Im früheren Prämonstratenserstift Cappenberg ist bis heute ein vergoldeter Bronzekopf erhalten. 1902 wurde er in Düsseldorf zusammen mit 22 anderen Reliquiaren aus dem Rheinland und Westfalen erstmals einer breiten Öffentlichkeit präsentiert. Der bedeutende Kunsthistoriker Otto von Falke, später Generaldirektor der Berliner Museen, meinte, das Kopfreliquiar sei „als Bildnis Kaiser Friedrichs I. gestaltet“. Seit damals wurde es dutzendfach in Ausstellungen gezeigt und gilt vielen noch heute als „Barbarossakopf“.
Die Identifikation mit dem Stauferkaiser ist nicht selbstverständlich. In einer Zeit, als Bildnisse keinen Porträtcharakter hatten, musste der Dargestellte kenntlich gemacht werden. Jedoch fehlen dem Kopf die Zeichen, die einen Kaiser im 12. Jahrhundert erst als solchen erkennbar machten: Krone, Zepter und Reichsapfel. Das Stirnband, das die Locken durchschneidet, war eine Insignie des spätantiken Kaisertums, nicht aber des mittelalterlichen, so dass der Kopf nicht als Kaiserbildnis zu erkennen war.
Auch nennen seine Inschriften nicht den Stauferkaiser, sondern den Evangelisten Johannes, dessen Haare das Kopfreliquiar bewahren soll – und einen gewissen Otto, der auf Fürbitte des Heiligen hofft. Der Kopf ist also eine Manifestation des mittelalterlichen Heiligen- und Reliquienglaubens, der Stirnreif versinnbildlicht – wie bei anderen Kopfreliquiaren auch – die Krone des ewigen Lebens.
Eine Schenkung des Kaisers bringt die Fehldeutung in Gang
Warum galt er dennoch als „Barbarossakopf“? Wichtigstes Indiz ist eine Nachricht (um 1170), wonach Otto „einen silbernen [!] Kopf“ nach kaiserlichem Bild zusammen mit einer Schale dem Kloster Cappenberg geschenkt habe. Der lateinische Wortlaut lässt offen, ob es sich um das Bild „des Kaisers“ (des damals regierenden) oder „eines Kaisers“ (eines unbestimmten) handelte. Die Schale aber dürfte mit der sogenannten Taufschale Barbarossas identisch sein. Deren Gravur zeigt dessen Taufe durch seinen Paten, den Grafen Otto von Cappenberg, und erwähnt außerdem mehrere „Geschenke“ des Kaisers an diesen.
Deshalb lag der Schluss nahe, der silberne Kopf müsse mit dem „Barbarossakopf“ identisch sein. Das vermutete erstmals 1886 der Münsteraner Archivdirektor Dietrich Philippi. Ihm war zwar aufgefallen, dass der Kopf nicht silbern, sondern vergoldet ist, aber er hielt das Wort „silbern“ einfach für einen Schreibfehler. Die Forschung löste den Widerspruch später mit der Annahme, Barbarossa habe seinem Paten ein silbernes Bildnis von sich geschenkt, das Otto dann in ein Kopfreliquiar verwandeln und bei diesem Funktionswechsel vergolden ließ.





