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Die Schattenarmee der Stuarts
In England, Irland und Schottland hofften zahlreiche Anhänger der Stuarts auf eine Rückkehr der Dynastie auf den Thron. Bereit für eine militärische Rebellion war man aber eigentlich nur in Schottland.
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Nach der verlorenen „Battle of the Boyne“, der Schlacht am Fluss Boyne in Irland, am 1. Juli 1690, hatte der entthronte König Jakob II. endgültig die Britischen Inseln verlassen. Zurück blieben seine Anhänger, für die sich bald der Name „Jakobiten“ etablierte. Im Englischen werden diese ebenfalls jacobites genannt, obwohl der frühere König hier James II heißt. Relevant für die Namengebung der Stuart-Anhänger ist die latinisierte Schreibweise „Jacobus“, die in offiziellen Dokumenten verwendet wurde.
Bei den Namen der Protagonisten aus dem Haus Stuart spiegeln sich ebenfalls die zwei Lager wider. In englischen Quellen wird James Francis Edward, der 1688 geborene Sohn Jakobs II., als „pretended Prince of Wales“, als der „angebliche Thronfolger“, bezeichnet. Später wurde daraus schlicht „The Pretender“. Für die Jakobiten war er seit dem Tod Jakobs II. 1701 selbstverständlich Jakob III. Als dann dessen Sohn, Charles Edward, auf der politischen Bildfläche erschien, nannte man diesen in London den „Young Pretender“.
Eigentlich hätte es nahegelegen, dass Irland aufgrund der überwiegend katholischen Bevölkerung zum Zentrum und zur Rückzugsbasis der Jakobiten wurde. Schließlich waren die exilierten Stuarts überzeugte Katholiken, und die Häupter der Dynastie stellten für die katholischen Iren gewissermaßen Erlöserfiguren dar.
Doch letztlich wurde Schottland, die Heimat der Stuarts, zur Hochburg der Jakobiten. Anhänglichkeit an die heimische Dynastie war hier aber nur ein Grund neben anderen, und sicher auch nicht der wichtigste. Warum gab es nun aber weiterhin Anhänger Jakobs II. nicht nur in Irland und Schottland, sondern auch in England, wo man doch meinte, durch dessen Vertreibung in der „Glorreichen Revolution“ Freiheit und Fortschritt endlich zum Durchbruch verholfen zu haben?
Sammelbecken für ein breites Spektrum von Unzufriedenen
Jakobitismus war ein Phänomen mit unscharfen Konturen. Einig waren sich die Anhänger nur in dem Wunsch, dass die Stuarts wieder auf den Thron zurückkehren sollten. Über das, was aus dieser Restauration politisch, wirtschaftlich oder kirchlich folgen sollte, war man sich schon uneins.
Genauso ungeklärt war die Frage, wie diese Restauration erreicht werden sollte. Während einige Jakobiten auf Gottes Hilfe setzten, erachteten andere Gewalt als legitimes Mittel. In seiner Hochphase zwischen 1689 und 1760 zeigte sich der Jakobitismus immer wieder von seiner gewaltsamen Seite: Bereits im Mai 1689 unternahmen in den schottischen Highlands Mitglieder verschiedener Clans Rachefeldzüge gegen Landsleute, die die Thronbesteigung des niederländischen Statthalters Wilhelm von Oranien unterstützt hatten. Diesen Unruhen setzte 1692 ein Regiment unter dem Duke of Argyll mit dem Massaker am Clan der MacDonalds von Glencoe ein vorläufiges Ende.
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1715 kämpften rund 20 000 Schotten für ihr Anliegen, 1745 versuchte dann der Sohn des „Old Pretender“, Charles Edward Stuart (1720 –1788), erneut den Weg eines gewaltsamen Aufstands, um seinem Vater wieder auf den – nunmehr britischen – Thron zu verhelfen.
Neben diesen Aufständen waren konspirative Umtriebe ein Kennzeichen des gewaltbereiten Jakobitismus, entweder zur Anstachelung von Unruhen oder zur Vorbereitung einer französischen Invasion. Solche Komplotte mit mal mehr, mal weniger gefährlichen Implikationen kamen während der Hochphase alle zwei oder drei Jahre vor. Der Historiker Daniel Szechi schloss daraus, dass kein anderes europäisches Staatswesen mit einer derartig hartnäckigen und in Teilen gewaltaffinen Dissenzkultur zu rechnen hatte wie Großbritannien mit den Jakobiten.
