Die Wahlen zur Miß-Germany des Jahres 1960 in Baden-Baden boten ein Spektakel der besonderen Art: Sie waren auch Werbe-Veranstaltung für das neueste Modell der Bremer Borgward-Automobilwerke – schließlich rollten die Kandidatinnen in einem Korso von zwölf weißen Arabellen in die Festhalle ein. Der Kommentator der Borgward-Firmenzeitschrift “Der Rhombus” sprudelte vor Begeisterung: “Zwölf bezaubernde junge Damen, zwölf rassige Arabellen – das waren Superlative des Charmes und der Eleganz und der Schönheit.” Selbstverständlich wurde der neuen Miß Germany von Moderator Lou van Bourg eins dieser Fahrzeuge als Preis übergeben. Zum zweiten Mal nach der berühmten “Isabella” trug damit ein Produkt der Borgward-Werke einen weiblichen Namen. Doch der hübsche Wagen mit den modischen Heckflossen, der in der unteren Mittelklasse dem VW-Käfer, dem Ford 12 M oder dem DKW Junior Konkurrenz machen sollte, leitete den Anfang vom Ende der Bremer Automobilfabriken ein. Dabei sollte doch gerade er dem Konzern kräftige Zuwächse im lukrativen Markt dieser Klasse bescheren. Im August 1959 herausgekommen, konnten sich die Verkaufzahlen anfangs auch durchaus sehen lassen – schließlich wurde das Auto, gemessen an seiner Ausstattung, vergleichsweise preiswert angeboten. Schon bald aber sprach sich herum, daß “Arabella” nicht ganz wasserfest war, was ihr im Volksmund den Spitznamen “Aquabella” einbrachte und die Verkaufszahlen deutlich absacken ließ, dem Werk jedoch eine teure Nachbesserungsaktion einbrachte. Als sich zudem herausstellte, daß die Herstellungskosten dieses Typs deutlich über seinem Verkaufspreis lagen und dem Konzern pro verkauftem Fahrzeug einen Verlust von einigen hundert DM einbrachten, begann sich die Existenzkrise eines der größten Arbeitgeber im norddeutschen Raum zuzuspitzen. Spätestens zur Jahreswende 1960/61 waren die Probleme des Autoproduzenten mit den Firmen Borgward, Goliath und Lloyd auch handfest zu greifen. Inzwischen standen auf den Fabrikhöfen und angemieteten Wiesen über 14000 unverkaufte Fahrzeuge aller drei Werke herum. Weil die Verkaufserlöse ausblieben, fehlten die liquiden Mittel, um Löhne und Lieferanten zu bezahlen. Am Jahresende schlossen die Bilanzen der drei Produktionsgesellschaften mit 30 Millionen DM Verlust ab. Was sich im folgenden halben Jahr bis zum endgültigen Konkurs am 28. Juli 1961 abspielte, nahmen viele Bundesdeutsche seinerzeit wie ein Menetekel wahr, das ihnen das Ende der Wirtschaftswunderzeit anzukündigen schien. Der Zusammenbruch der Borgward-Gruppe resultiert beileibe nicht nur aus hausgemachten Ursachen. Es gab auch eine Reihe externer Gründe: Seit Mitte der 50er Jahre wurde die Automobilbranche weltweit von Konzentrationstendenzen und einer rapiden Verschärfung des Wettbewerbs geschüttelt. Von den in der Bundesrepublik der frühen 50er Jahre noch über 30 Fahrzeugherstellern (meist von Kleinwagen) war am Ende des Jahrzehnts gerade ein Drittel übrig geblieben. Hinzu kam, von den USA ausgehend, eine Überproduktionskrise bei großen Personenkraftwagen, was wiederum einen so stark exportabhängigen Konzern wie Borgward, der bisweilen mehr als 60 Prozent seines repräsentativen Isabella-Modells im Ausland absetzte, besonders hart traf. Hatten die anderen bundesdeutschen Automobilproduzenten auf ausländischen Märkten lediglich Absatzeinbrüche von etwa zwei Prozent hinzunehmen, so mußten die Borgwardwerke einen Rückgang von über 11 Prozent verkraften…





