Der Autor, der viele Facetten des Dreißigjährigen Kriegs beschrieben und die Mikrogeschichte in Deutschland populär gemacht hat, schöpft aus der Fülle seiner Vorarbeiten. Er präsentiert hier „Selbst- und Zeitzeugnisse“, die er durch seine Kommentare meisterhaft zu historischen Miniaturen über diesen Krieg formt. Zudem werden manche Rätsel gelöst. So lebte der berühmte Söldner Peter Hagendorf, dessen Tagebuch 1649 endet, bis zu seinem Tod 1679 im brandenburgischen Görzke.
Die Einsichten rund um die alltäglich erlebte reale und symbolische Gewalt, die Greueltaten und das Massensterben bis hin zum Kannibalismus erhellen ein komplexes Geschehen. Der Krieg wird konkret und macht betroffen, weil er sich bei Einquartierungen im Haus und oft in der nahen Umgebung der Zivilisten abspielte und mit der ihn begleitenden Pest und dem Hunger das Denken, Verhalten und Handeln der Menschen bestimmte. Die zeitgenössischen Autoren wollten der Nachwelt das Geschehene als Erinnerung und Mahnung überliefern; der Westfälische Frieden verordnete dagegen der großen Politik 1648 immerwährendes Vergessen.
Medick gibt sich mit dem Nebeneinander des Einzelnen nicht zufrieden. Er komponiert fern der gängigen Großerzählungen und doch stets an diese rückgebunden ein eindringliches Bild der Gewalt, des Elends und des Leids. Das offen Gesagte wird durch das aus Scham Verschwiegene ergänzt. Seinem „Ziel einer Gesamtdarstellung“ dienen Kapitel über den Prager Fenstersturz, die Glaubensfrage, den langen Weg zum Frieden oder die Feiern danach. Er analysiert zudem die zeitgenössische mediale Präsentation des Geschehens etwa beim Tod Gustav Adolfs oder Wallensteins.
Auch die „großen Männer“ kommen mithin nicht zu kurz, erscheinen aber in einem anderen Licht. Da dem Buch ein erschließendes Register fehlt, sollte der Leser die gut 400 Seiten vom Anfang bis zum Ende lesen, um nicht nur zu erahnen, warum der Dreißigjährige Krieg ausbrach, warum er so lange dauerte und warum er dann doch beendet werden konnte. Die Lektüre lohnt sich!
Rezension: Prof. Dr. Georg Schmidt
Hans Medick
Der Dreißigjährige Krieg
Zeugnisse vom Leben mit Gewalt
Wallstein Verlag, Göttingen 2018, 448 Seiten, € 29,90