Setzt man allein die rund 20 000 bzw. 14 000 Schotten, die bei den beiden großen Aufständen 1715 und 1745 unter Waffen standen, in Relation zum Anteil der erwachsenen Männer innerhalb der schottische Gesamtbevölkerung, dann waren 1715 acht und 1745 4,5 Prozent der Schotten Gegner der britischen Armee.
Diese Kampfbereitschaft, so der Historiker Allan I. Macinnes, sei typisch gewesen für die Schotten, während die Iren eher vom Jakobitismus träumten und Stuart-Anhänger in England gerade mal ihr Glas für die Sache erhoben. Dies ist sicher in der Verkürzung zu pauschal, doch es stimmt, dass das Radikalisierungspotential des Jakobitismus in Schottland und England sehr unterschiedlich war.
In Schottland verfestigte der Jakobitismus schon bestehende konfessionelle Spaltungen der Gesellschaft, er war also keineswegs ein panschottisches Phänomen. Anklang fand er unter den Anhängern der schottischen Kirk, also der protestantischen Bischofskirche, die wie die Church of England hierarchisch aufgebaut war.
In Opposition zur Kirk und ihren Anhängern, den sogenannten Episkopalen, standen die freikirchlichen Presbyterianer, die eine hierarchische Kirchenordnung vehement ablehnten und in der Tradition des Puritanismus auch einen strengeren Protestantismus verfolgten als die Kirk. Die Presbyterianer hatten die „Glorreiche Revolution“ und die Machtübernahme der ihnen konfessionell nahestehenden Whigs als Sieg über den „Papismus“ begrüßt.
Dagegen kollidierten die Vertreibung des rechtmäßigen Königs und die Thronbesteigung eines Usurpators aus Sicht der Episkopalen heftig mit ihren Überzeugungen von einem gottgewollten Erbkönigtum, das zugleich Garant einer von unumstößlichen Traditionen und Hierarchien durchzogenen Gesellschaft war.
Der Presbyterianismus war in den südlichen Lowlands mit den Städten Glasgow und Edinburgh stark vertreten. Die Kirk besaß dagegen viele Anhänger in den Highlands mit den dort vorherrschenden ausgeprägten Clan-Strukturen, aber auch in den nordöstlichen Lowlands und in Aberdeen.
Die protestantische Kirk war kein „natürlicher Verbündeter“ der katholischen Exil-Stuarts. Teile ihre Anhänger wurden es aber, je mehr sich die Presbyterianer in ihre kirchlichen Angelegenheiten einmischten. Gewaltaktionen wie das Massaker von Glencoe 1692 riefen breite Empörung hervor, und die neuen Machthaber in Edinburgh standen im Ruf, immer mehr von London abhängig zu werden.
Aber auch hier gilt: Längst nicht alle Highlander und Episkopalen waren Jakobiten, doch bestimmte Erfahrungen und Vorgänge ließen diese Kultur immer attraktiver erscheinen.
Die Union mit England spaltet die Meinungen in Schottland
Der Jakobitismus war nicht zu trennen von der brisanten Frage des politischen Verhältnisses zwischen Schottland und England, die im Grunde während des ganzen 17. Jahrhunderts virulent gewesen war. Beide Königreiche waren seit der Krönung Jakobs I. 1603 durch eine Personalunion miteinander verbunden (zwischen 1652 und 1660 war Schottland auch Teil der englischen Republik unter Oliver Cromwell gewesen).
Obwohl England von dieser Union mehr profitierte, war sie auch für kritische Schotten akzeptabel, solange eine heimische Dynastie regierte. 1700 zeichnete sich jedoch ab, dass die Linie der protestantischen Stuarts keine Zukunft mehr hatte: In diesem Jahr starb das letzte Kind der Thronfolgerin Prinzessin Anne, der jüngeren Tochter Jakobs II. aus seiner ersten, noch protestantisch geschlossenen Ehe. Als sie 1702 nach dem Tod Wilhelms III. die Krone übernahm, waren keine weiteren Kinder mehr zu erwarten.
Da das englische Parlament aber auf eine protestantische Thronfolge pochte, kam dafür nur eine deutsche Verwandte der Stuarts in Betracht, nämlich Sophie von der Pfalz, eine Tochter Elisabeth Stuarts, der Frau des „Winterkönigs“. Sophie war seit 1658 mit dem Kurfürsten von Hannover, Ernst August zu Braunschweig-Lüneburg, verheiratet. 1701 wurde diese Thronfolge mit dem „Act of Settlement“ zum Staatsgesetz.
