Trotz des gemeinsamen Ursprungs im untergehenden Zarenreich standen die beiden Odeurs für die Entstehung separater Duftwelten und für unterschiedlich verlaufende Biographien. Während der eine Parfümeur, Ernest Beaux, nach Frankreich zurückkehrte und dort unter der Ägide von Coco Chanel den globalen Siegeszug von Chanel N° 5 einleitete, verblieb der andere, Auguste Michel, im revolutionären Russland, um mit der Kreation des „Roten Moskau“ die sowjetische Parfümindustrie zu begründen.
Geschickt nutzt Schlögel die „geteilte Geschichte“ dieser beiden Düfte für Frauen, um aufzuzeigen, welche olfaktorischen Dimensionen diktatorische Regime und moderne Konsumgesellschaften hatten. In seiner biographischen Skizze über Coco Chanel, die bei ihrer Revolution der Modeindustrie nicht davor zurückscheute, im besetzten Paris mit den Nazis zusammenzuarbeiten, richtet Schlögel den Blick auf Chanels „Russian connection“. Diese erweist sich als äußerst vielgestaltig und demonstriert damit, wie stark die russische Kultur auf Westeuropa ausstrahlte.
Den verführerischen „Duft der Macht“ stellt Schlögel auch am Schicksal von Polina Schemtschuschina-Molotowa dar, der Ehefrau des „zweiten Mannes“ im stalinistischen Staat. Aufgestiegen aus den armen Verhältnissen eines jüdischen Schtetl, trug sie während der 1930er Jahre politische Verantwortung für die Entwicklung der sowjetischen Kosmetik- und Parfümindustrie. Im Zuge des spätstalinistischen Antisemitismus wurde über Schemtschuschina-Molotowa 1949 eine fünfjährige Verbannungsstrafe verhängt. Ihr politischer Absturz bietet Schlögel den Anlass, um seine Leserschaft mit den unerträglichen Geruchslandschaften der KZ- und Gulag-Lagerwelten zu konfrontieren.
Eine interessante Nebenspur führt Schlögel schließlich zu der aus dem russischen „Tschechow-Clan“ stammenden Schauspielerin Olga Tschechowa. Sie machte im nationalsozialistischen Filmbetrieb eine große Karriere, lieferte aber zugleich ungewollt über ihre familiären Kontakte geheimdienstliche Informationen nach Moskau. In der Bundesrepublik etablierte sich Olga Tschechowa später dank eigener Duftproduktion als erfolgreiche Schönheitsunternehmerin.
Nicht nur diejenigen, die Patrick Süskinds Roman „Das Parfum“ verschlungen haben, sondern alle, die ihre Sinne für die vertrackte Geschichte des „Jahrhunderts der Extreme“ schärfen wollen, werden dieses elegant geschriebene Buch mit großer Freude und viel Gewinn lesen. Es macht sowohl die verführerischen als auch die erschreckenden Duftnoten der europäischen Moderne erfahrbar.
Rezension: Prof. Dr. Klaus Gestwa
Karl Schlögel
Der Duft der Imperien
Chanel N° 5 und Rotes Moskau
Carl Hanser Verlag, München 2020, 221 Seiten, € 23,–





