Dracula – Amerika – Franz Liszt – Feldpost – Warschauer Ghetto – Geschichte der Deutschen in Fotos | DAMALS
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Dracula – Amerika – Franz Liszt – Feldpost – Warschauer Ghetto – Geschichte der Deutschen in Fotos
Die frühchristliche Ikonographie hat in eindrucksvollen Ausmalungen römischer Katakomben oder in Reliefs von Sarkophagen die Zeiten überdauert. Ihre vielfältige Symbolik stellt uns der französische Theologe Gérard-Henry Baudry in einem schön illustrierten Band anhand von Kunstwerken des 1. bis 7. Jahrhunderts vor. Zu Beginn führt er aus, warum die Grabmalskunst eine so überragende Rolle für die frühchristliche Kunst spielte: Grabstätten befanden sich in der Hand von Familien oder von privaten Vereinigungen, sie waren daher nicht staatlich reglementiert und konnten individuell ausgestattet werden. In ihrer Mischung von heidnischen und christlichen Motiven sind die Kunstwerke sowohl Zeugnisse des Volksglaubens als auch des Bedürfnisses der Menschen, sich durch Bilder in ihrem Schmerz trösten zu lassen. Dies war nicht selbstverständlich, da kirchliche Autoritäten ein tiefes Misstrauen gegen Bilder hegten und man des Götzendienstes verdächtigt werden konnte. Baudry enthüllt die…
Die frühchristliche Ikonographie hat in eindrucksvollen Ausmalungen römischer Katakomben oder in Reliefs von Sarkophagen die Zeiten überdauert. Ihre vielfältige Symbolik stellt uns der französische Theologe Gérard-Henry Baudry in einem schön illustrierten Band anhand von Kunstwerken des 1. bis 7. Jahrhunderts vor. Zu Beginn führt er aus, warum die Grabmalskunst eine so überragende Rolle für die frühchristliche Kunst spielte: Grabstätten befanden sich in der Hand von Familien oder von privaten Vereinigungen, sie waren daher nicht staatlich reglementiert und konnten individuell ausgestattet werden. In ihrer Mischung von heidnischen und christlichen Motiven sind die Kunstwerke sowohl Zeugnisse des Volksglaubens als auch des Bedürfnisses der Menschen, sich durch Bilder in ihrem Schmerz trösten zu lassen. Dies war nicht selbstverständlich, da kirchliche Autoritäten ein tiefes Misstrauen gegen Bilder hegten und man des Götzendienstes verdächtigt werden konnte. Baudry enthüllt die Bedeutung der komplexen Bildsprache: der Symbole Christi etwa, der alttestamentarischen Geschichten, der Buchstaben, Zahlen und geometrischen Formen, der Symbole aus Natur (Fels, Wasser oder Hirsch) und aus dem kulturellen Umfeld (Schiff, Joch oder Nahrungsmittel wie Öl und Wein). ht
Wohl kaum eine Frauengestalt der Antike hat einen derartig abenteuerlichen Lebenslauf aufzuweisen wie Theodora von Byzanz. Geboren 497 als Tochter eines Bärenwärters des Hippodroms von Konstantinopel, betätigte sie sich zunächst als Schauspielerin und Prostituierte. Es gelang ihr ein spektakulärer Aufstieg als Kurtisane einflussreicher Männer. Doch damit nicht genug: Die kluge und schöne Frau wusste sogar Kaiser Justinian für sich zu entflammen; dieser heiratete sie später und machte sie zur „Augusta“. Sie wurde zu einer wichtigen Ratgeberin des Kaisers, der ihr wichtige innenund außenpolitische Aufgaben übertrug. Eine lesenswerte Biographie dieser faszinierenden Frau hat jetzt Thomas Pratsch vorgelegt. Er schildert nicht nur das Leben Theodoras, sondern bettet es in die Zeitumstände ein. Vor allem aber setzt er sich mit