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Die Strahlkraft der Heiligen Drei Könige
Durch die Übertragung der Reliquien der Heiligen Drei Könige von Mailand an den Rhein im Jahr 1164 stieg Köln bald unter die vier wichtigsten europäischen Pilgerziele auf. Initiator dieses geschickten Schachzugs war der Erzbischof und Reichskanzler Rainald von Dassel.
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Auch im deutschsprachigen Raum setzte im Mittelalter die Verehrung von Orten mit bedeutenden Reliquien ein. Das Apostelgrab St. Matthias in Trier zählte zu den wichtigsten überregionalen Pilgerzielen. Auch die Kaiserstadt Aachen entwickelte sich zu einem der großen Pilgerorte. Anlässlich der Aachener Heiligtumsfahrt wurden den Gläubigen alle sieben Jahre die vier „großen Heiligtümer“ gezeigt: das Kleid Mariens aus der Heiligen Nacht, Windeln des Christkindes, das Lendentuch des gekreuzigten Jesus sowie das Enthauptungstuch des heiligen Johannes des Täufers.
In Köln gab es seit dem 12. Jahrhundert zahlreiche Verehrungsstätten von Heiligen. Bereits unmittelbar nach der Entdeckung eines Gräberfelds setzte zu Beginn des 12. Jahrhunderts der Kult der heiligen Ursula und ihrer Gefährtinnen ein. Laut der Ursula-Legende soll die Heilige während der Zeit der Völkerwanderung mit 11 000 Jungfrauen nach Rom gepilgert sein. Auf dem Rückweg seien alle bei Köln von den Hunnen getötet worden.
Anhand von Pilgerzeichen des 15. Jahrhunderts lässt sich erkennen, dass die Köln-Pilger später die Dreikönigsverehrung mit der der heiligen Ursula kombinierten. Der Reliquienschrein Ursulas befindet sich heute in der gleichnamigen Pfarrkirche. Bereits in die mittelalterliche Zeit reicht auch die Verehrung der Reliquien der heiligen Brüder Ewald („Schwarzer Ewald“ und „Weißer Ewald“, beide gest. um 695) und des heiligen Heribert (Erzbischof von Köln, gest. 1021) oder der Kult des erst 1931 kanonisierten Philosophen Albertus Magnus (gest. 1280) zurück.
Mit der Translation der Gebeine der Heiligen Drei Könige im Jahr 1164 erhielt Köln dann eine völlig neue Attraktion. Die Geschichte der Könige Caspar, Melchior und Balthasar beginnt mit dem Evangelium des Matthäus (2, 1–12), laut diesem kamen drei (noch namenlose) „Weise“ aus dem Morgenland, um das neugeborene Kind zu Bethlehem anzubeten. Als „Könige“ werden die drei – die Magier oder Sterndeuter gewesen sein mögen – erstmals im 3. Jahrhundert bezeichnet. Die Dreizahl erschließt der Kirchenlehrer Origines (185–254) aus den dargebrachten Gaben Gold, Weihrauch und Myrrhe. Die geläufigen Namen Caspar, Melchior und Balthasar bildeten sich erst im 8. und 9. Jahrhundert endgültig heraus.
Auch die Gaben der Könige sind von hohem Symbolgehalt
Die Könige sollen die drei damals bekannten Erdteile Europa, Afrika und Asien versinnbildlichen, ferner die drei Lebensalter Jüngling, Mann und Greis repräsentieren. Auch ihre Gaben haben hohen Symbolgehalt. Mit Gold wird Jesus durch das kostbarste Gut auf Erden geehrt und als Gottes Sohn anerkannt. Myrrhe verweist durch ihre Bitterkeit und ihre heilende Wirkung auf Leiden und Tod Christi, aber auch auf das nachfolgende neue Leben. Der Weihrauch, der als Gottesduft gilt, weist auf die Göttlichkeit des Beschenkten hin.
