Trotz der dramatischen wirtschaftlichen Krise fanden in den USA – anders als in Europa – rechte Antidemokraten und Kommunisten kaum Zulauf. Kritik am kapitalistischen System kam vor allem von Künstlern, etwa dem Literaten John Steinbeck oder dem Musiker Woody Guthrie.
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Es ist ein Superwahljahr unter bedrückenden Umständen. Die Menschen in den wichtigsten Industrienationen gehen 1932 an die Wahlurnen, während Massenarbeitslosigkeit und Verelendung herrschen. Im Frankreich der Dritten Republik siegt die Linke, und Édouard Herriot von der Radikalen Partei wird Regierungschef; am Horizont zeichnet sich die Volksfront-Regierung ab, die vier Jahre später an die Macht kommen wird. In Deutschland stimmen bei der Reichstagswahl im Juli 14,3 Prozent für die Kommunisten, während eine andere radikale Partei, die NSDAP, mit mehr als 37 Prozent noch weitaus besser abschneidet.
Ganz anders ist die Wählertendenz jenseits des Atlantik. Bei der Präsidentschaftswahl am 8. November 1932 in den USA erhält der Kandidat der Kommunistischen Partei, William Z. Foster, der mit seinem running mate James W. Ford (einem der ersten afroamerikanischen Kandidaten für die Vizepräsidentschaft) angetreten ist, ganze 0,26 Prozent der Wählerstimmen. An eine Volksfront, an einen Linksblock ist nicht zu denken: Die Kandidaten der Sozialistischen Partei und der Sozialistischen Labor-Partei erhalten 2,23 bzw. 0,09 Prozent der Stimmen.
Die alte Weisheit, dass Sozialismus in den USA keine Chance hat, bestätigte sich in der Zeit der Großen Depression zumindest beim Wahlakt aufs eindrücklichste. Der Zuspruch für die linken Parteien und Gruppierungen war extrem gering; der für radikale Strömungen am entgegengesetzten Ende des Spektrums ebenfalls.
Auch die diskriminierten Afroamerikaner distanzieren sich vom Kommunismus
Selbst bei den Afroamerikanern, der traditionell am stärksten (neben den indigenen Amerikanern) benachteiligten Bevölkerungsschicht, verfing Klassenkampfrhetorik nicht. Die Zeitschrift der Bürgerrechtsorganisation NAACP („National Association for the Advancement of Colored People“) schrieb im April 1932 geradezu stolz: „Die Führer der Kommunisten sind verunsichert. Sie glauben, dass der Radikalismus des heutigen Negers [das englische Wort negro wurde damals auch von Farbigen zur Selbstbeschreibung benutzt] ihn perfekt zum Kommunismus führen muss. Das ist ein Irrtum. Der radikale Neger ist … intelligent; er weiß, was er will. Und er weiß, dass er keinen Kommunismus will.“
Stattdessen führten die von der Wirtschaftskrise gebeutelten Amerikaner ihre Revolution als lupenreine Demokraten durch: Sie gingen an jenem 8. November 1932 in Rekordzahl zur Wahl und stimmten mit einem Erdrutschergebnis für einen radikalen Systemwandel – also für die Etablierung eines sogenannten starken Staates, der in Krisenzeiten in nie dagewesener Weise in das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben der Nation eingreifen würde. Zusammen mit der Präsidentschaftswahl von 1932 schufen die Kongresswahlen von 1934 und später Roosevelts Wiederwahl 1936 die breite Basis für staatliche Intervention und für heute noch bestehende Einrichtungen wie das System der Social Security.
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Die Ablehnung sozialistischen, kommunistischen und rechtsradikalen Gedankengutes bei der Stimmabgabe kann nicht verdecken, dass System- und Sozialkritik in den Jahren der Großen Depression einen festen Platz in der Gesellschaft und besonders im Kulturleben der USA hatten. Und auch nicht, dass dezidiert linke Kandidaten nicht allein an einer US-amerikanischen Aversion gegen den Sozialismus scheiterten – die Macht der traditionellen Eliten schien auch in der Großen Krise ungebrochen, wie der Schriftsteller Upton Sinclair erleben musste. Der Sozialist, der 1906 mit seinem Buch „The Jungle“ über die erschreckenden Zustände in der einheimischen Fleischindustrie Berühmtheit erlangt hatte, wollte seine sozialpolitischen Visionen – die von ihm gegründete EPIC-Bewegung („End Poverty in California“) hatte enormen Zulauf – nicht in der bedeutungslosen Sozialistischen Partei, sondern in einer der beiden großen Parteien innerhalb des etablierten Systems umsetzen.
