspolitik zu verurteilen sei. Aber er fügte hinzu, dass diese Politik mit ihren tödlichen und unterdrückenden Konsequenzen in der Geschichtsschreibung oft übertrieben dargestellt werde.
Das war ein durchsichtiger Versuch, das damalige Geschehen in Schottland im Gefolge von Culloden zu verharmlosen und demjenigen, der für die Strafmaßnahmen gegen die schottischen Clans und ihre Gefolgschaften verantwortlich war, mildernde Umstände zuzubilligen. Englische Historiker sind meist wortkarg, wenn es um Culloden und die Folgen geht.
Der schottische Nationalismus beschränkt sich auf die Kultur
Die alles entscheidende Niederlage von Culloden und der nachfolgende Rachefeldzug des Herzogs von Cumberland haben Schottland traumatisiert. Erst im späteren Verlauf des 18. Jahrhunderts erholte sich die Region langsam. Viele Schotten waren zudem nach Übersee ausgewandert oder in die neuen Industriestädte des Vereinigten Königreichs gezogen.
In den Jahren nach Culloden kam in Schottland ein kultureller Nationalismus auf. Diesem hingen zunächst nur einige städtische Intellektuelle, dann aber breitere Bevölkerungsschichten an. Die Schotten entdeckten damit für sich Freiräume, die ihnen auf der politischen Ebene weitgehend verschlossen waren. Ein „Los von England!“ propagierten zwischen dem späten 18. und dem frühen 20. Jahrhundert allenfalls unbedeutende Randgruppen, die sich gern an der „Home-Rule“-Bewegung in Irland, also dem dortigen Streben nach Selbstverwaltung, orientierten.
Im Grunde gab es erst nach dem Ersten Weltkrieg tastende Versuche, den politischen Anliegen der Schotten eine Stimme in der Öffentlichkeit zu geben. 1928 wurde die National Party of Scotland gegründet, die sechs Jahre danach in Scottish National Party umbenannt wurde. Das war die Geburtsstunde des organisierten politischen Nationalismus in Schottland.
Unter dem Schlagwort „Regionalismus“ forderten die Nationalisten seither für Schottland Autonomie. Im Lauf der Jahre sind die Ziele des politischen Nationalismus radikaler geworden. Die lange, quälende Debatte in jüngster Zeit über den Brexit des Vereinigten Königreichs hat dazu maßgeblich beigetragen. Heutzutage stellt der schottische Nationalismus die Zukunft des Vereinigten Königreichs als multinationaler Staat in Frage – 275 Jahre nach Culloden.
Das Jahr 1746 bezeichnet mithin kein Ende schottischer Identität. Die Trauer über eine verlorene Kultur, die häufig als barbarisch oder unzivilisiert geschmäht wurde, verwandelte sich mit den Jahren in die nostalgische Beschäftigung mit dieser Kultur in Literatur, Musik und bildender Kunst – nicht nur in Schottland, sondern auch in England und Deutschland. „Ich bin glücklich“, erklärte 1766 der Herzog von Atholl, ein Schotte, „Trost zu finden in den Felsen und Bergen Schottlands, weit weg von den Stimmen des Streits und der Liederlichkeit in London“. So empfanden viele.
Nur so erklärt sich wahrscheinlich der Kult um den gälischen Sänger und Dichter Ossian, der im 3. Jahrhundert gelebt haben soll. James Macpherson (1736 –1796), ein schottischer Schriftsteller, hatte ihn angeblich entdeckt und seine epischen Dichtungen und seine Lieder ins Englische übersetzt. Macpherson gab sie als authentische Zeugnisse einer verschütteten kulturellen Blütezeit in Schottland aus.
Die Veröffentlichung dieser vermeintlich alten Dichtungen seit 1760 war eine Sensation. Jahrelang verzauberten sie in Europa die Menschen, selbst dann noch, als sie als Fälschungen entlarvt worden waren. Macpherson hatte sie selbst verfasst.
Der desillusionierende Skandal um Ossian und eine angeblich heroische schottische Vergangenheit tat dem stetig wachsenden Interesse an der Folklore und der erhabenen Landschaft der Highlands keinen Abbruch. Es erfasste selbst die königliche Familie im fernen London. Als erster Monarch aus der hannoveranischen Dynastie entschloss sich der unpopuläre Georg IV. im August 1822 zu einem Schottland-Besuch, der allerdings auf Edinburgh beschränkt blieb.
Von Walter Scott als Geste der Versöhnung zwischen Schotten und Engländern organisiert, wurde die monarchische Visite wider Erwarten ein großer Erfolg. Bei seinem Umritt durch Edinburgh trug der beleibte König einen Kilt, angeblich in den Farben der Stuarts. Das Posieren als Schotte sollte die Aussöhnung der Hannoveraner mit der jakobitischen Tradition jedermann deutlich machen. Der Unterhaltungswert des vielberedeten Ereignisses für die Bürger Edinburghs war jedenfalls beträchtlich.
Wesentlich konkreter und längst überfällig war allerdings, dass Georg IV. nach langem Zögern für die gesetzliche und politische Gleichstellung der Katholiken im Vereinigten Königreich, also auch in Schottland, eintrat. Das regelte im April 1829 ein Gesetz des Londoner Parlaments.