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Laut einer Legende zu den Reliquien war es auch hier Helena, die Mutter Konstantins des Großen, die die Gebeine der Könige aus Palästina nach Konstantinopel hatte bringen lassen. Von dort aus fanden sie ihren Weg nach Mailand. Nach der Eroberung der Stadt durch Kaiser Friedrich Barbarossa (1155 –1190) überführte der damalige Reichskanzler und Kölner Erzbischof Rainald von Dassel (1159–1167) die Reliquien nach Köln, wo sie am 23. Juli 1164 ankamen. Zwischen 1180 und 1225 wurde dann hier der kostbare Dreikönigsschrein zur Aufbewahrung der Reliquien angefertigt.
Rainald von Dassel verfolgte mit der Überführung der Reliquien nach Köln eine klare politische Agenda. Im Mittelalter waren religiöse Angelegenheiten immer auch politische Unternehmungen. Es liegt nahe, dass bei den Gebeinen der Heiligen Drei Könige die Sakralität des Königtums im Mittelpunkt stand. Sie sollten als Reichsheiligtümer inszeniert werden. Womöglich wollte man dadurch auch das Krönungsrecht der Kölner Erzbischöfe für die deutschen Könige nochmals betonen. Denn deutsche Herrscher machten nach ihrer Königskrönung in Aachen gewöhnlich Station in Köln, um die Gebeine der biblischen Magier – in der damaligen Sicht die ersten christlichen Könige − zu verehren.
Nicht zuletzt profitierte auch die Stadt Köln. Die Anziehungskraft für massenhaften Pilgerzulauf bildete die Grundlage für ihren politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Aufstieg. Als sich die Stadt im 13. Jahrhundert ein Wappen gab, wurden die goldenen Kronen der Heiligen Drei Könige im rot-weiß geteilten Wappenschild eingefügt. Im ausgehenden 15. Jahrhundert kamen die elf Hermelinschwänze (Tropfen oder Flammen) als Zeichen für die Stadtpatronin, die eingangs erwähnte heilige Ursula mit ihren 11 000 Gefährtinnen, in das untere weiße Feld hinzu. Dieses Wappen ist bis heute ein Hoheitszeichen der Stadt Köln.
Um das Jahr 1200 beschreibt das Buch „Relatio de tribus magis“ das Pilgergeschehen in Köln mit folgenden Worten: „Seit jener Zeit [der Übertragung der Reliquien] hat der Ruf und Ruhm Kölns begonnen durch die Heiligen zuzunehmen, so dass bis heute die Gläubigen nicht aufgehört haben, angezogen und erquickt vom Duft der Heiligen Könige, von den lnseln des Meeres und den verschiedensten Weltgegenden zusammenzuströmen: Schotten, Bretonen, Engländer, Spanier, aus Italien und Sizilien und beiden Gallien.“
Eine besondere Wertschätzung erfuhren die Heiligen Drei Könige durch Otto IV. (römisch-deutscher König 1198–1218, seit 1209 Kaiser). Der Welfe berief im Zuge der politischen Auseinandersetzung mit seinem Gegenspieler, dem Staufer Philipp von Schwaben, im Jahr 1200 den Hoftag nach Köln und stiftete den Heiligen Drei Königen drei goldene Kronen für ihre Häupter sowie Gold und Edelsteine für die Gestaltung der Stirnseite des bereits in Arbeit befindlichen Reliquienschreins.
Dort findet sich Otto IV. selbst dargestellt, als vierter Herrscher: Der Dreikönigsschrein zeigt an der Stirnseite neben den Heiligen einen vierten König „Otto rex“. Otto ließ die Stirnseite geradezu zu einer Art Urkunde des ihm zusammen mit den ersten christlichen Herrschern von Christus selbst gewährten Königsheils gestalten. Gleich den Heiligen sah er sich durch Gottes Sohn beglaubigt und bestätigt, wie diese zur gottgewollten Herrschaft berufen sowie vom Heiland mit jeglicher Kraft und Macht gesegnet.
Köln reihte sich im Lauf des Mittelalters ein unter die bedeutenden Pilgerziele Jerusalem, Rom und Santiago de Compostela. So ist für die fiktive „Frau aus Bath“ in Geoffrey Chaucers Pilgererzählung „Canterbury Tales“ (14. Jahrhundert, siehe Artikel Seite 40) auch ein Besuch in Köln ganz selbstverständlich.
