Auch gut informierte Fontane-Fans werden bisher relativ wenig über Martha wissen, die einzige Tochter des Dichters. Dies ändert Regina Dieterle, die in ihrer Biographie Schritt für Schritt das Leben dieser Frau schildert, behutsam deutend, wenig spekulierend dort, wo die Quellen schweigen. Nicht die äußeren Wegmarken sind es, die die Biographie Marthas so lesenswert machen, sondern die besondere Perspektive, unter der hier die Familie Fontane erscheint: Im Mittelpunkt stehen das familiäre Leben zwischen Kunst und Küche, die subtilen psychischen Bindungen, die sozialen Netzwerke, der Berliner Alltag mit seinen finanziellen Bedrängnissen. Auch Schattenseiten des Dichters treten hervor, etwa sein Antisemitismus. Und es wird das Schicksal einer Frau enthüllt, deren Leben einer Zerreißprobe gleicht. Ihr Bildungshintergrund läßt sie voller Ambitionen sein, doch der Realisierung stehen die bescheidenen bürgerlichen Lebensverhältnisse der Familie entgegen. Eine Tätigkeit als Lehrerin scheitert, und so bliebe Martha eigentlich nur das zermürbende Warten auf den Ehemann. Statt dessen wächst sie jedoch zunehmend in die Rolle der wichtigsten literarischen Gesprächspartnerin und Kritikerin des Vaters hinein. Der Preis, den sie dafür zahlt, ist hoch: Zeitlebens kann sie sich nicht von der engen Vaterbindung befreien, findet nicht zu einem selbstbestimmten Leben. Ihre andauernden „Nervenkrankheiten“ erscheinen auch als Ausdruck dieser Problematik. Am Ende lebt sie in ständigen Ängsten. Durch diverse „Therapien“ zur Alkoholikerin geworden, setzt sie ihrem Leben mit 56 Jahren ein Ende. Und so wirkt Martha in ihrer Ambivalenz wie eine Personifikation von Radkaus „Zeitalter der Nervosität“ (Hanser Verlag, München 1998).
Rezension: Talkenberger, Heike