Für Königin Viktoria wird der Norden zum Sehnsuchtsort
Königin Viktoria, die Nichte und Nachfolgerin Georgs IV. auf dem Thron, ging in ihrer emotionalen Zuwendung für ihre schottischen Untertanen noch entschieden weiter. Schon als junge Königin hatte sie Schottland kennengelernt. Seitdem war ihre Begeisterung für alles Schottische nahezu grenzenlos. Als sie im Oktober 1844 von einer Schottlandreise zurückkehrte, notierte sie in ihrem Tagebuch: „Das Hochland und seine Bewohner sind etwas ganz Besonderes, sie sind so ritterlich, edel und voller Tatendrang … Ganz abgesehen von der schönen Landschaft waren wir von der Ruhe, Abgeschiedenheit und Wildnis, der Freiheit und Einsamkeit ganz verzaubert.“
In einem Herrenhaus am Fluss Dee in Aberdeenshire, einer der schönsten Gegenden Schottlands, verbrachte sie mehrmals ihre Ferien. 1852 entschloss sie sich, dort für sich und ihre wachsende Familie eine großzügige Sommerresidenz inmitten eines ausgedehnten Grundbesitzes zu bauen. Geplant wurde Schloss Balmoral vom Stadtarchitekten von Aberdeen in enger Zusammenarbeit mit dem Prinzgemahl Albert, den die Landschaft um Balmoral an Thüringen erinnerte. Schon 1856 konnte die schottische Sommerresidenz bezogen werden.
„Dieses geliebte Paradies“ nannte Viktoria das Schloss, ihr ganz persönliches Neuschwanstein. Dort trugen die männlichen Mitglieder der Königsfamilie schottische Tracht, und bei Festen tanzten die Gastgeberin und ihre Gäste schottische Tänze. Überall im Haus sah man Schottlands Wahrzeichen, die Distel. Morgens spielte vor dem Schlafzimmerfenster der Königin ein Dudelsackpfeifer schottische Melodien. Das Verbot, in der Öffentlichkeit schottische Tracht zu tragen und den Dudelsack zu spielen, war schon im späten 18. Jahrhundert schrittweise gelockert worden.
Erst seit 1881 gibt es auf dem Schlachtfeld ein Denkmal
Culloden und all das, was die Schlacht und ihre Folgen für die schottische Identität bedeuteten, war angesichts der überbordenden Schottland-Schwärmerei, wie sie vom Königshaus, vom Bürgertum und von Literaten zelebriert wurde, längst in den Hintergrund getreten.
Als Theodor Fontane während seiner Schottlandreise im August 1858 auch das Schlachtfeld besuchte, konnte er seine Enttäuschung, ja Verärgerung über die armselige Würdigung der schottischen Opfer im Kampf gegen die Engländer kaum verbergen.
Was der Preuße Fontane in Culloden sah, waren düstere Tristesse und, wie er in seinem Reisebericht „Jenseits des Tweed“ schrieb, „die absolute Öde dieses meilenlangen Moors, darauf nicht Baum, nicht Strauch gedeiht“. Er sah Gräber der gefallenen Highlander und „einen Haufen Steine, teils noch aufgeschichtet daliegend, teils umhergestreut, das Ganze eine Stätte der Verwüstung“. Die Steine waren eigentlich für ein Culloden-Denkmal in Form einer Pyramide bestimmt gewesen. Erst 1881 wurde dieses auf private Initiative hin fertiggestellt. In dieser Zeit war Culloden immer mehr zum Wallfahrtsort der national gesinnten Schotten geworden.
Das über zehn Meter hohe Denkmal („Memorial Cairn“) aus großen Granitsteinen, das heute an die gefallenen Jakobiten erinnert, sieht aus wie ein riesiger Bienenkorb (die Idee der Pyramide wurde verworfen). Es steht inmitten zahlreicher Gedenksteine. Sie tragen die Namen derjenigen Clans, die Angehörige zu beklagen haben, die hier im Schicksalsjahr 1746 in einem der schrecklichsten Gemetzel der britischen Geschichte gefallen sind.
Was wurde aus den Stuarts selbst? Nach dem Tod von Charles Edward Stuart 1788 stieg sein Bruder Henry, Kardinal von York, zum Oberhaupt der Familie auf. Dass er damit in der Tradition der Jakobiten zu König Heinrich IX. von Großbritannien wurde, interessierte damals schon niemanden mehr. Der Enkel Jakobs II. erhob – im Gegensatz zu seinem Bruder – keine Ansprüche auf den englischen Thron. Da der Kardinal inzwischen in finanzielle Schwierigkeiten geraten war, sprach ihm König Georg III. – also der einstige Hannoveraner Erzfeind – sogar eine jährliche Pension zu.
Heinrich starb kinderlos. Damit war die direkte Linie erloschen. Das hielt jakobitische Enthusiasten allerdings nicht davon ab, mögliche andere Stuart-Linien bis in die heutige Zeit zu verfolgen. Demnach wäre Franz von Bayern, das aktuelle Oberhaupt der Wittelsbacher, ein Thronkonkurrent von Königin Elisabeth II. Ernstgenommen wird dieser vermeintliche Anspruch allerdings von keiner Seite.
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