Lola Montez: Die Staatsaffäre - wissenschaft.de | DAMALS
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Die Staatsaffäre
Seit 1846 verdrehte eine vorgeblich spanische Tänzerin namens Lola Montez Ludwig I. den Kopf. Die Affäre beschädigte das Ansehen des Königs. Während dieser Turbulenzen brach zudem auch in Bayern die Revolution von 1848 aus. Ludwig I. hatte genug: Er dankte ab.
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von MARITA KRAUSS
Lola Montez traf am 5. Oktober 1846 in München ein und fragte bei der Intendanz des Nationaltheaters an, ob sie im Zwischenakt eines Theaterstücks tanzen dürfte. Sie zeigte ihre extravaganten spanischen Tänze im Oktober 1846 nur zweimal auf der Theaterbühne, doch diese Auftritte setzten folgenschwere Ereignisse in Gang. Ludwig I. war von der Tänzerin so angetan, dass er sie nicht nur zu seiner Favoritin machte, sondern er erhob sie im August 1847 zu einer Gräfin Landsfeld. Es folgten Tumulte um ihre Person in München, die fast unmittelbar in die Revolution von 1848 und in die Thronentsagung Ludwigs I. mündeten.
Die Affäre Lola Montez ging weltweit durch die Gazetten. Die Tänzerin selbst brachte die Geschichte seit 1852 als eine Art dokumentarische Revue mit dem Titel „Lola Montez in Bavaria“ auf die Bühne und ging damit höchst erfolgreich in den USA und Australien auf Tournee. Die Tänzerin wurde ein weltberühmter Star, sie füllte spielend die größten Theater ihrer Zeit und verdiente als Theaterunternehmerin reichlich Geld. Letztlich wurde sie mit ihren „Lectures“ auch noch zur gefeierten Vortragsreisenden und mit ihrem vielverkauften Schönheitsratgeber zur Bestsellerautorin.
Die erstaunliche Karriere einer Kunstfigur
Doch wer war diese Lola Montez, die wie ein Komet in München auftauchte und nach 16 Monaten im Februar 1848 wieder verschwand? Als die Kunstfigur Maria Dolores de Porres y Montez, eine spanische Adlige aus Sevilla, im Juni 1843 erstmals in London auftrat, war Elizabeth Rosanna Gilbert, geschiedene James – so lautete der echte Name der Tänzerin – bereits 22 Jahre alt. Die Kunstfigur Lola Montez übernahm seitdem die Deutung über das frühere und zukünftige Leben von Eliza Gilbert, sie konstruierte Abstammung und Geburtstage, Geburtsorte und Lebensstationen. Erst nach ihrem Tod ließ Montez los; auf dem Grabstein in Brooklyn steht: „Mrs. Eliza Gilbert“.
An sich stellte die Erfindung der Lola Montez eine Verzweiflungstat dar. Eliza stammte aus einer guten britischen Familie; sie wuchs erst in Indien, dann in Schottland auf und besuchte in Bath ein sehr gutes Internat. Als 16-Jährige brannte sie von dort mit einem jungen Offizier durch und ging mit ihm nach Indien zurück. Nach einer unglücklichen Ehe wurde sie schuldig geschieden. Im hochmoralischen viktorianischen England gab es für sie nun keine Möglichkeiten mehr, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. In ihren Memoiren von 1851 schrieb sie: „Nur eine einzige Ausflucht schien mir das Schicksal zu lassen. Es war das abenteuerliche Leben einer Künstlerin.“
Für den Erfolg als Künstlerin reichte es aber nicht, die bildschöne, wenn auch moralisch bedenkliche Eliza James zu sein. Spanien war damals in Mode, und als Tänzerin Lola Montez erfand sich Eliza neu. Nach dem Identitätswechsel reiste sie ohne gültige Ausweispapiere durch das Europa des Vormärz. Sie galt dort als unerwünschte Ausländerin unbekannter Herkunft und lief jederzeit Gefahr, verhaftet oder ausgewiesen zu werden. Doch Lola Montez erhob sich bald über ihre Situation, sie tanzte vor dem preußischen König und dem russischen Zaren. Bereits bevor sie nach München kam, war sie berüchtigt, sie galt als eine unmoralische Frau, die Skandale auslöste.
