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Donnergrollen aus Paris
Die epochale Bedeutung der Französischen Revolution wurde auch im deutschen Sprachraum sofort erkannt. Das war nicht nur ein Volksaufstand, sondern ein umfassender sozialer und politischer Systemwechsel. Mit der Revolution geriet jedoch auch die Aufklärung zunehmend unter Verdacht.
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Als „eine Revolution, von welcher die Weltgeschichte noch kein Beispiel hat“, bezeichnete schon 1790 Christoph Martin Wieland die Pariser Ereignisse. Goethes berühmter Ausspruch, den er den Soldaten der preußisch-weimarischen Invasionsarmee nach der Niederlage gegen das französische Revolutionsheer bei Valmy 1792 zugerufen haben will („Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen“), mag eine rückblickende Stilisierung sein, stimmt aber mit vielen weiteren ähnlich lautenden zeitgenössischen Einschätzungen überein.
Viele schon lange auf der Agenda stehende Reformforderungen der Aufklärung wie die Abschaffung der Leibeigenschaft, die Garantie von Religionsfreiheit und bürgerlicher Rechte für alle Konfessionen (1791), schließlich auch die Abschaffung der Sklaverei (1794) wurden nun erstmals Realität, nachdem entsprechende Vorstöße unter den Herrschaftsverhältnissen des Ancien Régime nicht durchsetzbar und regelmäßig gescheitert waren.
Dazu zählen etwa Johann Friedrich Struensees durch die alten Stände brutal beendetes Reformexperiment in Dänemark (1771) und die beinahe ebenso kurzlebigen absolutistischen Reformen unter Kaiser Joseph II. (1765–1790) in Österreich. Im Preußen der 1780er Jahre brachten die wirtschaftlichen und sozialen Reformversuche ebenso wenig eine grundlegende Veränderung wie die politischen Maßnahmen der in immer kürzeren Zeitabständen abgelösten französischen Finanzminister der Vorrevolution (von Turgot bis Necker).
„Ich liebe also die französische Revolution“
Der Publizist und Paris-Reisende Johann Wilhelm von Archenholz brachte die in deutschen Aufklärungskreisen durchaus verbreitete Stimmung 1792 so zum Ausdruck: „Wenn ich sage, daß ich mich über die französische Revolution gefreut habe und noch freue, so sage ich nicht mehr, als was die aufgeklärten Weltbürger aller Nationen und alle guten Bürger Frankreichs, selbst die wohldenkenden Aristokraten gesagt haben. Ich liebe also die französische Revolution, als die Abschaffung zahlloser Mißbräuche und namenloser Greuel, unter denen Millionen unserer Nebenmenschen tief gebeugt werden.“
Sofort machten sich deutsche Aufklärer wie Joachim Heinrich Campe, Johann Heinrich Merck oder Johann Friedrich Reichardt nach Frankreich auf und berichteten direkt aus dem Revolutionszentrum in die Heimat. Einige blieben dort und beteiligten sich an der großen Staatsumwälzung, zum Beispiel die aufklärerisch inspirierten Schriftsteller Gustav von Schlabrendorf und Anacharsis Cloots. Der schwäbische Pfarrerssohn Karl Friedrich Reinhard brachte es 1799 sogar zum französischen Außenminister.
Die Französische Revolution war medial vermittelt auch in Deutschland dauerpräsent: als Gegenstand der Pressepublizistik, in literarischen Werken und in einer auch breite Schichten erreichenden Revolutionsikonographie. Unmittelbar ins Deutsche übersetzt wurde mit den wichtigsten revolutionären und gegenrevolutionären Programmschriften wie Emmanuel Joseph Sieyès’ „Was ist der Dritte Stand?“ (1789), Thomas Paines „Die Rechte des Menschen“ (deutsch 1792) oder Edmund Burkes „Reflexionen über die Französische Revolution“ (deutsch 1793) auch das neue politische Vokabular. Selbst Parlamentsreden aus der Pariser Nationalversammlung wurden in deutschen Journalen in Übersetzung abgedruckt.