In Schottland wurde die dynastische Krise von 1700 jedoch als Möglichkeit gesehen, die ungeliebte Personalunion entweder aufzulösen oder nachzuverhandeln. Letzteres erachteten viele als die bessere Option, denn Schottland hatte gerade erst durch ein gescheitertes Kolonialunternehmen in Panama immensen wirtschaftlichen Schaden genommen. Zugleich lockte viele Schotten die Aussicht auf Profit durch zollfreien Warenverkehr sowie die Mitwirkung am schwungvollen englischen Kolonial- und Außenhandel.
Dass aus den 1705 begonnenen Verhandlungen aber nicht nur eine verbesserte Personal-, sondern gleich eine Staatenunion hervorgehen sollte, und zwar unter Selbstauflösung des schottischen Parlaments, stieß auf starken Protest. Mit dieser Entwicklung unzufrieden waren nicht nur die Episkopalen im ländlichen Schottland, sondern auch städtische Unterschichten in den presbyterianischen Hochburgen Glasgow und Edinburgh, die gewaltsam gegen die Union protestierten.
Die 1707 unter Einsatz von erheblichen Bestechungsgeldern vollzogene Union ließ den Jakobitismus, der sich die Wiederherstellung der schottischen Unabhängigkeit auf die Fahnen geschrieben hatte, daher auch im Lager der Presbyterianer Anklang finden. Es waren Presbyterianer wie der Publizist George Ridpath, die dem schottischen Jakobitismus mit Pamphleten wie dessen „Reducing Scotland by Arms and Annexing it as a Province of England“ (1705) die Stichworte lieferten.
Aus englischer Sicht war die Union weniger unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten interessant, sondern als Vollendung und Absicherung der Glorious Revolution. Solange es ein Königreich Schottland gab, bestand die Gefahr, dass ein Stuart-Prätendent mit französischer Hilfe zurückkommen und England bedrohen würde. Mit der Union war diese Gefahr gebannt. Die Auflösung Schottlands in einem als britisch bezeichneten Gesamtstaat war somit Teil der antijakobitischen Politik der englischen Whigs um den Earl of Sunderland und Sir Charles Montagu.
Frankreich hatte am Ende des Spanischen Erbfolgekriegs (1701–1714) die Hannoveraner Thronfolge anerkannt. Obwohl daher von Paris keine Hilfe zu erwarten war, wollten James Francis Edward Stuart (Jakob III.) und der schottische Jakobit John Erskine, Earl of Mar, die unpopuläre Sukzession eines deutschen Kurfürsten für einen großangelegten Aufstand nutzen. Sophie von der Pfalz war nämlich kurz vor Königin Anne im Sommer 1714 verstorben. An ihrer Stelle bestieg daher am 1. August ihr Sohn Georg Ludwig als König Georg I. den Thron.
Rund ein Jahr später hatte der Earl of Mar in Schottland genug Leute für sein Vorhaben mobilisiert. Am 27. August hisste er in den Highlands das Banner „seines“ Königs, Jakob VIII. von Schottland und III. von England. Obwohl ihm bis Oktober 1715 rund 20 000 schottische Kämpfer folgten, versagte Mar als Befehlshaber und unterlag am Ende den zahlenmäßig kleineren Regierungstruppen unter dem Duke of Argyll.
In Nordengland kam es ebenfalls zu Gefechten, aber nach der Niederlage in der Schlacht von Preston am 14. November gaben sich die Jakobiten auch hier geschlagen. Als Jakob III. Ende 1715 in Schottland anlandete, war der Aufstand bereits gescheitert, so dass er das Land bald darauf schon wieder verließ.
Während einige aristokratische Jakobiten 1715/16 wegen Hochverrats vor Gericht gestellt und hingerichtet wurden, gewährte London den meisten Aufständischen, darunter auch vielen Mitgliedern der Hochland-Clans, eine Art Generalpardon. Davon ausgenommen war jedoch der Clan MacGregor, dessen bekanntestes Mitglied Rob Roy (1671–1734) in Schottland als moderner Robin Hood verehrt wurde, der in Eng-land aber stellvertretend für das Barbarische, Unzivilisierte und Rückständige stand, das nach dem Aufstand mit Schottland assoziiert wurde.
Diese Assoziation, bei der Schotten und Jakobiten in einen Topf geworfen wurden, beruhte auf einer massiven Medienkampagne, an der auch Daniel Defoe (1660 –1731), der Autor des Romans „Robinson Crusoe“, beteiligt war. Diese Kampagne verfing im Übrigen bei den englischen Jakobiten, die für die Anliegen des schottischen Jakobitismus nicht viel übrighatten.