den Schilderungen des Prokop auseinander, auf denen die überlieferte Lebensgeschichte der Theodora beruht. Mit wissenschaftlicher Quellenkritik verweist er manche Passagen der Darstellung Prokops in das Reich der Legende. Insbesondere die Ausschmückung des angeblich lasterhaften Lebens der Theodora bis ins kleinste sexuelle Detail scheint eher einer Männerphantasie entsprungen gewesen zu sein. Antijustinianische Reflexe taten ein Übriges, um der Nachwelt ein wahres Zerrbild einer Kaiserin zu hinterlassen. ht
Siegfried Kracauer (1889–1966) war eigentlich ausgebildeter Architekt, wandte sich aber nach dem Ende des Ersten Weltkriegs dem Journalismus zu. Er bewegte…
Mit Knoblauch und Holzpflock Spitze Eckzähne, wehender schwarzer Umhang, bleiches Antlitz – so erscheint Graf Dracula in vielen Filmen und Büchern, um als unersättlicher Vampir seinen Blutdurst zu stillen. Dass sich diese angsteinflößende Figur auf eine historische Persönlichkeit bezieht, ist vielleicht nicht jedem bekannt. Der Osteuropa-Historiker Heiko Haumann hat ein sehr informatives Büchlein verfasst, das uns mitten in die Walachei und zu Vlad Drǎculea T,epeş, dem „Urahn der Vampire“, führt. Vlad wurde vermutlich 1431 geboren. Sein Vater war gerade von König Sigismund zum Fürsten der Walachei und Ritter des Drachenordens ernannt worden, was ihm den Beinamen „Dracul“ einbrachte. Er ging, wie später auch sein Sohn (genannt Drǎculea, der kleine Drache), energisch gegen die vordringenden Osmanen vor. Haumann schildert die Kindheit und Jugend des kleinen Vlad und seine Kriege gegen die Osmanen. In den Ruf außergewöhnlicher Grausamkeit geriet der Fürst, weil er seine Widersacher pfählen ließ, was jedoch, wie Haumann betont, eine durchaus übliche Strafpraxis im Spätmittelalter war. Weitere Kapitel stellen den Zusammenhang zum Vampirglauben her, schildern die Verbreitung des Vampir-Mythos bis heute und erklären mit Bezug auf den berühmten Ro-
Heiko Haumann, Dracula. Leben und Legende. Verlag C. H. Beck, München 2011, 128 Seiten, € 8,95. Mehr zum Thema Joachim Nagel, Vampire. Mythische Wesen der Nacht. Belser Verlag, Stuttgart 2011, 127 Seiten, € 29,95.
man von Bram Stoker, warum Fürst Dracula mit einem Vampir identifiziert wurde. ht
Geburt Amerikas Im Jahr 2003 erwarb die „Library of Congress“ in Washington das einzige erhaltene Exemplar einer Landkarte aus dem 16. Jahrhundert für die enorme Summe von zehn Millionen US-Dollar. Warum den USA das Stück so viel wert war, zeigt der nähere Blick: Es handelte sich um die Karte von 1507, auf der der deutsche Kartograph Martin Waldseemüller zum ersten Mal den neuentdeckten vierten Kontinent verzeichnet und ihn mit dem Namen „America“ – nach dem Entdecker Amerigo Vespucci – versehen hatte. Die Karte gilt damit als „Geburtsurkunde“ Amerikas. Lange hielt man die Karte für verschollen, bis sie zufällig 1901 in Schloss Wolfegg in Oberschwaben wiederaufgefunden wurde. Selbst von ansteckender Entdeckerlust erfasst, schildert Toby Lester anschaulich und unterhaltsam nicht nur die Entstehung dieser Karte, sondern auch die großen historischen Prozesse, die ihre Produktion erst ermöglichten: die Intensivierung des Überseehandels, die Entdeckungsreisen und die