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Geht man diesen Gerüchten nach, finden sich nur wenige Fakten; es ist nicht einmal klar, ob hinter den Zeitungsmeldungen, sie habe in Berlin einem Polizisten einen Schlag mit der Reitgerte verpasst, in Warschau dem zischenden Publikum ihr Hinterteil zugewandt und in Baden-Baden einem Herrn den Dolch in ihrem Strumpfband gezeigt, tatsächliche Ereignisse stehen.
Als skandalös galt bereits, dass sie als Tänzerin auftrat und allein reiste, dass sie in einem Strafprozess öffentlich zugab, in Paris mit einem Mann zusammengelebt zu haben, dass Gerüchte über Liebhaber kursierten. „Skandale sind streitlustige Rituale der Gesellschaft, die Einigung in Aussicht stellen, indem sie Abweichung thematisieren“, schreibt der Soziologe und Skandalforscher Stefan Joller. Mit der Ablehnung der Lola Montez, die viele unterdrückte Phantasien und Wünsche aktivierte, konnte sich die jeweilige Gesellschaft, gleich ob in London, Kalkutta oder München, im Ostküsten-Amerika oder im britischen Australien über die eigenen Werte und Normen verständigen.
Liest man in den Tagebüchern König Ludwigs I., so wird spürbar, was ihn an Lola Montez faszinierte: ihre große Strahlkraft, ihre Grenzüberschreitungen, ihre zugewandte Liebe und ihr Machtstreben. Diese Tagebücher zeichnen ein unermüdlich idealisierendes Bild der Tänzerin, dem die meisten Zeitgenossen ebenso wie spätere Historiker heftig widersprachen.
Lola Montez: eine Frau, an der sich die Geister scheiden
Sie polarisiert bis heute: War sie eine der großen Kurtisanen der Weltgeschichte, die man Frauen wie Madame de Pompadour an die Seite stellen sollte? War sie eine Hochstaplerin, die nicht einmal als Tänzerin Qualität hatte und nur von ihren Skandalen lebte? War sie ein Opfer der Presse oder eine Meisterin der Selbstvermarktung? Oder war sie eine selbständige und emanzipierte Frau, die nur nicht in das Weiblichkeitsbild ihrer Zeit passte und daher von Frauen gemieden und von Männern verleumdet wurde?
Die Urteile divergieren enorm, nur ihre Schönheit und ihr bezaubernder Charme werden nicht einmal von den erbitterten Gegnern bestritten. Sie beherrschte mehrere Sprachen und verfügte über eine Welterfahrung, die sie auch weit über die meisten Männer ihrer Zeit hinaushob. Wie die wenigen anderen weitgereisten Frauen ihrer Zeit war sie immer weniger bereit, sich den von ihr als unnötig beengend empfundenen Regeln kleiner europäischer Residenzstädte zu fügen. Das trug sicher dazu bei, dass sie als „Fremde“ angefeindet wurde.
Doch neben allem anderen war Lola Montez auch noch blitzgescheit, sie verfügte über ein breites Spektrum an intellektuellen Fähigkeiten und wusste zu beeindrucken, sie war großzügig, begabt und eloquent: Lola Montez war und ist ein Phänomen. In der vielfach noch biedermeierlichen Residenzstadt München musste eine Frau wie Lola per se als Provokation wirken, eine Frau, die auf der Straße Zigarillos rauchte, die sich nicht um Anstandsregeln kümmerte, eine Frau, die ihre Schönheit zur Schau stellte.
Bereits unmittelbar nachdem sie Ludwig I. bezaubert hatte, begannen sich die bösen Zungen zu regen. Doch Sexualität war für diese Beziehung nicht der konstituierende Faktor. Der König hat ihr, laut eigener Aussage, nur zweimal „beygewohnt“: einmal im Juni und einmal im Dezember 1847. Seinen Vertrauten versicherte er, „wenn er recht verliebt, dann schwinde bei ihm aller Sinnenreiz“. Dies ist wichtig für den Blick auf dieses Liebespaar, das in seiner eigenen Welt lebte, während ringsum alle davon ausgingen, Lola sei Ludwigs Mätresse, und Intrigen spannen, um „die Spanierin“, „die Hure“ wieder aus München zu vertreiben.
Wie bei allen Liebespaaren setzte sich die Anziehung, die beide aufeinander ausübten, aus vielen ganz unterschiedlichen Mosaiksteinen zusammen. Für Lola war es sicher die Verwirklichung eines Märchens: Ein König liebte sie und überhäufte sie, die sich drei Jahre hatte allein durchschlagen müssen, mit Ehrerbietung und Geschenken, er bot ihr Schutz und Sicherheit.
