Gespannt nimmt der Leser deshalb das neueste Werk des in Hongkong lehrenden Historikers Frank Dikötter zur Hand, einem ausgewiesenen Experten für chinesische Geschichte und insbesondere Mao Zedongs, womit wir schon bei einem der Protagonisten wären. Ihm zur Seite stellt Dikötter Benito Mussolini, Adolf Hitler und Josef Stalin. Die Auswahl bedarf für das 20. Jahrhundert, auf das sich Dikötter stillschweigend konzentriert, keiner weiteren Erläuterung.
Der Vergleich dieser vier bildet das Kernstück der Totalitarismustheorie, die implizit auch Dikötters Darstellung zugrunde liegt. Sie besagt, dass Faschismus (einschließlich Nationalsozialismus) und Sozialismus/Kommunismus jenseits der Verschiedenheit der Ideologien Diktaturen mit allumfassendem Machtanspruch ausbildeten. In Dikötters Liste kann man dazu auch Nordkoreas Kim Il-sung und Rumäniens Nicolae Ceauşescu zählen. François („Papa Doc“) Duvalier aus Haiti und Mengistu Haile Mariam aus Äthiopien komplettieren die Beispiele.
Dikötters Darstellung liest sich spannend und ermöglicht leicht lesbare Einblicke in die Geschichte auch der jeweiligen Länder in den entsprechenden Phasen des 20. Jahrhunderts. Hier entfaltet der biographische Zugang seine Stärke. Es wird deutlich, welch große Rolle der Personenkult für alle Diktatoren spielte, wie sehr hier die Gemeinsamkeiten überwiegen.
Aber dieser Zugang entwickelt auch eine bedenkliche Schwäche: die extreme Fixierung aller Ereignisse auf die Person des jeweiligen Protagonisten und die Erklärung der vielfältigen Verbrechen nur aus den Intentionen und dem Handeln des jeweiligen Diktators. Allesamt werden ihnen schließlich Verbrechen gegen die Menschheit bis zum Genozid, Krieg und Bürgerkrieg, ja Hungersnöte mit Millionen Opfern zur Last gelegt.
Um nur ein Beispiel zu nennen: Es wurden ganze Bibliotheken von Historikerinnen und Historikern zur Frage gefüllt, ob Hitler ein starker oder schwacher Diktator war, ob Krieg und Holocaust von Anfang an beabsichtigt oder ein Ergebnis situativer Entwicklungen und einer „kumulativen“ Radikalisierung waren, ob Hitler alles anordnete oder seine Untergebenen „dem Führer entgegen arbeiteten“. Von der Beantwortung dieser Fragen hängt unter anderem die nach dem Ausmaß der Mitschuld aller anderen Beteiligten ab.
All das wird bei Dikötter nicht erörtert. Mit seiner Studie zum Personenkult befördert er die Zentrierung auf die Person, schreibt mithin also selbst ein historiographisches Nachwort zu ebendiesem Personenkult.
Rezension: Prof. Dr. Jürgen Zimmerer





