Lohnt es sich, die berühmteste Verschwörung der italienischen Renaissance nochmals zu erzählen? Schließlich beginnt die historische bzw. journalistische Aufarbeitung des sensationellen Mordes bzw. Mordversuchs im Dom von Florenz am 26. April 1478 schon unmittelbar nach der Tat. Lorenzo de‘ Medici, der große (und rachelüsterne) Überlebende, gibt seine Version der Ereignisse bei seinem Haushumanisten Poliziano in Auftrag; natürlich wird darin die Schuld allein den „neidischen“ Pazzi und dem intriganten Papst Sixtus IV. zugeschrieben, der auf der würdelosen Jagd nach einem Staat für seinen Nepoten Girolamo Riario die Kreise der italienischen Politik stört. Lauro Martines, dessen bis heute grundlegende Arbeit über Humanisten als Karrieristen aus dem fernen Jahr 1963 datiert, hat zudem keine neuen „Beweise“ oder auch nur Theorien beizubringen, welche die berühmten Ereignisse in einem neuen Licht erscheinen lassen. Und trotzdem ist sein Buch ein großer Wurf. Zum einen ist seine Darstellung kunstvoll komponiert: Ereignisberichte wechseln sich mit Einblendungen von Persönlichkeitsprofilen ab. Und auch ausgiebige Reflexionen des Autors, der seine Rolle als Leiter der Ermittlungen stets aufs neue bestimmt, sind reichlich eingestreut. Dazu kommen faszinierende Aktualisierungen: So könnte die Pazzi-Verschwörung etwa als „Terrorakt“ gelesen werden. Der Text hat so etwas vom Medien-Layout des 21. Jahrhunderts. Journalistisch im besten Sinn ist vor allem der Stil: Martines erzählt furios – und die vorzügliche deutsche Übersetzung hält dabei durchaus mit. Die konservative Zunft mag den Kopf schütteln – das Buch des emeritierten Autors atmet Jugendfrische, vermag zu fesseln und ist „trotzdem“ seriös. Und es vermeidet nicht nur die Todsünde der Geisteswissenschaften, gepflegt zu langweilen, sondern auch die falsche Erhabenheit des Tons, die sich in so viele Darstellungen der Renaissance einschleicht. Sein Lorenzo ist feinsinniger Literat und skrupelloser Machtmensch zugleich. Und dieser Gegensatz bleibt zu Recht unaufgelöst. Kleinere Ungenauigkeiten zu Rom und dem Papsttum – Innozenz VIII. hat seinen Sohn und dessen Medici-Gattin sehr wohl reichlich ausgestattet – mindern den Genuß bei der Lektüre dieses ungewöhnlich farbigen und facettenreichen Buches nicht.
Rezension: Reinhardt, Volker





