Als der Erste Weltkrieg die Kolonien erreichte, verlegten sich die Deutschen in Deutsch-Ostafrika darauf, möglichst viele feindliche Truppen so lange wie möglich in Afrika zu beschäftigen. Das Ergebnis war ein Abnutzungskrieg, der besonders für die Bevölkerung und die oft zwangsverpflichteten Träger großes Leid mit…
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Im Jahr 1905 brach in der Kolonie Deutsch-Ostafrika (etwa den heutigen Staaten Tansania, Burundi und Ruanda entsprechend) ein Aufstand gegen die Kolonialherren aus. Hohe Steuern hatten die Bevölkerung zunehmend belastet. Viele Afrikaner waren, da sie nicht zahlen konnten, zu Zwangsarbeitern herabgestuft worden. Schikaniert von den Deutschen, von deren afrikanischen Soldaten, den Askari, und von indischen sowie swahilischen Händlern, hatten sie irgendwann keinen anderen Ausweg mehr gesehen, als sich zu erheben.
Einer der Initiatoren des Aufstandes war ein Mann namens Kinjekitile Ngwale, der als Medium bekannt war. Er ließ seine Anhänger vor dem Kampf gegen die Deutschen „heilendes Wasser“ trinken, das sie in der Schlacht unverwundbar machen sollte. Angeblich wies er sie außerdem an, das Wort „Wasser“ (auf Kiswahili: maji) vor sich hin zu sagen. So bekam der Aufstand, an dem sich schließlich 20 Bevölkerungsgruppen im südlichen Teil der deutschen Kolonie beteiligten, seinen Namen: Majimaji.
Das Wasser verfehlte seine Wirkung jedoch: Der Aufstand ging im Gewehrfeuer der deutschen Soldaten und der Askari unter. Zahlreiche Afrikaner wurden getötet, und die Taktik der verbrannten Erde, welche die Deutschen anwandten, kostete weitere Leben. Eine Hungersnot dezimierte 1906 die Bevölkerung der Region noch weiter.
Mit dem Amtsantritt Bernhard Dernburgs als Kolonialstaatssekretär erfolgte 1907 eine Wende in der Kolonialpolitik des Kaiserreichs – zumindest auf dem Papier. Dernburg wollte die militärische Verwaltung zugunsten der zivilen abbauen, die Bevölkerung wirtschaftlich unterstützen und den Landverkauf an Europäer erschweren.
Die Umsetzung der Pläne gelang aber allenfalls in Ansätzen. Die Kolonie blieb bis zum Anbruch des Ersten Weltkriegs im festen Griff der Militärs. Besonders im Süden, wo der Majimaji-Aufstand gewaltsam niedergeschlagen worden war, konnte von einem Richtungswechsel keine Rede sein. Vertreter des Kaiserreichs sah man dort nur als Mitglieder von Strafexpeditionen. Zuverlässige und einheitliche Mechanismen einer kolonieweiten Verwaltung gab es nicht. Versuche, den Briten in dieser Hinsicht etwas abzuschauen, hatten zu keinem nennenswerten Ergebnis geführt.
Krieg vermeiden? Kommandant Lettow-Vorbeck ignoriert den Willen des Gouverneurs
Dies war die Situation zu Beginn des Ersten Weltkriegs. Als sich Anfang August 1914 die Neuigkeit verbreitete, dass in Europa Krieg ausgebrochen war, hofften die meisten, dass die Kolonien davon unberührt bleiben würden. Man vertraute auf die „Kongoakte“ (das Schlussdokument der Kongokonferenz von 1884/85), in der sich die Kolonialmächte dazu verpflichtet hatten, die Kolonien im Fall eines Konflikts neutral zu halten.
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In London fürchtete man jedoch, deutsche Kriegsschiffe könnten ostafrikanische Häfen als Basen nutzen und von dort aus britische Versorgungsschiffe aus Indien attackieren. Die Royal Navy verhängte also eine Blockade über die Häfen. Trotzdem war noch nicht klar, was all das für die Bevölkerung der Kolonie bedeuten würde. Es war auch nicht sicher, wie sich die benachbarten Belgier im Kongo oder die Portugiesen in Portugiesisch-Ostafrika verhalten würden.