1934 wurde Sinclair Kandidat der Demokraten für das Amt des Gouverneurs von Kalifornien in einem Wahlkampf, der landesweite Beachtung fand. Nachdem er in den damals noch unsicheren Umfragen in Führung zu liegen schien, führten vor allem zwei der mächtigsten Kalifornier, Zeitungsverleger Randolph Hearst und Filmmogul Louis B. Mayer, eine Schmutzkampagne gegen Sinclair, der als Bedrohung für die Religion, die Ehe und amerikanische Werte dargestellt wurde.
In den Kinos lief vor Filmen aus Mayers MGM-Studios eine Wochenschau, in dem ein inquiring cameraman, ein Kamerareporter, vermeintlich repräsentativen „Menschen von der Straße“ Fragen stellte, deren Antworten Sinclair in ein schiefes Licht setzten. Für ihn sprachen sich erkennbar eher geistig minderbemittelte Zeitgenossen aus, die „Vernünftigen“ unterstützten dagegen den Republikaner Frank Merriam.
Sinclair verlor die Wahl. Das war aber noch ein vergleichsweise gnädiges Schicksal: Der Demokrat und Senator aus Louisiana, Huey Long, dem die mehrheitlich äußerst Roosevelt-freundliche Presse den Begriff „Demagoge“ anhängte, forderte unter anderem, dass niemand mehr als 50 Millionen Dollar besitzen dürfe. Long, ein Kritiker des Präsidenten und möglicher innerparteilicher Rivale für die Wahl von 1936, wurde am 8. September 1935 von Carl Weiss, einem jungen Arzt, angeschossen und erlag zwei Tage später seiner Verletzung.
Viel Geld zu „machen“, eigentlich der Inbegriff des US-amerikanischen Traums, löste in einer Zeit weitverbreiteter Not Missgunst aus. Einen solchen Sozialneid, der in anderen Gesellschaften durchaus Tradition hat, kannte man in USA eigentlich nicht. In den 1930er Jahren wurde neben Sportlern und Filmstars plötzlich eine ganz andere Personengruppe zu Helden der Populärkultur: Gangster. Wer den Reichen und den Banken nahm, konnte sich plötzlich breiter Sympathien sicher sein, auch wenn er es nicht unbedingt in Robin-Hood-Manier an die Armen gab.
Woodie Guthrie wird zur Stimme der Entrechteten
Kultstatus erreichte vor allem Charles „Pretty Boy“ Floyd, der bei seinen Banküberfällen eine ausgeprägt soziale Ader gezeigt haben soll, indem er Hypothekendokumente verbrannte und damit möglicherweise zahlreiche zahlungsunfähige Familien vor der Zwangsräumung bewahrte. Egal, ob es sich dabei um eine Tatsache oder eine Legende handelt: Es zeigt auf, dass in der Bevölkerung eine Sehnsucht nach einem Rächer bestand, der es mit den Autoritäten und den Besitzenden aufnahm.
Zu diesem Mythos trug nicht unwesentlich eine der wichtigsten Stimmen der Sozialkritik in der Depression bei: Woody Guthrie (1912 –1967) veröffentlichte 1939 das Protestlied „Pretty Boy Floyd“, in dem er Floyds vermeintliche Sympathien für die Armen romantisch verklärte und im Gegenzug die auf Räumung bestehenden Hypothekenbanken mit Gangstern gleichstellte.
Guthrie war ein Liedermacher mit Sympathien für den Kommunismus, auch wenn er offenbar nie Mitglied der Partei war, für deren Zeitung „People’s World“ er eine Kolumne schrieb. Wie viele Kommunisten in den westlichen Demokratien war Guthrie ein Wendehals und stellte seine Kritik am Nationalsozialismus mit dem Hitler-Stalin-Pakt vom August 1939 fast schlagartig ein.
In seinem Œuvre schilderte er das Leben der Menschen in Depression und „Dust Bowl“; wahrscheinlich würde es den 1967 im Alter von nur 55 Jahren an einer unheilbaren Erbkrankheit verstorbenen Troubadour der Unterprivilegierten maßlos ärgern, dass „This Land is Your Land“ zu seinem bekanntesten Werk wurde und heute eher aus patriotischen denn aus gesellschaftskritischen Motiven gesungen wird.