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Eine kurzlebige und von der preußischen Invasionsarmee schnell unterbundene Ausnahme des direkten Übergreifens der Revolution auf das Alte Reich stellte die Mainzer Republik von 1792/93 dar. Dass sich unter den politischen Akteuren des ersten demokratischen Experiments auf deutschem Boden neben Georg Forster und Georg Wedekind mit Therese Forster-Huber, Caroline Böhmer oder Meta Forkel-Libeskind auch viele Frauen fanden, war kein Zufall.
Gleiches galt bereits für das französische Vorbild, etwa beim Zug der Pariser Marktfrauen zum königlichen Schloss in Versailles. In den Schriften des Pariser Parlamentariers Marie Jean Antoine Nicolas Condorcet („Über den Anspruch der Frauen auf das Bürgerrecht“, 1790) und von Autorinnen wie Olympe de Gouges („Erklärung der Rechte der Frau“, 1791) oder Mary Wollstonecraft („Verteidigung der Rechte der Frauen“, 1792) wurde die Emanzipation der Geschlechterrollen als wesentlicher Teil des revolutionären Programms eingefordert.
Dass die Revolution in der zeitgenössischen Ikonographie immer als kämpfende Frau symbolisiert wurde, mag man als Ausdruck dieser Forderung deuten. Jedenfalls knüpfte auch Therese Huber an diese Ikonographie an, wenn sie die Protagonistin ihres großen Revolutionsromans „Die Familie Seldorf“ (1794) am Ende gegen die Konterrevolution kämpfen ließ. Und auch die Gegenseite hatte diesen Aspekt sofort registriert und misogyne Pamphlete wie „Die Mainzer Klubbisten zu Königstein oder Die Weiber decken einander die Schanden auf“ (1793) in Umlauf gebracht.
Der Begriff der „Revolution“, der bis dahin noch vor allem Naturphänomene bezeichnet hatte, wurde zum unangefochtenen Schlagwort der Epoche. Auf „1 : 1 000 000“ schätzte der Göttinger Aufklärer Georg Christoph Lichtenberg das Zahlenverhältnis, „wie oft das Wort Revolution in den acht Jahren von 1781–1789 und in den acht Jahren von 1789–1797 in Europa ausgesprochen und gedruckt worden ist“. Auch der Aufklärungsbegriff fand sich nun nicht nur häufiger in den öffentlichen Debatten als zuvor, sondern die Auseinandersetzungen um ihn nahmen deutlich an Schärfe zu.
Die Radikalisierung in Paris hat für die Aufklärung Folgen
Aufklärer wie der freimaurerische Netzwerker und Romanautor Adolph Freiherr von Knigge („Benjamin Noldmann’s Geschichte der Aufklärung in Abyssinien“, 1791; „Josephs von Wurmbrand, Kaiserlich abyssinischen Ex-Ministers, jezzigen Notarii caesarii publici in der Reichsstadt Bopfingen, politisches Glaubensbekenntniss, mit Hinsicht auf die französische Revolution und deren Folgen“, 1792) sahen sich nun als Aufrührer und „Mordbrenner“ denunziert.
In seinem „Memoire an Seine Kaiserlichkönigliche Majestät Leopold den Zweiten über den Wahnwitz unsers Zeitalters und die Mordbrenner, welche Deutschland und ganz Europa aufklären wollen“ von 1792 warf der an verschiedenen Höfen als Leibarzt tätige Johann Georg Zimmermann ihnen vor, „unter dem Namen allgemeiner und unverletzlicher Menschenrechte“ den „Umsturz von Religion und Thron“ vorzubereiten.
Auch Forderungen, den Gebrauch des Begriffs Aufklärung ganz zu unterbinden („Vorschlag, das Mode-Wort Aufklärung abzuschaffen“, 1792) oder sie zum bloßen Trugbild zu erklären („Aufklärung, größtentheils eine Grille“, 1794), blieben nicht aus. Mit der forcierten Gewaltspirale im Zuge des Koalitionskrieges der habsburgisch-preußischen Allianz gegen die französische Republik (seit 1792) und dem folgenden „Terreur“ der Pariser Regierung unter Robespierre (seit 1793) wurde die Aufklärung zeitweise unter den Generalverdacht des „Jakobinismus“ gestellt.