Der Gouverneur von Deutsch-Ostafrika war seit 1912 Heinrich Schnee. Krieg wollte er um jeden Preis vermeiden – schon allein deshalb, weil die Chancen gegen deutlich überlegene Briten außerordentlich schlecht standen. Auf die Blockade der Häfen antwortete er deshalb mit der Erklärung, die Hafenstädte der Kolonie seien „offene Städte“ – laut geltendem Kriegsrecht waren sie somit ohne Verteidiger und durften nicht beschossen werden. Als Gouverneur war Schnee automatisch auch Oberbefehlshaber der Kolonialtruppen. Der neue kommandierende Offizier, Paul von Lettow-Vorbeck (1870–1964), sah das allerdings anders: Er weigerte sich schlicht und einfach, Schnees Anweisungen Folge zu leisten. Und als die Briten Dar es Salaam, die Hauptstadt der Kolonie, beschossen, blieb Schnee nicht viel anderes übrig, als Lettow-Vorbeck das Ruder zu überlassen.
Hinsichtlich der Erfolgsaussichten eines Kriegs gegen die Briten in Afrika waren sich die beiden einig. Lettow-Vorbeck war der wohl erfahrenste Kolonialoffizier des Kaiserreichs, und er machte sich keine Illusionen. Trotzdem glaubte er, etwas gewinnen zu können: Zeit. Sein Plan war, möglichst viele britische Truppen und Ressourcen in Ostafrika zu binden, um so den Krieg in Europa zugunsten des Kaiserreichs zu beeinflussen. Auf seinen Befehl hin nahmen Deutsche und Askari den Kampf auf.
Die Askari: unverzichtbare Helfer der deutschen Kolonialherren
Die Askari spielten von Anfang an eine große Rolle. Während die Belgier und lange auch die Briten versuchten, europäische und afrikanische Einheiten klar zu trennen, war dies auf deutscher Seite kaum erfolgversprechend, schon allein deshalb, weil kein Nachschub aus Europa kommen würde. Sehr früh stellte sich außerdem heraus, dass die deutschen Freiwilligenverbände im Kampf keine große Hilfe waren. Im Verlauf des Kriegs gestanden die deutschen Offiziere den Askari daher immer größere Verantwortung zu. Vor dem Krieg war es etwa völlig undenkbar gewesen, die Askari mit Maschinengewehren auszustatten – das änderte sich nun schnell.
Die Askari waren die unverzichtbare Stütze der deutschen Kolonialherrschaft. Die erste Generation der Askari hatten die Deutschen noch außerhalb ihrer Kolonie rekrutiert, um sicherzugehen, dass sie sich nicht solidarisch mit der kolonisierten Bevölkerung verhalten würden. Doch als man feststellte, dass es in Ostafrika unter den verschiedenen Volksgruppen keine einheitliche Identität gab, suchte man neue Rekruten vor Ort.
Da die Deutschen ihre Kolonie, im Gegensatz zu den Briten, strikt militärisch führten, gab dies auch den Askari von Anfang an eine beträchtliche Machtfülle. Sie setzten den Willen der Kolonialherren in die Praxis um. Dabei hatten sie alle Möglichkeiten von Soldaten in einer Militärdiktatur. Ihr Gehalt war hoch, doppelt so hoch wie das der „King’s African Rifles“ – dem britischen Pendant der Askari. Die Deutschen machten keine Anstalten, sie zum Christentum zu bekehren, sie gestatteten ihnen die Polygamie, und gewährten ihnen außerhalb des harten Drills zahlreiche Privilegien. Unter den Askari und ihren Familien entwickelte sich tatsächlich so etwas wie eine preußische Soldatenidentität.
Schon die erste Schlacht zeigt, dass dies ein anderer Krieg ist
Neben deutschen Offizieren und afrikanischen Soldaten kamen auf beiden Seiten des Konfliktes auch zahlreiche irreguläre Krieger, sogenannte Ruga-Ruga, zum Einsatz, die nach Bedarf angeworben wurden, aber meist nur so lange bei den Truppen blieben, bis diese ihre Heimatregion wieder verließen. Der größte Teil der Heere bestand allerdings aus Trägern. Die Kolonie war infrastrukturell kaum erschlossen. Auf den meisten Strecken musste alles mit Körperkraft ans Ziel gebracht werden: Waffen, Munition, Verpflegung, Medikamente. Und wo dies nicht möglich war, weil nicht genügend Träger zur Verfügung standen, da blieb ein Heerzug einfach liegen.
Die Fahrzeuge der Briten waren besonders während der Regenzeit völlig unbrauchbar, und der Einsatz von Lasttieren war wegen der Tsetse-Fliege und der von ihr übertragenen Tierseuche „Nagana“ praktisch unmöglich. Zahlenmäßige und technische Überlegenheit nutzten wenig, wenn sie nicht dort zum Einsatz gebracht werden konnten, wo sie gebraucht wurden.