Die Pilgerfahrt zu den Heiligen Drei Königen lässt sich in Berichten, Erlassen der Stadt Köln oder des Erzbischofs, manchmal sogar in Urkunden anderer Fürsten verfolgen, belegen und beobachten. Auch gegenständliche Zeugnisse wie Andenken in Metall (Pilgerzeichen), aus Stoff oder Papier (Dreikönigszettel) bezeugen die Bedeutung des Dreikönigskults.
Der neue Kult vermischt sich mit der Ursula-Verehrung
Die Pilgerzeichen kauften die Pilger vor Ort, befestigten sie an der Kleidung und nahmen sie als Andenken mit nach Hause. Über 100 in Nord- und Mitteleuropa gefundene Exemplare aus der Zeit vom 12. bis zum 15. Jahrhundert zeigen die Heiligen Drei Könige (Anbetungsszene), manchmal zusammen mit der heiligen Ursula. Solche aus Metall gegossenen Andenken sind auch in der europäischen Pilgerzeichendatenbank erfasst.
Die hohe Zahl der erhaltenen Zeichen ist ein Hinweis auf die Bedeutung der Pilgerreisen zu den Reliquien der Heiligen Drei Könige. Diese Pilgerfahrt wurde zum Beispiel zu Beginn des 14. Jahrhunderts von Bernard Gui (1261–1331), Ketzer-Inquisitor im Süden Frankreichs (Vorlage für eine Figur in Umberto Ecos Roman „Der Name der Rose“), in seinem Handbuch für Inquisitoren zusammen mit den Wallfahrten Rom, Santiago de Compostela und Jerusalem zu den vier wichtigen Wallfahrten, den peregrinationes maiores, gezählt.
Eine andere Form, etwas von der Pilgerfahrt nach Köln mitzunehmen, waren die sogenannten Dreikönigszettel: Sie wurden mit dem Signet „C+M+B“ bedruckt und mit Segenssprüchen versehen. Manche benutzten sie als Unheil abwehrendes Amulett oder als Glück bringenden Talisman. Die Heiligen sollten vor Feinden, Waffen und Kugeln beschützen sowie das Haus vor Brand, Unwetter und Dieben behüten. Als weitgereiste Heilige lag für die Heiligen Drei Könige das Reisepatronat nahe; sowohl im realen wie auch im übertragenen Sinn, wie ein Spruch belegt: „Caspar soll mich führen, Balthasar mich leiten, Melchior mich retten, und sie alle sollen mich zum ewigen Leben hindurchführen.“
Aufgrund ihres „anbetenden Niederfallens“ vor Christus schienen die Heiligen auch prädestiniert zu sein als Helfer gegen die Fallsucht: „Heilige Drey Könige Caspar. Melchior. Balthasar. Bittet für uns jetzt und in der Stundt unsres Todts. Diß an die Häupter und Reliquien der HH. drey Königen in Cöllen angestrichenes Briefflein ist gut für alle Reisgefahren, Hauptweh, fallende Kranckheit, Zauberey, jehen Todt, durch einen vesten Glauben.“ Erhalten sind gedruckte „Briefflein“ auf Pergament, Papier und Seide, meist wohl als Einlage in Gebet- und Andachtsbüchern.
Dreikönigszettel sind in beachtlichen Mengen in Köln produziert worden. Als Souvenir und Handelsgut wanderten diese Dokumente weite Wege. Eine Aktennotiz in den Briefeingängen der Stadt Köln berichtet ein reizvolles Beispiel. Der aus Rosenthal bei Prag stammende Eremit Johannes Czermack hatte seinen Habit abgelegt, sich verdächtig gemacht und war in Rastatt verhaftet worden. Nachforschungen über seinen Reiseweg und sein Verhalten in Köln ergaben dabei, er habe „heiligen drey Königen Zettulen und Rosenkränzt gekaufft, vorgebend, er wolte nacher Rom ein Pilgerfahrt vornehmen“. Die in Köln billig erworbenen Zettel wollte er unterwegs teuer weiterverkaufen.
