Alle drei haben zwar eine europäische, im Fall von Marx gar globale Wirkungsgeschichte, die weit über das 19. Jahrhundert hinausreicht. Münklers Interesse aber richtet sich auf die Frage, wie diese Denker die fundamentalen gesellschaftlichen, politischen, ökonomischen, technischen und kulturellen Umwälzungen ihres Zeitalters erfahren und interpretiert haben. Zunächst als Doppelbiographie über den 1813 geborenen Richard Wagner und den 1818 geborenen Karl Marx geplant, hat Münkler den 1844 geborenen Friedrich Nietzsche als Dritten im Bunde hinzugenommen.
Während für Wagner und Marx die Revolution von 1848 das entscheidende, ihre politische Sozialisation und intellektuelle Biographie prägende Ereignis war, galt dies für den einer späteren Generation angehörigen Nietzsche nicht. Wäre es um generationenspezifische Erfahrungen gegangen, hätte sich statt Nietzsche der 1818 geborene Jacob Burckhardt angeboten.
Münkler parallelisiert die Lebenswege seiner drei Protagonisten und verwickelt sie miteinander ins Gespräch, wobei er im Fall von Nietzsche und Wagner auf direkte Beziehungen zurückgreifen kann, während Marx und Wagner sich nie begegnet sind.
Münkler geht nicht nach dem Schema konventioneller Lebensbilder vor, sondern strukturiert die Kapitel seiner Tri-Biographie nach szenischen „Knoten“, an denen die drei Lebenswege „in-einander verschlungen“ waren, oder nach Themen, die sie mitein-ander verbanden, etwa der Bezug auf die Antike. Auch alltäglichen Erfahrungen – körperlichen Leiden oder finanziellen Nöten etwa – ist ein Kapitel gewidmet.
Ausführlich geht der Autor der Revolution von 1848 und der Gründung des Deutschen Reichs nach. Darüber hinaus nimmt er auch die Deutungen der sozialen Umwälzungen des 19. Jahrhunderts in den Blick. Ein umfangreiches Kapitel ist den jeweils konträren Formen von Religionskritik gewidmet.
In einem informativen Kapitel zum Antisemitismus widerlegt Münkler viele Fehlurteile, die sich in der Literatur finden. Er widerspricht der These, dass Marx antisemitisch gewesen sei, auch weist er abwegige Deutungen zurück, etwa wenn Wagners manifester Antisemitismus weginterpretiert oder Nietzsches definitive Abwendung vom Antisemitismus ignoriert wird.
Das umfangreichste letzte Kapitel, „Das große Umsturzprojekt“, bindet die rebellischen und subversiven Momente, die sich in den Werken von Marx, Wagner und Nietzsche in sehr unterschiedlichen Ausprägungen finden, zusammen, und das kurze „Nachspiel“ reflektiert die Frage nach den Gegenwartsbezügen. So können Münklers erhellenden Ausführungen darüber, wie seine Gesprächspartner mit den Umbrüchen ihrer Welt umgegangen sind, die Leserinnen und Leser des 21. Jahrhunderts anregen, über die globalen Umbrüche zu reflektieren, die sich vor ihren Augen vollziehen.