Pretty Boy Floyd, das Objekt von Guthries postumer Wertschätzung, wurde im Oktober 1934 von FBI-Agenten unter ungeklärten Umständen erschossen. Die Beisetzung des Bankräubers fand im Beisein von nach Schätzungen 20 000 bis 40 000 Menschen statt – es ist bis heute die größte Besuchermenge bei einer Beerdigung in der Geschichte Oklahomas.
Fast ebenso groß war im selben Jahr die Menge im Nachbarstaat Texas, als zwei andere höchst populäre Desperados beigesetzt wurden: Bonnie Parker und Clyde Barrow, deren Tod in einem Polizeihinterhalt eher ein Massaker (mehr als 130 Schüsse wurden auf die beiden abgefeuert) als eine Strafverfolgung darstellte – ein Vorgehen, das die Sympathien für die Outlaws eher noch förderte.
War Guthrie der Barde der Depression und der ins Elend Gestürzten, so war John Steinbeck der literarische Herold der Entwurzelten. Ähnlich wie die Fotografin Dorothea Lange zog Steinbeck durch die von Wirtschaftsnot und Naturkatastrophe heimgesuchten Regionen des Mittelwestens und folgte im Auftrag einer Tageszeitung aus San Francisco den gen Kalifornien ziehenden Menschen. Seine Romane „Grapes of Wrath“ („Früchte des Zorns“) und „Of Mice and Men“ („Von Mäusen und Menschen“) wurden zum literarischen Spiegelbild der Krise schlechthin.
Ausgerechnet in Kalifornien wurden die „Früchte des Zorns“ zunächst als prokommunistisch verboten. Steinbeck dürfte dies wenig gestört haben, zum einen aufgrund der erfreulichen Verkaufszahlen, zum anderen hatte er wie viele amerikanische Linke in den 1930er Jahren durchaus Sympathien für Stalins Sowjetunion. So unterzeichnete er 1939 sogar zusammen mit anderen Literaten einen Brief der Lobhuldigung nach dem sowjetischen Angriff auf das kleine Finnland. Der Pulitzer-Preis 1940 und der Nobelpreis für Literatur 1962 überstrahlen heute solche Eskapaden eines in mancherlei Hinsicht typischen Vertreters der linken US-Kulturelite der 1930er Jahre.
Die wichtigste und weit über die Grenzen der USA ausstrahlende Kulturinstitution war Hollywood. Die 1930er Jahre waren das goldene Zeitalter der Traumfabrik, und 1939, das Jahr, in dem in Europa wieder einmal die Lichter ausgingen, war das cineastische annus mirabilis mit Meisterwerken wie „Mr. Smith geht nach Washington“, „Der Zauberer von Oz“ und „Vom Winde verweht“.
Hollywood: zwischen Systemkritik und Durchhalteparolen
Zahlreiche Produktionen dienten der Zerstreuung der Menschen, dem Verschaffen von knapp zwei Stunden Frohsinn und Unterhaltung mit Publikumserfolgen wie „Ninotschka“ mit Greta Garbo und „Die Abenteuer des Robin Hood“ mit Errol Flynn. Doch auch gesellschaftskritische und dezidiert politische Filme kamen in die Lichtspielhäuser. Die beiden bekanntesten Bücher Steinbecks wurden 1939 („Von Mäusen und Menschen“) und 1940 („Früchte des Zorn“) verfilmt; letzterer Film machte Henry Fonda, der darin den Tom Joad spielt, endgültig zum Weltstar.
1934 kam „Unser tägliches Brot“ von King Vidor in die Kinos und erzählte von einem entwurzelten jungen Paar, das der Not in der Großstadt entflieht und sich ein Leben auf einer Farm aufzubauen sucht – zweifellos in der denkbar schlechtesten Zeit, um Landwirtschaft zu betreiben. Hilfe und Unterstützung finden sie dennoch bei anderen Menschen am Rand ihrer Existenz.