Toby Lester, Der vierte Kontinent. Wie eine Karte die Welt veränderte. Berlin Verlag, Berlin 2010, 527 Seiten, € 39,90. Weitere Literatur Paul Murdin, Die Kartenmacher. Der Wettstreit um die Vermessung der Welt. Verlag Artemis & Winkler, Mannheim 2010, 300 Seiten, € 19,95. Rüdiger Schaper, Die Odyssee des Fälschers. Die abenteuerliche Geschichte des Konstantin Simonides, der Europa zum Narren hielt und nebenbei die Antike erfand. Siedler Verlag, München 2011, 202 Seiten, € 16,99. DAMALS 9-2011
AKTUELL humanistische Wissenschaft, die sich erneut mit den antiken Lehren von Natur und Kosmos auseinandersetzte. So treten zahlreiche Akteure auf den Plan: von Marco Polo über Heinrich den Seefahrer bis zum humanistischen Philologen Matthias Ringmann, der gemeinsam mit Waldseemüller die Karte erstellte. ht
Liszt Superstar Franz Liszt, Komponist, Klaviervirtuose, Dirigent, Musiklehrer, Schriftsteller, fasziniert durch seine Triumphe ebenso wie durch seine Misserfolge und Lebenskrisen. Als Wunderkind tourte er – hier Mozart ähnlich – durch Europa, als junger Musiker wurden Aufführungen seiner Werke häufig zum Fiasko; erst später avancierte er zum Star der Musikwelt. Seine Wandlung zum Abbé mit Wohnsitz im Vatikan (er erhielt die „niederen Weihen“) ist nur eine Facette seines widersprüchlichen Charakters. Mit Schwung und Empathie schildert Oliver Hilmes, der bereits Bücher über Alma Mahler-Werfel und Cosima Wagner verfasst hat, Persönlichkeit und Leben des Künstlers. Hilmes begreift Liszt als einen „Superstar“, der sich virtuos der Medien bediente, um sein Image zu fördern. Ausführlich wird die Beziehung des Künstlers zum Wagner-Klan dargestellt – als Schwiegervater und Förderer Richard Wagners, dem Liszt so manches Mal aus finanziellen Schwierigkeiten half. Für Liszts Musik hat der
Oliver Hilmes, Liszt. Biographie eines Superstars. Siedler Verlag, München 2011, 431 Seiten, € 24,99. Mehr zum Thema Klára Hamburger, Franz Liszt. Leben und Werk. Böhlau Verlag, Köln/Weimar/Wien 2010, 279 Seiten, € 24,90.
Autor dagegen wenig Aufmerksamkeit übrig, obwohl er betont, wie wegweisend das Spätwerk Liszts war. Wer dem Bezug Liszts zu Weimar nachgehen will, kann sich dort bis zum 31. Oktober eine Ausstellung mit dem Titel „Franz Liszt – Ein Europäer in Weimar“ anschauen. ht
Briefe von der Front Feldpostbriefe des Ersten und Zweiten Weltkriegs haben seit den 1980er Jahren viel Interesse in der Forschung gefunden, versprechen sie doch aufschlussreiche Einblicke in Kriegsalltag, Wahrnehmung und Mentalität der Soldaten. Bisher wurden allerdings die Forschungsergebnisse zu beiden Weltkriegen kaum zusammengeführt. So ist es umso erfreulicher, dass dies nun ein Aufsatzband unternimmt, der aus einer Tagung am Museum für Kommunikation Berlin hervorgegangen ist. Er bietet zudem wichtige zusätzliche Aspekte, die bisher wenig Berücksichtigung fanden: die Feldpostbriefe aus anderen Ländern wie den USA, England oder Spanien etwa oder die Briefe und Karten, die weibliche Wehrmachtsangehörige oder Krankenschwestern nach Hause sandten. Mit dem Quellencharakter der Feldpostbriefe befassen sich gleich mehrere Beiträge, die nicht nur die großen Potentiale dieser Texte ausloten,
Veit Didczuneit/Jens Ebert/Thomas Jander (Hrsg.), Schreiben im Krieg, Schreiben vom Krieg. Feldpost im Zeitalter der Weltkriege. Klartext Verlag, Essen 2011, 538 Seiten, € 34,95. Mehr zum Thema Michael Bellmann, Kriegstagebuch 1914 –1918. Ernst Ritter von Brunner. Books on Demand, Norderstedt 2010, 339 Seiten, € 22,95.