Diese Tatsache hatten die zuständigen britischen Einrichtungen, das Colonial Office und das Indian Office in London, unterschätzt. Sie waren überzeugt, dass der Krieg gegen Deutsche und Askari schnell gewonnen werden würde. Doch so kam es nicht. Der erste große Vorstoß der Briten begann
sogar mit einer Katastrophe: 6000 hauptsächlich indische Soldaten unternahmen Anfang November 1914 bei einer Halbinsel nahe der Hafenstadt Tanga einen Landungsversuch. Gegen 1107 Askari, deutsche Offiziere und Freiwillige sowie 55 Ruga-Ruga erlitten sie hohe Verluste. Dazu kam, dass Wildbienen, welche die Schlacht in Aufruhr versetzt hatte, die Soldaten attackierten. Die „Schlacht der Bienen“ war eine der vollständigsten Niederlagen in der britischen Geschichte.
Mit der erbeuteten Ausrüstung und hoher Motivation gingen Deutsche und Askari nun in den Krieg. Begeistert meldeten sich Rekruten, um der erfolgreichen Truppe beizutreten. Zwar hatten die Deutschen nicht einmal genug Soldaten, um die Grenzen ihrer Kolonie ausreichend zu schützen; mit punktuellen Angriffen täuschten sie die Briten jedoch und sorgten bald dafür, dass man in den angrenzenden Kolonien eine deutsche Invasion zu fürchten begann.
Ende 1915 standen auf deutscher Seite 60 Kompanien, also insgesamt 12 000 bis 15 000 Mann, darunter ungefähr 3000 Europäer. Die Briten stellten 30 000 Mann allein zur Bewachung der Uganda-Bahn ab – und den Deutschen gelang es dennoch immer wieder, die Gleise zu sprengen.
In London war man sich keineswegs einig, wie in Ostafrika nun zu verfahren sei. Indian Office und Colonial Office drangen darauf, eine großangelegte Offensive zu starten. Das War Office war dagegen, fügte sich aber schließlich unter der Bedingung, von nun an die Kontrolle zu übernehmen. In der Folge trafen bald Truppen aus Südafrika ein. Außerdem wurde Belgien mit in den Krieg geholt. Die belgischen Beamten waren darüber gar nicht glücklich und fürchteten, dass die Kriegsanstrengungen Aufstände auslösen würden. Die frisch aus Europa eingetroffenen Offiziere konnten es dagegen gar nicht erwarten, sich an den Deutschen zu rächen.
Die Leichen der Träger säumen den Wegesrand
Was sich nun entspann, war ein verlustreicher Abnutzungskrieg. Den Briten misslang es immer wieder, deutsche Truppen einzukesseln. Die Deutschen entzogen sich erfolgreich und machten sich dabei die Tatsache zunutze, dass es ihren Verfolgern stets an Trägern fehlte bzw. die britischen Fahrzeuge in
ihrer Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt waren. Dazu kam, dass Briten und Belgier ihre Aktionen kaum miteinander koordinierten. Die Belgier ärgerten sich über die Arroganz des mächtigen Verbündeten, und die Briten verachteten die Belgier für deren Brutalität gegenüber der Zivilbevölkerung.
Die schlechte Versorgungslage führte dazu, dass auf allen Seiten gehungert wurde; Krankheiten und Verletzungen konnten nur selten angemessen behandelt werden. Dazu kamen Tropenkrankheiten. Der Großteil der Soldaten starb jenseits der Schlachtfelder. Unter den Trägern war das Leid besonders groß. Schätzungsweise etwas mehr als eine Million Afrikaner dienten im Krieg als Träger. Unter ihnen gab es teilweise militärisch Ausgebildete, die schon vor dem Krieg fest in kolonialen Diensten gestanden hatten; der Großteil wurde jedoch im Lauf des Krieges unter immer schlechteren Bedingungen und vermehrt auch unter Zwang eingezogen.
100 000 bis 300 000 dieser Träger – Männer, Frauen und Kinder – starben, ohne dass sich jemand um sie kümmerte. Die den Deutschen nachstellenden Belgier mussten nur der Spur von am Wegesrand liegenden Leichen folgen, um die feindlichen Truppen nicht zu verlieren. Der britische Arzt Beattie schrieb erzürnt: „Wären die Träger Kamele oder Pferde, dann würden sie wahrscheinlich eine bessere Behandlung und Fürsorge durch die militärischen Führer erfahren.“
Im Süden, wo sich die letzte Phase des Krieges abspielte, wurde es so deutlich wie nie zuvor, dass die Deutschen keinen Krieg führten, den sie gewinnen wollten (oder konnten), sondern dass sie sich permanent auf der Flucht befanden. Im Gebiet des ehemaligen Majimaji-Aufstandes bekamen sie es auch mit der ihnen feindlich gesinnten Bevölkerung zu tun. Die Region, die sich kaum von den Strafexpeditionen erholt hatte, wurde nun erneut von deutschen Truppen geplündert.