Im 1937 entstandenen „Kein Platz für Eltern“ wird das Auseinanderbrechen einer Familie und der Ehe eines älteren Paares skizziert, die das Schicksal der eviction, der Vertreibung aus ihrem Haus auf Betreiben von Vermietern und Banken, erleiden. Der Regisseur Orson Welles sagte über diesen Film, dass er selbst einen Stein zum Weinen bringen würde.
Hier wie auch in anderen Verarbeitungen der menschlichen Erfahrungen in der Krise sind die Reichen – in den „Roaring Twenties“ noch umschwärmte Vorbilder für die Massenmedien – entweder nicht existent oder eine vom Leben der meisten Menschen abgehobene, negativ dargestellte Schicht.
Die Bessergestellten gaben indes den Kritikern oft reichlich Munition, zum Beispiel durch eine von der Finanzelite geschätzte Publikation wie „Fortune“. Die Zeitschrift berichtete im Dezember 1931 bar jedweden Mitgefühls oder auch nur eines Hauchs von Ironie, welche Chancen sich dem Wohlsituierten angesichts der Massenarbeitslosigkeit eröffneten: „Sie können in Los Angeles jemanden finden, der sich für einen Dollar in der Woche um Ihren Garten kümmert. Sie können ein würdiges Ehepaar in Boston bekommen, das für 80 Dollar im Monat Ihr Haus an der Commonwealth Avenue in Schuss hält. Und in Virginia wird ein schlurfender Neger für acht Dollar im Monat Ihre Wäsche machen und Ihr Hühnchen braten.“
Angesichts der Spaltung der Gesellschaft in Haves und Have-nots wurde auch die Frage nach der Überlebensfähigkeit der US-amerikanischen Demokratie gestellt. Sinclair Lewis’ nur leicht utopischer politischer Roman „Das ist bei uns nicht möglich“ ging seinen Lesern unter die Haut und mag auch heute noch ein Gruseln verursachen: 1935 erschienen, schildert Lewis den Sieg eines populistischen Senators bei den Präsidentschaftswahlen im darauffolgenden Jahr und den Marsch in eine US-Variante des Faschismus. Bezug genommen wird dabei kaum verhüllt auf Hitlers (oder Mussolinis) Machtübernahme; der Roman sollte zum Nachdenken anregen: Unter bestimmten Umständen könne so etwas eben auch in den USA passieren.
Lewis’ düstere Vision – der zunächst mit Lionel Barrymore in einer Hauptrolle geplante Film wurde wohl auch mit Rücksicht auf den „deutschen Markt“ nicht vollendet – sollte sich zum Glück für Amerika und die Welt weder 1936 noch 80 Jahre später erfüllen.
Zu kritischen literarischen Werken und Filmen gesellte sich bald nach Einführung des New Deal eine Flut staatlicher oder zumindest regierungsfreundlicher Propaganda. Dass es aufwärtsging – der Schlager „Happy Days Are Here Again!“ war die Wahlkampfmusik Roosevelts 1932 –, versuchte Hollywood in zahlreichen Produktionen zu unterstreichen. Dazu zählten Revuen, in denen die Showgirls bei ihren Tanzeinlagen die Buchstaben der wichtigsten der neugegründeten Organisationen wie des CCC (Civilian Conservation Corps) bildeten, oder Werke wie der vom Studio Warner Brothers produzierte Film „Kinder auf den Straßen“.
In diesem Werk von 1933 trifft ein mit dem Gesetz in Konflikt geratener Jugendlicher auf einen verständnisvollen Richter. Dieser verwirft nicht nur die Anklage und führt ihn auf den rechten Weg, sondern er stellt dem Jungen und seinen Eltern auch neue Jobs in Aussicht. Wie der Zufall will, hat der Richter eine phänomenale Ähnlichkeit mit Präsident Roosevelt.
Ungeachtet aller Projekte des New Deal und aller Selbstinszenierung seiner Protagonisten als Retter der Nation – die Arbeitslosenquote blieb die gesamten 1930er Jahre hindurch hoch. Noch 1939 betrug sie ungeachtet aller Hilfsprogramme 17,2 Prozent. In letzter Konsequenz war es nicht Franklin D. Roosevelt, der für Vollbeschäftigung und Industrieboom sorgte, sondern jemand anders: Adolf Hitler. Die Große Depression endete erst durch die massive Aufrüstung während des Zweiten Weltkriegs, zunächst zugunsten Großbritanniens und bereits vor dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor auch im Auftrag der US-Streitkräfte.
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