Auf dieses Buch wartete bereits eine Fangemeinde. Mit „Der taumelnde Kontinent“ über die Kultur Europas vor dem Ersten Weltkrieg wurde Philipp Blom 2009 weltweit bekannt. Nun folgt die Fortsetzung: „Die zerrissenen Jahre 1918 –1938“. Viele der Blom-Tugenden kommen auch hier eindrucksvoll zum Einsatz. Mit einem dramaturgischen Kunstgriff ordnet er seine Kapitel nach Jahreszahlen, um dann anhand eines Ereignisses jeweils eine ganze thematische Welt erschließen. Grandios ist seine Kennerschaft der künstlerischen Produktion der Epoche. Literatur und Film, Architektur und Theater, Malerei und Musik, vor allem anderen der Jazz – das sind Bloms große Leidenschaften, und hier gelingt ihm oft die überraschende Synchronisierung einer Epoche durch einen synkopischen Erzählrhythmus. Er liefert den „Soundtrack einer Ära“. Beim Lesen entstehen immer wieder Melodien im Kopf. Aber Bloms Begeisterung für die kulturelle Avantgarde, für die Halb- und Unterwelt, für Nacht- und Nacktleben hat auch ihre Schattenseiten. Wann immer es um Politik geht, ist Blom überfordert. Er wiederholt, was seit Jahrzehnten in den Geschichtsbüchern steht. Von neueren Forschungen nimmt er kaum Notiz. Er weiß zwar, dass alles irgendwie komplizierter war, Bemerkungen zur politischen Gewalt deuten es an. Und doch kommt er nicht über diese Interpretation hinaus: „Die Tragödie der Zwischenkriegszeit bestand darin, dass sie keine offene Zukunft hatte.“ Damit leugnet er die Handlungsmöglichkeiten der damaligen Menschen. Anders gesagt: Er nimmt ihnen ihre Würde. Die Grundidee Bloms ist einfach: Der Krieg hatte alle Deutungsmuster und gesellschaftlichen Konventionen erschüttert, die Moderne beschleunigt, die traditionellen Dualismen aufgelöst. Aber ironischerweise ist seine Erzählung auf der Konstruktion solcher Gegensätze aufgebaut: Rechte gegen Linke, Tradition gegen Moderne, Alpen gegen Donau. Die vielen, lange Zeit zunehmenden Stimmen der Mitte, der Moderaten, all derer, die sich in dieser neuen, unübersichtlichen Welt nach der „Urkatastrophe“ einrichteten, sie so überraschend schnell wieder bewohnbar machten, die Demokratie ausbauten und sogar die europäische und internationale Versöhnung einleiteten – sie werden ignoriert, ihre Hoffnungen und Erwartungen mit einem von der Kenntnis des Kommenden geführten Federstrich entwertet. Wer etwas über den bis 1931 vorherrschenden demokratischen Optimismus erfahren will, greife zu dem Buch „The Deluge“ von Adam Tooze, das ebenfalls 2014 erschienen ist. Wer über Politik hinwegsehen kann und in das kulturelle Leben der Zeit nach 1918 eintauchen will, der wird jedoch an Bloms Buch ganz sicher sein Vergnügen haben.
Rezension: Dr. Tim B. Müller





