Bestiarium aus königlichem Besitz
Das “Aberdeen Bestiary” stammt aus der Zeit um 1200 und ist eines der vielen illustrierten Manuskripte, die im Mittelalter anhand von Tierfiguren und Fabeln wichtige Glaubenssätze erklärten und illustrierten. Erstmals erwähnt und aufgelistet wird dieses Bestiarium im Jahr 1542 in der Bestandsliste der königlichen Bibliothek im Westminster Palast in London. Es gehörte damals wahrscheinlich zum Besitz des englischen Königs Henry VIII.
Ob dieses prachtvolle Manuskript aber bereits von Beginn an für einen Herrscher oder Angehörigen der Elite produziert wurde oder ob es einst einem anderen Zweck diente, war bisher unklar. Jetzt jedoch haben Forscher der University of Aberdeen erstmals hochauflösende Scans der Manuskriptseiten erstellt und diese digital nachbearbeitet. Dadurch wurden zahlreiche bisher unsichtbare Markierungen und Abdrücke enthüllt.
Verräterische Randmarkierungen
“Das Aberdeen Bestiary ist eines der prachtvollsten jemals produzierten Bestiarien, aber es wurde nie komplett fertiggestellt”, erklärt die Kunsthistorikerin Jane Geddes von der University of Aberdeen. “Dadurch sind die Ränder der Seiten nicht gesäubert und nachbearbeitet worden – und das bedeutet, dass die winzigen Notizen und Markierungen der Schreiber noch an den Rändern erhalten sind.” Diese Markierungen liefern nun wertvolle Hinweise auf die Erschaffung und Herkunft des Aberdeen Bestiary.
Wie die Wissenschaftler erklären, sprechen viele der neu entdeckten Markierungen dagegen, dass dieses Buch eigens für einen ranghohen oder sogar königlichen Auftraggeber erstellt wurde. “Als wir die Spuren im Detail untersuchten, konnten wir sehen, dass dieses Manuskript in einem geschäftigen Skriptorium entstanden sein muss”, erklärt Geddes. So sind auf den Rändern vieler Seiten winzige Skizzen zu sehen, durch die die Schreiber ihre Darstellungen sozusagen übten.
Kopiervorlage statt Schatz
“Viele Bilder sind zudem von Prickmarken umgeben. Diese Technik wurde genutzt, um ein Bild auf ein anderes Dokument zu übertragen”, erklärt Geddes. Mit einer Nadel durchstach man dabei die Konturlinien und drückte sie so auf das darunterliegende Pergament durch. “Bei diesem Pricken haben die Schreiber häufig die Illustration auf der Rückseite des Blatts beschädigt”, berichtet die Kunsthistorikerin. “Das zeigt, dass es ihnen wichtiger war, Kopien dieser Bilder herzustellen als das Buch makellos zu erhalten.”
Nach Ansicht der Forscher spricht dies dafür, dass das “Aberdeen Bestiary” trotz seiner reichen Ausstattung mit Blattgold nicht als wertvoller Schatz oder künftiges Eigentum eines reichen Auftraggebers hergestellt und behandelt wurde. Stattdessen wurde es häufig benutzt und vielfach als Vorlage für weitere Illustrationen verwendet. Das Buch gehörte daher sehr wahrscheinlich zum Bestand eines sehr produktiven Kloster-Skriptoriums.