Der Jakobitismus in England hat andere Züge
In England gab es im Wesentlichen drei Gruppen, die sich vom Jakobitismus angezogen fühlten. Am größten war die Gruppe der englischen und walisischen Katholiken, deren Anteil an der Gesamtbevölkerung von rund vier Prozent im 17. Jahrhundert auf rund zwei Prozent im folgenden Jahrhundert fiel. Diese Minderheit sah sich nach der Glorious Revolution massiven Drangsalierungen ausgesetzt. Beim Wahl- und Eigentumsrecht wurden sie diskriminiert, Priester mussten mit Verhaftung rechnen. Obwohl all dies frustrierend war, wurden aber längst nicht alle Katholiken zu Jakobiten.
Bei den Planungen zur Ermordung Wilhelms III. 1695/96 waren Katholiken allerdings involviert. Beim Aufstand von 1715 unterstützten Katholiken aus der Grafschaft Lancashire im Nordwesten Englands die jakobitischen Truppen. Nach dessen Scheitern spielten sie bei weiteren Komplotten und Aufständen allerdings keine Rolle mehr, ihr Jakobitismus gewann vermehrt Züge von Innerlichkeit.
Ein vergleichbarer Verlauf – vom Aktivismus zum Rückzug ins Private – nahm der Jakobitismus auch bei den nonjurors, einer sehr kleinen Gruppe von meist niederadligen Anglikanern, die nach der Glorious Revolution mit Verweis auf ihren Treueid gegenüber König Jakob II. einen neuerlichen Eid auf Wilhelm III. ablehnte. Der Vorwurf ihrer Gegner, dass sie non jurant – nicht schwörend – seien, wurde zu ihrem Gruppennamen.
Auch die nonjurors mischten bei Verschwörungen und Aufständen mit, die meisten praktizierten ihre Jakobitismus jedoch im Sinn einer gesteigerten Frömmigkeit, bei der Stuart-Devotionalien eine wichtige Rolle spielten.
Wie bei den Katholiken äußerte sich ihr Jakobitismus also auch darin, über bestimmte Artefakte zu verfügen, die zudem als geheimes Erkennungszeichen dienen konnten. Dazu zählten Medaillons, Plaketten, Gläser, Schnupftabaksdosen, Fächer oder sogar Nadelkissen mit mehr oder weniger gut erkennbaren Porträts der Stuarts. Bei Katholiken waren um 1720 Bilder der polnischen, erzkatholischen Ehefrau von Jakob III., Maria Clementina Sobieska (1702 –1735), begehrt.
Auf adligen Anwesen ließ sich bereits in den Grünanlagen mit einer Waldkiefer (im Englischen Scots pine) ein Zeichen setzen, bevor dann später in geselliger und verschworener Runde Toasts auf den „King beyond the water“ ausgebracht wurden. Solche Toasts und vor allem der Besitz dieser Artefakte waren strafbar, die Anklage konnte – in Einzelfällen – auf Hochverrat oder Volksverhetzung (sedition) lauten. Eine häufigere Reaktion auf den Besitz von jakobitischen Devotionalien war aber die soziale Ächtung, weswegen ihre Besitzer auch Vorsicht walten ließen.
Genauso, wie die Whigs den Eindruck erwecken wollten, dass alle Schotten zumindest Kryptojakobiten seien, setzten sie auch ihre politischen Gegner, die Tories, damit gleich. Dabei spielten die im Parlament vertretenen Tories die Rolle einer legalen Opposition und trugen auf diese Weise die postrevolutionäre politische Ordnung viel eher mit, als sie zu unterminieren. Im Rahmen politischer Intrigen konnten einzelne Tories aber auf die Idee verfallen, einer französischen Invasion den Weg zu bereiten, wie etwa 1744.
Torysmus war jedoch kein Elitenphänomen, sondern auch in städtischen Unterschichten verbreitet, die mit dem ökonomisch erfolgreichen Handelsbürgertum aus den Reihen der Whigs und Dissenters haderten. In diesem Milieu entstand ein plebejischer Jakobitismus, der sich in gewaltsamen Protesten äußerte – oder auch vielfach nur in eingängigen Songs über den fernen König, bei dessen Rückkehr angeblich alles besser werde.
In einigen Fällen ließ sich Jakobitismus aber nicht durch die Zugehörigkeit zu einem bestimmten sozialen oder religiösen Milieu erklären, sondern als Ausdruck einer persönlichen Exzentrik, ein Statement gegen den Zeitgeist.
Autor: Prof. Dr. André Krischer
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