Europas hat vieles erfunden, aber nicht die Stadt. Die Stadt als Lebensraum, architektonisches Ensemble und Trägerin zentralisierender Funktionen entstand unabhängig voneinander in Asien, Afrika, Europa und Amerika. Waren die Rollen, die eine Stadt spielen konnte, im Prinzip überall dieselben, so unterschied sich ihre konkrete Ausgestaltung in den verschiedenen Zivilisationen erheblich. Daß diese Unterschiede in dem Jahrtausend zwischen 800 und 1800 besonders gut sichtbar werden, zeigt der von Peter Fedbauer, Michael Mitterauer und Wolfgang Schwendtker herausgegebene Band “Die vormoderne Stadt”. Nach Jochen Martins prägnant zuspitzendem Vergleich der griechischen und der römischen Stadt in der Antike widmen sich die übrigen zehn Kapitel des Bandes der Stadt in der islamischen Welt, in Nordindien, China, Japan, Rußland und Mitteleuropa. Mehrere der Beiträge sichten und synthetisieren die Fülle der neueren Literatur. Andere sind eher theoriekritisch angelegt. Einige Autoren setzen besonders originelle Akzente. So schildert Tilmann Frasch die symbolische Wiederbelebung untergegangener Städte im Sri Lanka, und in Burma und Kambodscha der nachkolonialen Epoche. Monica Juneja macht in einem anschaulichen Kapitel darauf aufmerksam, daß nordindische Autoren der frühen Neuzeit über ihre eigenen Städte in ganz anderer Weise schrieben als zur gleichen Zeit Europäer über die ihren: Nicht das materielle Äußere stand im Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit, sondern die Qualität des urbanen Lebensstils und die Bedeutung einer Stadt als Zentrum von Religion und Gelehrsamkeit. Andreas Kappeler sucht nach dem langfristigen Muster der Entwicklung des russischen Städtewesens und findet es in einer Wellenbewegung, bei der sich stagnierende und expansive Phasen abwechselten. Daß sich die Vielfalt städtischer Strukturen und Lebensformen über Zeiten und Räume hinweg zu einem einprägsamen Gesamtbild zusammenfügt, ist der meisterlichen Schlußbetrachtung von Wolfgang Schwentker zu verdanken. Hier wird zunächst das theoretische Instrumentarium geordnet und bewertet: Die universalhistorische Interpretation des Phänomens “Stadt” arbeitet mit Stadttypen und Entwicklungsstadien, mit dem Konzept der “zentralen Orte” und den Figuren des Städtesystems und des “Netzwerks”. Lassen sich trotz eines solch differenzierten Theorieangebots allgemeine Aussagen formulieren? Schwentker wendet sich gegen die Vorstellung einer langfristig gleichförmigen “okzidentalen Stadt”, indem er die Unterschiede zwischen Antike und Mittelalter unterstreicht. Allerdings überlebte die Idee der freien Bürgergemeinde. Die islamische Stadt, die ebenfalls aus antiken Wurzeln hervorwuchs, kannte diese Idee nur in schwächerer Ausprägung. Andernorts war sie unbekannt, auch wenn sich andere Formen städtischer “Autonomie” finden lassen. Max Webers These von der Sonderrolle der europäischen Stadt bestätigt sich also, aber nur in dieser einen Hinsicht. Fragt man anders, etwa nach dem Verhältnis zwischen Staat und Stadt oder nach der Organisation von Märkten, dann verringern sich die Unterschiede. Die Trennlinien zwischen verschiedenen Stadttypen verlaufen, so Schwentkers Schlußfolgerung, “nicht entlang der Grenzen der Zivilisationsräume, sondern mitten durch diese hindurch”.