Deutsche und Askari: Der Respekt füreinander nimmt zu
Unter den Offizieren und Ärzten machte sich Unzufriedenheit breit. Sie wussten, dass Lettow-Vorbeck den Krieg in Ostafrika jederzeit beenden konnte. Und zunehmend wurde die Meinung geäußert, dass es nun an der Zeit dazu sei. Der Kommandant ließ sich aber nicht davon abbringen, seinen Plan weiterzuverfolgen – koste es, was es wolle. Zwar hatte er mit Desertionen zu kämpfen; die Mehrheit der Askari blieb aber loyal. Das hatte etwas mit der sich im Krieg entwickelnden Kameradschaft zwischen den Askari und deutschen Offizieren zu tun, die nach dem Krieg von deutschen Autoren besonders hervorgehoben wurde. Auch ein ehemaliger Askari erinnerte sich später: „Wir hatten großen Respekt vor den Deutschen, weil sie auch Respekt vor uns hatten. Sie behandelten uns wie Brüder, nicht wie Untergebene. Die Disziplin war hart, aber wir hatten Respekt.“
Mindestens ebenso wichtig war allerdings die Tatsache, dass die Askari sehr genau wussten, dass ihr privilegiertes Leben an das der Kolonialherren gebunden war und dass sie jenseits ihrer Heimat um die eigene Sicherheit fürchten mussten, wenn sie die Truppe verließen. Außerdem machten die deutschen Offiziere den Askari gegenüber Zugeständnisse: Zum einen war es ihnen erlaubt, Leichen auf dem Schlachtfeld zu fleddern, zum anderen durften sie Frauen rauben und mit sich führen (dies wurde zunächst unausgesprochen geduldet und später ausdrücklich gestattet).
„Hinter uns lassen wir zerstörte Felder … und … Hungersnot“
Plündernd zogen deutsche und belgische Heere durch das Land – die Deutschen stets darum bemüht, sich nicht stellen zu lassen. Die Briten warfen immer mehr afrikanische Truppen in den Kampf und zogen die dezimierten europäischen Truppen ab. Als die ausblutende Kolonie diesen Raubkrieg nicht länger am Leben erhalten konnte, marschierte Lettow-Vorbeck kurzerhand in die Kolonie Portugiesisch-Ostafrika ein. Der deutsche Arzt Ludwig Deppe schrieb: „Hinter uns lassen wir zerstörte Felder, restlos geplünderte Magazine und für die nächste Zeit Hungersnot. Wir sind keine Schrittmacher der Kultur mehr; unsere Spur ist gekennzeichnet von Tod, Plünderung und menschenleeren Dörfern …“
Die portugiesischen Truppen waren für die kampferprobten Askari kein Problem. Plötzlich konnte wieder Beute gemacht werden. Der deutsche Heerwurm fraß sich durch die bislang vom Krieg fast unberührte Kolonie. Dennoch war Desertion in dieser letzten Phase des Krieges ein großes Problem – nicht nur für die Deutschen. Träger wurden aneinander gekettet, um sie an der Flucht zu hindern. Und teilweise konnten die Askari wohl nur noch mit dem Versprechen bei der Truppe gehalten werden, man werde nun in Richtung Heimat marschieren und sie alle nach Hause bringen.
Im September betraten die Deutschen wieder den Boden ihrer Kolonie, die inzwischen in Feindeshand war, nur um kurz darauf in Rhodesien einzufallen und den Plünderungszug dort fortzusetzen. Panik verbreitete sich in der britischen Kolonie. Dann allerdings kam das Ende: Im deutschen Lager erfuhr man von der Kapitulation des Kaiserreichs. Unter den Offizieren war die Stimmung verhalten; unter den Askari und Trägern brach dagegen große Freunde aus. Ausgelassen wurde getanzt und gesungen, das Ende des Krieges gefeiert.
Für das verheerte Land war der Krieg nicht das Ende des Elends. Hunderttausende starben 1918 an einer Grippeepidemie. Vielerorts griffen Ruga-Ruga – einige von ihnen ehemalige Askari – nach der Macht und errichteten mit großer Brutalität ihre eigenen kleinen Herrschaftsbereiche. Während die Briten die ehemals deutsche Kolonie in Besitz nahmen, wurden Lettow-Vorbeck und Gouverneur Schnee in Berlin als Helden gefeiert. Der vor allem für die Zivilbevölkerung entsetzliche Krieg in Ostafrika wurde für die Heimkehrer mit räumlicher und wachsender zeitlicher Distanz – gerade im Gegensatz zu den Materialschlachten in Europa – zu einem vermeintlichen Gentlemen-Krieg verklärt, zu einem großen Abenteuer.
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