Gegenstände, die die Reliquien der Heiligen Drei Könige „angerührt“ (berührt) haben, galten als begehrtes Gut. Johannes von Hildesheim (1310/1320–1375) liefert den frühesten Bericht: „In Jerusalem kauften die Inder von Pilgern, die diesseits des Meeres waren, Münzen und goldene Fingerringe, mit denen sie die Reliquien der Heiligen Drei Könige angerührt haben. Sie küssen und verehren die heiligen Andenken und versichern, dass viele Kranke damit geheilt werden, wenn sie innig daran glauben.“
Josse van Ghistele, ein Adliger aus Gent, kaufte 1482 Juwelen und erbat die Erlaubnis, sie mit den Reliquien in Berührung zu bringen. „Unter großem Zusammenlaufen des Volkes geschah das und als vorsichtiger Geschäftsmann ließ er sich den Vorgang mit einer Urkunde bestätigen.“
Die Fernpilger: erst begehrter Wirtschaftsfaktor, dann verboten
Neben dem Gewinn an Prestige waren die Pilger ein beachtlicher Wirtschaftsfaktor. Die Pilgerströme förderten die Beherbergungsbranche sowie Handel und Verkehr. Denn außer den armen Pilgern, die Almosen für ihren Weg erbetteln mussten, gab es genügend Pilger, die für Kost und Logis selbst bezahlten und reiche Opfergaben auf dem Altar der Heiligen im Dom niederlegten.
Bemerkenswert sind die Fernpilger, die vom 13. bis zum 18. Jahrhundert aus Böhmen, Slowenien und Ungarn zur „Aachener Heiligtumsfahrt“ kamen und dabei Station in Köln machten. Über die Entstehung dieser Pilgerfahrt berichtet eine Sage: „Als einsten … eine gar unglaubliche hungersnoth wegen allzu grosser dürre in Hungarn entstanden, sey eine grosse menge volcks von dannen nach Kölln gekommen, und habe die heiligen drey Könige um hülffe angeruffen, da es denn, so bald sie nur das geringste wort gesprochen, überflüssig geregnet hätte. Sint derselben zeit kömmt alle 7 Jahr eine procession von Hungarischen leuten nach Kölln, gegen ihre Wohltäter sich danckbar zu erzeigen.“
Zum Zwecke der Pilgerbetreuung wurden auch in Köln Hospitäler eingerichtet bzw. gestiftet, etwa das Hospital St. Johann Baptist und das Hospital zum Ipperwald, Letzteres Ende des 14. Jahrhunderts. Die beiden Hospitäler boten Herberge für arme Fremde, dazu zählten neben den Pilgern auch Handwerksgesellen. Wie aus nachmittelalterlichen Berichten hervorgeht, erhielten die „hungarischen“ Pilger im Hospiz lpperwald nach der Verehrung der Heiligen Drei Könige am Fest Peter und Paul ein besonderes Festmahl.
In der Barockzeit vollzog sich ein bemerkenswerter Wandel des Wallfahrtslebens: Die Pilgerreisen zu den entfernten heiligen Stätten wurden zurückgedrängt von der organisierten, regelmäßig wiederkehrenden Wallfahrt zu regionalen Gnadenorten. Die Kölner Erzbischöfe erließen mehrfach Verordnungen gegen solche „übernachtende Wallfahrten“. Kurfürst-Erzbischof Maximilian Friedrich verbot am 10. April 1765 in seinem Erzstift die „oeffentlichen Prozessionen und Bittfahrten, wobei uebernachtet wird“. Das Verbot wurde 1782 noch einmal erneuert. Auch der nachfolgende Erzbischof Maximilian Franz erließ 1784 eine entsprechende Verordnung.
Ebenso erging für die „hungarischen“ Pilgerreisen im späten 18. Jahrhundert ein Verbot: Erzbischof Maximilian Friedrich verfügte am 6. März 1776, „den sogenannten nach Aachen pilgernden Ungarn den Eintritt in unsere Stadt Köln und in unsere erzbischöflichen Gebiete zu untersagen“.
Das Beispiel Köln zeigt, dass die Sicht auf den Status, ein beliebtes Pilgerziel zu sein, über die Jahrhunderte durchaus einem sehr radikalen Wandel unterworfen sein konnte.
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