Eine andere Strategie der Revolutionsabwehr bestand in der Umdeutung und Eingrenzung des Begriffs zu einer „wahren Aufklärung“ im Unterschied zur falschen und potentiell revolutionären. Besonders bemerkenswert in dieser Hinsicht sind die Schriften des Göttinger Geschichtsprofessors Christoph Meiners. In der ausdrücklichen Identifikation mit der „wachsenden Aufklärung und Geistes-Bildung“ und mit dem Anspruch rationaler Wissenschaftlichkeit rechtfertigt Meiners die sozialen und ständischen Ungleichheiten als vermeintlich anthropologisch fundiert, um sie so auch für die Moderne anschlussfähig zu machen.
„Von Natur aus“ ausgeschlossen aus der „wahren Aufklärung“ blieben laut Meiners „der Pöbel“, Frauen, Juden oder Nicht-Weiße: „… so wenig jemals Unterthanen mit ihren Regenten, Kinder mit Erwachsenen, Weiber mit Männern, Bediente mit ihren Herren, unfleissige und unwissende Menschen mit thätigen und Unterrichteten, erklärte Bösewichter mit schuldlosen, oder verdienstvollen Bürgern gleiche Rechte und Freyheiten erhalten werden; so wenig können Juden und Neger, so lange sie Juden und Neger sind, mit den Christen und Weissen, unter welchen sie wohnen, oder denen sie gehorchen, dieselbigen Vorrechte und Freyheiten verlangen.“
Meiners zog sich mit seinen Thesen den Spott seiner Göttinger Kollegen Johann Friedrich Blumenbach, Christian Gottlob Heyne, Georg Christoph Lichtenberg sowie Immanuel Kants zu. Georg Forster wies in seinen Rezensionen in den „Göttingischen Gelehrten Anzeigen“ deren Pseudowissenschaftlichkeit nach und sah in solcher quasi-genetisch reformulierten Ständeapologie nichts als eine „Lästerung der Vernunft“. Der steilen Karriere von Meiners, der mit seinen Thesen zum britischen Hofrat, Prorektor der Universität Göttingen und wissenschaftlichen Berater des russischen Zaren aufstieg, tat dies jedoch keinen Abbruch.
Angesichts der rasch wechselnden Phasen der Revolution von der konstitutionellen Monarchie über die Republik, die Jakobiner-Diktatur und das Direktorat setzte bald auch deren historische Reflexion ein. Immanuel Kant erkannte in ihr ein „Geschichtszeichen“, in dem sich die Fortschrittsfähigkeit der menschlichen Gattung empirisch offenbart habe. „Ein solches Phänomen in der Menschengeschichte vergißt sich nicht mehr, weil es eine Anlage und ein Vermögen in der menschlichen Natur zum Besseren aufgedeckt hat, dergleichen kein Politiker aus dem bisherigen laufe der Dinge herausgeklügelt hätte.“
Revolution als zentrales historisches Ereignis
Kant schrieb 1894: Selbst wenn „die Revolution oder Reform der Verfassung eines Volks gegen das Ende doch fehlschlüge“, so bleibe doch „jene Begebenheit zu groß, zu sehr mit dem Interesse der Menschheit verwebt und zu ausgebreitet, als daß sie nicht den Völkern bei irgendeiner Veranlassung günstiger Umstände in Erinnerung gebracht und zur Wiederholung neuer Versuche dieser Art erweckt werden sollte.“
Ausgehend von Kant, wurde die Französische Revolution in geschichtsphilosophischen Entwürfen von Friedrich Schiller, Johann Gottlieb Fichte oder Friedrich Schlegel zum Anlass ästhetischer Bildungsprogramme genommen (Schiller: „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“, 1795) oder zur neben Goethes Romanen und Fichtes Philosophie „größten Tendenz des Zeitalters“ (Schlegel) idealisiert.
Georg Wilhelm Friedrich Hegel machte den revolutionären und evolutionären „Fortschritt der Vernunft im Bewusstsein der Freiheit“ zum Grundprinzip seiner Geschichtsphilosophie und nahm Kants „Nicht-Vergessen“ beim Wort, indem er jeden 14. Juli (den Tag des Sturms auf das Pariser Stadtgefängnis der Bastille) bis an sein Lebensende bei einer Flasche Rotwein feierte.
