Dass jedoch die Realitäten der US-Außenpolitik nur selten diesen Ansprüchen genügten und dass die USA in der Verfolgung ihrer Interessen kaum anders agierten als andere Großmächte und Imperien vor ihnen, ist ein Grundwiderspruch der amerikanischen Geschichte. Er hat sich nach 1945, als die USA zur Supermacht wurden, dramatisch verschärft.
Dieser Zusammenhang führt zum Kern von Bernd Greiners neuem Buch, das bereits im Titel klarmacht, was es ist: Eine von Wut über die eklatante Diskrepanz von Anspruch und Wirklichkeit getragene Anklageschrift, die an der amerikanischen Ordnungspolitik kein gutes Haar lässt. Greiners „Schadensbilanz“ ist ein Schwarzbuch der US-Außenpolitik vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis in die unmittelbare Gegenwart, das, so Greiner, „Washingtons Anspruch auf Führung im 21. Jahrhundert“ regelrecht blamiere.
Auf 228 flüssig geschriebenen Seiten entwickelt er sein thesengetriebenes Argument, das an pointierter Klarheit nichts zu wünschen übriglässt: Eine von engstirnigem Nationalismus und einer „ins Metaphysische aufgeblähten Vorstellung vom eigenen Auserwähltsein“ getriebene Außenpolitik habe die USA für sich freie Hand bei der Verfolgung ihres vergötzten Eigeninteresses reklamieren lassen. „Rücksichtlosigkeit oder die Gewinnmaximierung auf Kosten Dritter“ sei zur „Signatur amerikanischer Weltpolitik“ seit 1945 geworden.
Im Ergebnis hätten die USA, so Greiner, in Lateinamerika, Südostasien und im Mittleren Osten nur Unheil angerichtet. Darüber hinaus sei im Vollzug dieser aggressiv-interventionistischen Außenpolitik ein von der Exekutive auf Kosten der Legislative dominierter Sicherheits- und Geheimdienststaat entstanden, der die Mechanismen der Gewaltenteilung außer Kraft setzte und die Grundlagen der freiheitlich-demokratischen Ordnung unterlief.
Diese Geschichte bereitet Greiner fakten-, zitat- und literaturgesättigt in neun Kapiteln auf. Erörtert werden die kulturgeschichtlichen Grundlagen der amerikanischen Außenpolitik, die Prämissen, Szenarien und Mittel der nuklearen Diplomatie, die Geschichte der diversen Interventionen, die konstitutionellen Verschiebungen in den USA durch den Aufstieg der sogenannten imperial presidency sowie heutige Krisenherde.
Ein programmatisches Schlusswort, das die Überwindung der Logik nuklearer Abschreckung, eine Politik der kollektiven Sicherheit und die sicherheitspolitische Emanzipation Europas von den USA fordert, beschließt ein Thesenbuch, das den Rezensenten mit gemischten Gefühlen zurücklässt: An den Fakten der von Greiner präsentierten Bilanz amerikanischer Ordnungspolitik seit 1945 kann kaum Zweifel bestehen. Seine Geschichtsdarstellung hingegen reizt zu Widerspruch, ist sie doch einseitig auf die USA als außenpolitischen Akteur fixiert.





