Roms Faszination endete noch lange nicht, als Odoaker, ein römischer Offizier mit germanischer Herkunft, 476 den letzten weströmischen Kaiser Romulus absetzte. Vielmehr begannen bald ganz neue Karrieren. Fortan diente die Ewige Stadt als imperiale Referenzgröße und historischer Sehnsuchtsort. Krieger aus dem Land nördlich der Alpen pflanzten sich ebenso in römische Traditionen ein wie die Kaiser aus Konstantinopel, der neuen Reichshauptstadt am Bosporus. Und vielleicht ist Moskaus Nimbus als drittes Rom noch gar nicht ans Ende gekommen? Peter Heather beschreibt in seinem neuen Buch eine vierfache Benutzung Roms durch selbsternannte Erben zwischen 500 und 1100. Theoderich der Große, Justinian I., Karl der Große und die Reformpäpste ließen sich von jenem universalen Geltungsanspruch anziehen, der das Imperium Romanum zur Mutter aller Imperien machte. Doch vom Weltreich des Augustus rund um die damals bekannte Zivilisation blieben die späteren Versuche weit entfernt. Heather lässt die großen Herrscher Theoderich, Justinian und Karl als Reichsarchitekten scheitern. Erst das Papsttum hätte seit dem 11. Jahrhundert wieder Gestaltungsmacht für die westliche Geschichte gewonnen. Dagegen gingen die Träume von der Realisierung eines politischen Imperiums unter den Karolingern zu Ende. In dieser Epoche gelangt auch die Kompetenz des in Spätantike und Frühmittelalter breit ausgewiesenen Autors an Grenzen. Das Kapitel über „Das erste deutsche Reich“ kommt ganz ohne die Forschung der letzten 50 Jahre aus. Auch die Vitalität des Heiligen Römischen Reichs, das Rom bis 1806 programmatisch im Titel trug, wird in den neuen Büchern anderer britischer Historiker (etwa von Len Scales oder Joachim Whaley) angemessener beurteilt. „Die Wiedergeburt Roms“ strahlt durch zupackende Urteile, den ausgeprägten Mut zu aktuellen Vergleichen und eine flotte Schreibe. In der Verknüpfung von langen historischen Linien und gut gewählten Einzelbeispielen liegt die darstellerische Stärke dieses flüssig zu lesenden Buchs. Es verzichtet weitgehend auf jene Katastrophentheorien, die früher im Sinne eines tiefen Zivilisationsbruchs zur Unterscheidung von Antike und Mittelalter entwickelt wurden. Dagegen tritt die anhaltende innovative Kraft römischer Traditionen „für die Zeit danach“ hervor. Dieser Zugriff lässt das frühe Mittelalter weniger barbarisch erscheinen, auch wenn Heathers Barbaren erst durch die Stärkung des römischen Papsttums wieder Weltgeltung erlangten.
Rezension: Prof. Dr. Bernd Schneidmüller