Verloren geglaubte Leidenschaften erwachen im 60-jährigen König
Für den bereits 60-jährigen Ludwig war die 25-jährige schöne Frau ebenfalls die Inkarnation eines Traumes: Er hatte gedacht, die Liebe sei für ihn vorbei. Die angebliche Spanierin weckte in ihm verloren geglaubte Leidenschaften. Ludwig und Lola begannen ein unschuldiges Spiel um Ritterlichkeit und Treue, um Minnedienst und Liebesschwüre, um zarte Berührungen und Zuwendung.
Schon seit November 1846 gestand der sonst so sparsame König Montez ein jährliches Gehalt von 10 000, später 20 000 Gulden zu, das ihr monatlich ausbezahlt wurde. Zum Vergleich: Eine arrivierte Schauspielerin am Hoftheater erhielt 300 Gulden jährlich. Das war aber noch nicht alles: Ludwig schenkte ihr ein Haus an der Barer Straße, das für sie umgebaut und fürstlich eingerichtet wurde, zudem eine wappengeschmückte Equipage.
Lolas Schmuck und Kleider zogen viel öffentliche Aufmerksamkeit auf sich. Doch Bayern litt 1847 unter Lebensmittelknappheit und Teuerungen. Es kursierten bald wilde Gerüchte über die Summen, die der König für sie ausgab. Man sah in Lola die unersättliche Hetäre, die den König ausbeutete, während es dem Volk schlecht ging.
Und die Königin? Therese, die im Lauf ihres Ehelebens schon viel von Ludwig hatte erdulden müssen, schwieg. Sie wusste, dass Einspruch bei ihm nichts bewirkte, aber sie trat in passiven Widerstand. Ludwig notierte im Tagebuch, sie habe ihm den Kuss zum Jahreswechsel verweigert, und dies schmerze ihn. Solche Szenen sollte es noch öfter geben.
Ihr passiver Widerstand wurde jedoch auch bald öffentlich sichtbar: Sie erschien nicht zu Theateraufführungen oder Konzerten, wenn die Gefahr bestand, dass Lola anwesend sein würde. Personen, die bei Lola verkehrten, wurden nicht mehr eingeladen und von ihr keines Blickes mehr gewürdigt.
Den größten Aufruhr verursachten in München die Einbürgerung und der Adelstitel, den sich Lola wünschte. Es kam mehrfach zu Unruhen, es kursierten Spottschriften, Drohbriefe, derbe und obszöne Karikaturen. Die Liebe des Königs war längst zu einer politischen Affäre geworden.
Die Substanz der Erzählung hinter diesem „Trauerspiel“, wie es der Ludwig-Biograph Heinz Gollwitzer nannte, lautet: Über Jahr und Tag versuchten alle treuen und aufrechten bayerischen Politiker und Beamten, die Familienangehörigen und Freunde, die kirchlichen Würdenträger, der Adel und die Bürgerschaft, den betörten König davon zu überzeugen, dass Lola Montez eine liederliche, habgierige, hartherzige und egoistische Hure sei, von der er sich trennen müsse, wolle er nicht die Monarchie gefährden. Zorn und Abscheu des Volkes seien in mehreren Stufen eskaliert, bis hin zu Lolas Vertreibung im Februar 1848. Dass Ludwig dann nach den politischen Märzunruhen abdankte, sei nur folgerichtig gewesen, da er doch unhaltbar geworden sei.
Lola Montez schrieb 1851 rückblickend in ihren Memoiren: „Ich habe nie geglaubt, daß die Schritte eines Königs mit so mißtrauischen Augen betrachtet würden; daß man den Einfluß eines weiblichen Wesens mehr als den aller Männer fürchte, und es ist komisch genug, wie viele Mühe sich die Leute gaben, das Verhältniß des Königs zu mir zu tadeln.“
Lola hatte von Anfang an keine Chance, in die katholische Münchner Gesellschaft aufgenommen zu werden. Eine Frau wie sie musste man, so auch die Logik der Polizei, genau im Auge behalten, ächten und möglichst schnell wieder loswerden. Dieser Aufgabe sah sich Innenminister Karl von Abel verpflichtet, unterstützt vom oberbayerischen Regierungspräsidenten und dem Münchner Polizeidirektor.