sondern auch die spannende Frage stellen, was in den Schreiben verschwiegen wird. Mit der Art, wie Tod und Sterben thematisiert oder das Bild von soldatischer Männlichkeit gezeichnet wird, setzen sich andere Autoren auseinander. Die Vielzahl der Themen und Bezüge lässt so den Band zu einem wichtigen Beitrag für die Erforschung des subjektiven Kriegserlebens werden. ht
Ghettoleben Unser Wissen über die menschenunwürdigen Bedingungen, unter denen Juden im Warschauer Ghetto eingesperrt waren, hat durch Zeitzeugenberichte erheblich zugenommen. Doch keine dieser Quellen kann ein derart facettenreiches Bild erbringen wie das Archiv des Emanuel Ringelblum. Der im Warschauer Ghetto lebende, aus Galizien stammende jüdische Historiker hatte seit 1940 Hunderte von Dokumenten der Ghettobewohner gesammelt, darunter Briefe und Postkarten, Dokumente des „Judenrats“, Gedichte, Fotografien, aber auch Zettel mit verzweifelten Hilferufen, Untergrundpresse, Flugblätter, Berichte aus anderen KZs … Das Archiv wurde 1942 von Vertrauten des inzwischen de-
Samuel D. Kassow, Ringelblums Vermächtnis. Das geheime Archiv des Warschauer Ghettos. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2010, 750 Seiten, € 39,95. Weitere Literatur Almut Greiser, Der Kommandant. Ein NS-Täter in der Erinnerung von Überlebenden. Aufbau Verlag, Berlin 2011, 352 Seiten, € 24,95. Arieh Koretz, Bergen-Belsen. Tagebuch eines Jugendlichen. 11. 7. 1944 – 30. 3. 1945. Wallstein Verlag, Göttingen 2011, 183 Seiten, € 19,90.
portierten Ringelblum in Metallkisten und Milchkannen verborgen und vergraben. 1946 konnten zwei Drittel der Unterlagen geborgen werden. Sie werden im Deutschen Historischen Institut in Warschau verwahrt. Das wichtige Buch des in den USA lehrenden Historikers Samuel D. Kassow macht uns mit diesen erschütternden Quellen bekannt und stellt sie in den historischen Kontext. Deutlich werden der Alltag im Ghetto voll Angst und Hunger, aber auch der aus der Not geborene Pragmatismus der Betroffenen und die Tatkraft jüdischer Selbsthilfe. ht
Mit „Quick“ und „Kristall“ Deutschland in Trümmern, überglückliche Heimkehrer, Mauerbau oder Aufmärsche mit roter Fahne – viele dieser Aufnahmen sind in das Bildgedächtnis der Deutschen in Ost und West eingegangen, haben die Vorstellungen von der Nachkriegszeit geprägt. Einen großen Anteil an dieser Bilderinnerung haben die Illustrierten, die mit ihren Fotoreportagen auch das deutschdeutsche Geschehen in die Wohnzimmer brachten. Karin Hartewig bietet in ihrem Band „Wir sind im Bilde“ einen großen Überblick über die Bilderwelt der Illustrierten von 1945 bis in die 80er Jahre. Die Publikation zeigt nicht nur die gezielte politische Bildpropaganda im Zeichen des Kalten Krieges, sondern auch das Lebensgefühl der Nachkriegsgeneration. ht
Karin Hartewig, Wir sind im Bilde. Eine Geschichte der Deutschen in Fotos vom Kriegsende bis zur Entspannungspolitik. Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2010, 311 Seiten, € 29,50.
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