Keulenschwingende Primitivlinge, die schnell von unseren cleveren Vorfahren ersetzt wurden – diese Vorstellung prägte lange Zeit das Bild von den Neandertalern. Aber waren sie denn wirklich so anders als wir? In Forschungsergebnissen der letzten Jahre hat sich immer deutlicher abgezeichnet, dass die Neandertaler dem modernen Menschen durchaus ähnlicher waren als lange angenommen. Es ist beispielsweise belegt, dass sie geschickte Werkzeugmacher waren, ihre Toten bestatteten und möglicherweise sogar Formen der Kunst hervorgebracht haben.
Als ein besonders deutlicher Hinweis für die komplexen Fähigkeiten der Neandertaler galt bisher die Nutzung von Birkenpech im Rahmen der Werkzeugherstellung. Funde zeigen, dass sie diese Substanz als Klebstoff einsetzten, um Steinklingen oder -spitzen an Holzgriffen zu befestigen. Der Knackpunkt dabei: Bisher gingen Anthropologen davon aus, dass Birkenpech nur durch einen aufwendigen Prozess hergestellt werden kann, bei dem die Baumrinde unter Luftabschluss erhitzt werden muss. Denn Forscher hatten diese Substanz nur durch den Einsatz von Gruben, Lehmbauten oder Gefäßen herstellen können.
Von wegen komplexe Herstellung
Es schien somit erhebliches Know-how für die Gewinnung von Birkenpech nötig. Offenbar besaßen dies unsere archaischen Cousins und haben es über Generationen hinweg weitergegeben – so lautete bislang die Schlussfolgerung. Welches Verfahren sie bei der Herstellung konkret eingesetzt haben, blieb allerdings unklar. Dieser Frage sind die Forscher um Patrick Schmidt von der Universität Tübingen nun durch eine Studie nachgegangen.
Sie experimentierten dazu mit in der damaligen Zeit leicht verfügbaren Materialien: Sie sammelten im Wald Birkenrinde und verbrannten sie unter verschiedenen Bedingungen. So konnten sie zeigen: Wenn man das Material zusammen mit flachen Flusskieselsteinen mit glatter Oberfläche verbrennt, bildet sich nach etwa drei Stunden ein schwarzer klebriger Stoff, der sich leicht von der Oberfläche der Steine abkratzen lässt. Doch war dies tatsächlich die einst von den Neandertalern verwendete Substanz? Die Analysen ergaben: „Es handelt sich um Birkenpech, das ähnliche molekulare Merkmale aufweist wie im Fall der archäologischen Proben, die wir von Neandertaler-Fundorten kennen“, sagt Schmidt.
„Pech“ im Indizienprozess
Zudem klebte die „simpel“ hergestellte Version sogar besser als Birkenpech, das in einem aufwendigen Prozess hergestellt wurde, zeigten Tests. Um die Haftfestigkeit des gewonnenen Pechs zu untersuchen, befestigten die Forscher damit Steinwerkzeuge an Griffen aus Rundhölzern. Anschließend schabten sie mit dem Werkzeug die Knochenhaut vom Oberschenkelknochen eines Kalbs. So zeigte sich: „Die Klebewirkung ließ dabei nicht nach“, berichtet Co-Autor Matthias Blessing.