Da der König nicht bereit war, Schlechtes von Montez zu denken, entwickelte sich ein veritables Komplott. Beteiligt war wohl neben erzkatholischen Damen des Adels, Teilen der hohen Geistlichkeit und dem österreichischen Gesandten vor allem Abel mit seinen Beamten. In einer großen Intrige versuchte diese katholische Fronde, Lola beim König zu diskreditieren – doch das gelang nicht.
Die Opposition, die sich allenthalben erhoben hatte, festigte die Beziehung zwischen ihr und dem König, begann doch Ludwigs berüchtigter Starrsinn zu wirken: Je mehr man ihn zu etwas nötigen wollte, desto mehr stemmte er sich dagegen. Gesellschaftlich hatte Montez jedoch längst verloren. Als Karl von Abel sich weigerte, ihre Einbürgerung zu unterschreiben, wurde der Minister entlassen, es kam zu Unruhen.
Im Winter 1847/48 eskalierte der Konflikt erneut, und als die anderen studentischen Corps die Montez-treuen Studenten des Corps Alemannia, die man spöttisch „Lolamannen“ nannte, immer wieder brüskierten und ausgrenzten, rückte die Münchner Universität in den Mittelpunkt der Auseinandersetzungen. Ludwigs Befehl, die Universität zu schließen, brachte dann im Februar 1848 die Münchner Bürger auf den Plan, die unmissverständlich forderten, Lola zu vertreiben und die Universität wieder zu öffnen. Ludwig musste unter großem Druck nachgeben, und Montez wurde erst nach Lindau, dann in die Schweiz eskortiert.
Ludwig zieht einen Schlussstrich unter die Affäre mit Lola Montez
Obwohl Ludwigs Ruf durch diese Affäre sehr gelitten hatte, war er als König ungefährdet, und selbst die zwei Wochen später aus Frankreich nach Deutschland überspringende Revolution fand in Bayern ein unblutiges Ende, als Ludwig am 6. März 1848 den „Märzforderungen“ zustimmte. Doch für ihn selbst, den spätabsolutistischen König, waren diese Demütigungen schwer erträglich. Je mehr ihm klarwurde, dass er in Zukunft ein „Unterschreibkönig“ sein würde, desto unmöglicher schien ihm dies. Das war letztlich der Auslöser seiner Demission zugunsten seines Sohnes Maximilian am 20. März 1848. Mit Lola Montez hatte sie nur zu einem kleinen Teil zu tun.
Ludwig fühlte sich nach seinem Rücktritt drei Tage lang befreit – nur um ihn die folgenden 20 Lebensjahre zu bereuen. Er hatte leidenschaftlich gern und mit vollem Einsatz seiner Kräfte regiert. Sein oft kränkelnder und depressiver Nachfolger Maximilian II. (1848 –1864), der sich zunächst mit der Revolution, dann mit den Nachwirkungen der Märzproklamationen herumschlagen musste, die ihn deutlich mehr als Ludwig an konstitutionelle Regeln banden, konnte es Ludwig nicht recht machen.
Als Ludwig klarwurde, das Maximilian einige seiner Bauprojekte nicht zu Ende führen wollte, zog er sie wieder an sich und finanzierte sie aus eigenen Mitteln. Der Umzug aus dem von ihm errichteten Königsbau der Residenz in das ungeliebte Wittelsbacher Palais fiel ihm schwer. 1954 starb seine Frau Therese an der Cholera; das war für ihn ein schwerer Schlag, da er ihr trotz aller Affären in tiefer Liebe verbunden gewesen war.
Nach dem überraschenden Tod seines Sohnes Maximilian II. 1864 machte er sich kurzfristig Hoffnungen, nun wieder mehr Einfluss auf die Politik zu gewinnen. Doch sein Enkel Ludwig II. (1864–1886) war keineswegs bereit, seinen Großvater stärker einzubeziehen.
Ludwig besuchte nun alle zwei Jahre in den Sommermonaten die Villa Ludwigshöhe, da er sich innerlich der Pfalz, seiner alten Heimat, sehr verbunden fühlte. Für den Winter mietete er sich eine Villa in Nizza. Dort starb er am 29. Februar 1868 mit 81 Jahren. Lola Montez, die mit 40 Jahren 1861 in New York einer Lungenentzündung erlegen war, hat er nie wiedergesehen.
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