Während Hegel, Fichte und Schlegel die Aufklärung dabei bereits zur Epoche der Vergangenheit erklärten, schienen umgekehrt deren idealistisch-geschichtsphilosophische Großthesen vielen sich weiterhin in die Tradition der Aufklärung stellenden Autoren zu sehr ins Nebulös-Normative abzudriften. Autoren wie Georg Forster, der Berliner Publizist Friedrich Buchholz, der deutsch-jüdische Aufklärer Saul Ascher einerseits oder der aus gegenrevolutionärer Perspektive in österreichisch-englischen Diensten schreibende Friedrich Gentz andererseits entwickelten dagegen empirische historische und frühsoziologische Erklärungsmodelle der Revolution. Diese erklärten sie aus den ökonomisch-politischen Widersprüchen der Zeit.
Die Konzentration auf Strukturen und Prozesse, die immer zugleich als weltgeschichtliche Prozesse verstanden werden, kommt in einer natur- und sozialwissenschaftlichen Terminologie zum Ausdruck, nach der nicht Individuen und deren Absichten die Geschichte bestimmen, sondern „Triebkräfte“ oder „Sozial- und Eigentumsverhältnisse“.
So zeichnete Georg Forster in seinen „Parisischen Umrissen“ (1794) „das Gemälde jenes größeren Umschwungs“, der „Könige und Fürsten so gut wie die abhängigsten Menschen mit sich fortreißt, und oft ihre Pläne desto schneller vereitelt, je rascher sie darauf hingearbeitet haben“. Saul Ascher entwarf 1801 ein Stadienmodell menschlicher Befreiungsgeschichte von der Reformation (Glaubensfreiheit) über die Englische Revolution (Besitzfreiheit) bis zur Französischen Revolution (Handlungsfreiheit) entlang den jeweiligen historischen Eigentumsverhältnissen.
Friedrich Buchholz verfolgte in seinen Werken mit Titeln wie „Darstellung eines neuen Gravitazionsgesetzes für die moralische Welt“ (1801) explizit eine „Wissenschaft von der Gesellschaft in ihren nothwendigen und zufälligen Beziehungen“ und erklärte Revolutionen als Ergebnis eines Missverhältnisses des „Zusammenhangs, in welchem Gesellschaft, gesellschaftliche Arbeit und Geld miteinander
stehen“.
Und auch für Friedrich Gentz war die von ihm publizistisch bekämpfte Französische Revolution ein Ereignis von „wahrhaft-welthistorischem Gewicht und Interesse“, das sich nur durch ein umfassendes empirisches und beobachtendes „Studium der gesellschaftlichen Verhältnisse“ erklären lasse.
Die Aufklärung differenziert sich in verschiedene Strömungen
Mit den Debatten um die Französische Revolution differenzierte sich der Aufklärungsbegriff als politische Identifikationskategorie in die auf das 19. Jahrhundert vorausweisenden Leitbegriffe aus: den Liberalismus in den Spielarten des Verfassungsnormativismus (Kant) und des historisch argumentierenden Empirismus (Ascher, Buchholz), den Konservativismus in den Spielarten des gesellschaftliche Ungleichheiten „wissenschaftlich-anthropologisch“ legitimierenden Kulturessentialismus (Meiners) und des Vernunft als Traditionsstabilisierung begreifenden Historismus (Gentz) sowie den demokratischen Republikanismus (Forster) und kurz darauf den Frühsozialismus.
Noch in den zunehmend im nationalen Paradigma geführten Auseinandersetzungen der postnapoleonischen Zeit blieb er präsent: als Abgrenzungskategorie gegen einen vermeintlich bloß flachen französischen Rationalismus im romantischen Frühnationalismus einerseits und in der Erinnerung an die kosmopolitischen und emanzipatorischen Forderungen der Aufklärung andererseits.
Auch wenn die Französische Revolution sich in Deutschland vor allem als Rezeptions- und Medienereignis manifestierte, blieb sie alles andere als folgenlos. In seiner unmittelbar im Anschluss an die erneute Absetzung der Bourbonen-Dynastie im Juli 1830 im Pariser Exil geschriebenen „Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland“ deutete Heinrich Heine die Debatten um die Französische Revolution als eine Befreiung des Geistes, in der das gar nicht mehr so ferne Donnergrollen einer kommenden deutschen Revolution schon ideell vorweggenommen sei.
Autor: PROF. DR. IWAN-MICHELANGELO D’APRILE
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