Die neueste Darstellung zur deutschen Wiedervereinigung von Alexander Plato attackiert den “kollektiven nationalen Mythos”, das “Volk der DDR” habe sich “auf Initiative der Bürgerrechtsbewegung, geführt von einem weitsichtigen deutschen Bundeskanzler […] unter Nutzung eines nur kurzen Zeitraums seine Befreiung erkämpft und sich mit der Bonner Republik zu einer gemeinsamen, zukunftsträchtigen neuen Bundesrepublik vereint”. Demgegenüber betont der Autor die Bedeutung der globalen Dimension und der Entscheidungen auf weltpolitischer Ebene, insbesondere zwischen den Supermächten. Er stützt sich zum einen auf eine große Zahl von Interviews; daß er damit viel Erfahrung hat, läßt ihn der Gefahr entgehen, daß es ja gerade die Interviews sind, die die von den Beteiligten ausgesäten Legenden kultivieren. Zum anderen hat der Autor bislang unbekannte sowjetische Dokumente aufgetan: inoffizielle Mitschriften der Politbüro-Sitzungen von Mitarbeitern Gorbatschows sowie Protokolle seiner Gespräche mit westlichen Verantwortlichen. Doch diese Dokumente bringen insgesamt nicht viel Neues: Von Plato zeichnet das Bild einer unsicheren, konzeptionslosen Sowjetführung, das sich auch schon aus den bisher bekannten Quellen hat gewinnen lassen. Überhaupt sind die Ergebnisse seiner sprachlich und analytisch nicht immer wirklich überzeugenden Studie nicht ganz so neu, wie der Anschein erweckt wird. Wissenschaftliche Untersuchungen haben sie bereits formuliert, ioch sind diese nur teilweise bei Plato aufgeführt. Das ändert nichts daran, daß seine fundamentale Kritik an den deutschen Legenden zur Wiedervereinigung ebenso richtig wie wichtig ist.
Rezension: Rödder, Andreas





