Kaum jemand personifiziert dieses Paradox so eindrücklich wie Thomas Jefferson. Der Hauptautor der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und dritte Präsident der Vereinigten Staaten sah in der Sklaverei einen „scheußlichen Fleck“ im Antlitz der jungen Nation und mochte doch auf Sklavenarbeit als Quelle des Wohlstands nicht verzichten. Durch Jeffersons Plantage Monticello in Virginia, auf der zeitweise rund 130 Sklavinnen und Sklaven schufteten, werden heute Touristengruppen geführt.
Der Dichter und Journalist Clint Smith hat sich einem Rundgang angeschlossen und beschreibt in seinem grandiosen Buch „Was wir uns erzählen“, was er dabei beobachtet und gehört hat. Etwa den Tourguide, der mit ruhiger Stimme informiert: „Jefferson machte seinen Kindern und Enkeln auch Geschenke“, um dann fortzufahren: „Diese Geschenke waren menschliche Wesen aus der versklavten Community.“ Smith schildert auch sein Gespräch mit zwei älteren weißen, eher konservativen Frauen, die sich mit einer Mischung aus Verblüffung und Enttäuschung fragen, warum sie im Schulunterricht über Jefferson lediglich erfahren hätten, er sei ein großartiger Mann gewesen, der viel geleistet habe. „Aber wir haben gerade darüber gesprochen“, sagt die eine, „dass nach all dem hier der Lack wirklich ab ist.“
Monticello ist einer der acht von Smith besuchten Orte in Nordamerika, an denen, wie er in seinem Buch eindringlich darlegt, die Geschichte der Sklaverei weiterlebt. Auf seiner Reise von Plantagen zu Gefängnissen, von Gedenkstätten zu Friedhöfen, setzt sich der Autor damit auseinander, wie stark Sklaverei und Rassismus weiterhin in das gesellschaftliche Gefüge der Vereinigten Staaten eingewoben sind.
In Wallace, Louisiana, Standort der Whitney-Plantage, leben heute viele Nachfahren der einstigen Sklaven in den umliegenden Gebieten des Anwesens inmitten ökologischer Verwerfungen und leiden „nach wie vor unter der generationenübergreifenden Armut, die vielen Communities ehemals Versklavter mehr als eineinhalb Jahrhunderte nach der Befreiung immer noch zu schaffen macht“. In Charlottesville, ganz in der Nähe von Monticello, gemahnte vor wenigen Sommern der rassistische Terror demonstrierender Anhänger weißer Vorherrschaft an die leidvollen Erfahrungen von schwarzen Menschen während der Sklaverei.
Die Geschichte der Sklaverei, schreibt Smith zum Abschluss des Buchs, „ist die Geschichte der Vereinigten Staaten … Sie ist für unsere Geschichte nicht irrelevant, sondern sie hat sie geschaffen“. In Zukunft werde es weniger darum gehen, „ob wir diese Geschichte lernen können, sondern ob wir den kollektiven Willen aufbringen, uns ihr zu stellen“. Zu viele Amerikaner sind
dazu derzeit offenkundig noch nicht bereit.





