Was folgte, ist bekannt: Seit einem halben Jahrhundert bekämpfen US-Behörden weltweit den Anbau und den Schmuggel von Drogen. Wie ich in meiner Dissertation zum „War on Drugs“ im Ausland zeige, wurden dabei zwar in den Anbaugebieten und entlang den Schmuggelrouten soziale Verheerungen ausgelöst, gleichzeitig jedoch gelang es nicht, Drogenschmuggel und -anbau je unter Kontrolle zu bringen, da die globale Drogenökonomie immer schneller und flexibler war als die staatlichen Behörden. So konnte man auf dem US-Schwarzmarkt immer ausreichend Drogen bekommen.
Drogen gelten als gefährlich für die Gesellschaft
Dass Nixon es 1971 für sinnvoll hielt, ein solches Projekt zu starten, hatte eine ganze Reihe von Gründen. Drogen waren in den USA seit den 1820er Jahren nach und nach verteufelt worden: Sie waren Rausch- und Suchtmittel, galten als gefährlich für den sozialen Zusammenhalt und zersetzend für die Jugend, wurden in Zusammenhang gebracht mit Grenzüberschreitung, Kontrollverlust, Kriminalität, sozialer Degeneration und Gewalt. Ihr Verbot war schon lange Konsens. Dass seit den 1960er Jahren die Hippie-Bewegung diesen Konsens provokativ in Frage stellte, verstärkte bei vielen noch den Eindruck, man müsse umso strenger gegen Drogen vorgehen.
All das erklärt Nixons Vorhaben, Drogen in den USA mit neuer Härte zu bekämpfen, doch warum wählte der Präsident genau 1971 als Zeitpunkt? Die Antwort liegt in den Militärbaracken der US-amerikanischen Streitkräfte in Südvietnam, in denen die dort stationierten Soldaten ihre spärliche Freizeit verbrachten.
Seit 1964 waren die USA an einem brutalen Dschungelkrieg zwischen Nord- und Südvietnam beteiligt, der für die Soldaten in neuer Weise zermürbend war. Kannten sie noch aus früheren Kämpfen die Erzählung, dass Krieg zu einem Großteil aus Warten bestehe, war das in Vietnam nicht mehr der Fall. Weil dort keine klaren Frontverläufe existierten, kämpften die Einheiten häufig in brutalen und verlustreichen Schlachten um bewaldete Hügel, von denen sich der Vietcong im besten Fall irgendwann zurückzog und die dann auch von den eigenen Truppen wieder verlassen wurden. Gewonnen hatte, wer nicht gestorben war. Und das bedeutete: Für ihn ging der Krieg weiter.
Die Einsätze der Soldaten dauerten oft mehrere Wochen am Stück. Wenn sie sich gerade nicht in einer direkten Auseinandersetzung befanden, hatten sie mit Hitze, tropischen Krankheiten und Insekten zu kämpfen. Jeden Augenblick drohte im Dschungel ein Hinterhalt, der tödlich enden konnte. Nach Einsätzen dieser Art hatten die Soldaten oft ein paar Tage frei, ehe es auf die nächste Patrouille zurück in die Kampfgebiete ging, Tage, die viele im Rausch verbrachten.
Wie aus Kongressakten, zeitgenössischen Untersuchungen, Presseberichten und der Forschung des US-amerikanischen Historikers Jeremy Kuzmarov hervorgeht, war die Palette psychoaktiver Substanzen, die zu diesem Zweck zur Verfügung stand, in Vietnam breiter als zu Hause: Neben Alkohol und Zigaretten waren in Südvietnam auch Marihuana und Heroin sehr günstig zu haben. Während der Konsum von Alkohol häufig sogar von Vorgesetzten unterstützt wurde, waren den Soldaten Marihuana und Heroin als illegale Drogen verboten. Doch das hinderte einige keineswegs daran, die billigen und qualitativ hochwertigen Drogen zu konsumieren. Die Zahl der Drogenkonsumenten war jedoch in Vietnam deutlich höher als zu Hause.





