Große Töne im falschen Moment, die Fehleinschätzung der Gesamtlage, späte Einsichten, mangelnde Durchsetzungsfähigkeit: Wilhelm II. führte Deutschland im Sommer 1914 in einen Krieg, den er eigentlich nicht wollte.
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Am 28. Juni 1914 wurde der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajevo Opfer eines Attentats serbischer Nationalisten. Vier Tage später erhielt Wilhelm II. eine Mitteilung des deutschen Botschafters in Wien über die Stimmung dort. Der Gesandte berichtete, weithin sei in Österreich-Ungarn die Ansicht zu hören, es müsse „einmal gründlich mit den Serben aufgeräumt werden“. Wie üblich gab Wilhelm seiner Neigung nach, gepfefferte Kommentare an den Rand zu kritzeln. Er kommentierte, das sei tatsächlich dringend nötig, und zwar „jetzt oder nie“. Dann fügte er noch bekräftigend hinzu: „Mit den Serben muss aufgeräumt werden, und zwar bald!“
Diese scharfen Worte sind oft als Beleg dafür interpretiert worden, Wilhelm II. habe das Attentat von Sarajevo frühzeitig als Vorwand genutzt, um den Ersten Weltkrieg vom Zaun zu brechen. Allerdings machte der Kaiser in seinen zornigen Randnotizen keinerlei Aussagen darüber, wer denn mit Serbien „aufräumen“ sollte. Und offensichtlich hatte er ganz und gar nicht im Sinn, dass Deutschland sich an diesen „Aufräumarbeiten“ beteiligen sollte. Denn über die Reaktion auf das Attentat werde in Wien entschieden, „da es lediglich Österreichs Sache ist, was es hierauf zu thun gedenkt“.
Der Wiener Gesandte holt sich in Berlin die gewünschte Zusage der Bündnistreue
In Wien fürchtete man allerdings bei einem rabiaten Vorgehen gegen Serbien die Konfrontation mit dessen Schutzmacht Russland. Deshalb wurde am 5. Juli der Gesandte Österreich-Ungarns in Berlin beim Kaiser vorstellig, um herauszufinden, wie das Deutsche Reich sich dann verhalten würde. Wilhelm antwortete zunächst ausweichend. Als der österreichische Gesandte aber nicht lockerließ und noch einmal den „Ernst der Situation mit großem Nachdrucke betonte“, reagierte der Kaiser mit der für ihn charakteristischen Mischung aus Großspurigkeit und Unsicherheit. Natürlich könne das verbündete Österreich-Ungarn „auf die volle Unterstützung Deutschlands rechnen“. Diese weitgehende Zusage schränkte Wilhelm aber sofort wieder ein: Zuerst müsse er dazu die Meinung des Reichskanzlers hören.
Offenbar die Enttäuschung seines Gesprächspartners spürend, schob der Kaiser hinterher, Österreich solle jedoch ruhig in die diplomatische Offensive gehen. Und, so gab der Gesandte die Worte des Kaisers in einem Bericht nach Wien wieder, „sollte es sogar zu einem Krieg zwischen Österreich-Ungarn und Russland kommen, so könnten wir überzeugt sein, dass Deutschland in gewohnter Bündnistreue an unserer Seite stehen würde“. Allerdings – so weit würde es wohl kaum kommen, meinte zumindest Wilhelm. Denn Russland war aus
seiner Sicht „keineswegs kriegsbereit“.
Diese Ansicht war in Berlin weit verbreitet. In einer Besprechung später am Tag stimmten jedenfalls der Kaiser und Kanzler Theobald von Bethmann Hollweg (1909–1917) darin überein. Weder die Russen noch ihre französischen Verbündeten würden zum jetzigen Zeitpunkt eine militärische Auseinandersetzung wagen: Das russische Heer sei dafür immer noch zu schwach, Frankreich innerlich zerstritten. Wilhelm II. erkundigte sich zwar zur Sicherheit bei dem ebenfalls anwesenden Kriegsminister Erich von Falkenhayn, ob die Armee für den Fall der Fälle bereit sei. Als der Minister das bejahte und zurückfragte, „ob irgendwelche Vorkehrungen zu treffen seien“ für eine deutsche Beteiligung an einem Krieg, erklärte der Kaiser das aber für unnötig.
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Am nächsten Tag ging Wilhelm, wie es seit Jahren seine Gewohnheit im Juli war, auf Kreuzfahrt ins Nordmeer. Auch der Kriegsminister ging in Urlaub, der Generalstabschef zur Kur, während der Reichskanzler sich auf sein Landgut zurückzog. Manche Historiker haben diese Abwesenheit der deutschen Entscheidungsträger von Berlin während des Großteils der sogenannten Juli-Krise 1914 zu einem ausgeklügelten Täuschungsmanöver stilisiert, um Russen und Franzosen in falsche Sicherheit zu wiegen.
Besonders plausibel ist diese Darstellung nicht. Denn wie seine wichtigsten Berater schenkte Wilhelm II. den durch das Attentat von Sarajevo ausgelösten diplomatischen Verwicklungen während der nächsten drei Wochen nur wenig Aufmerksamkeit. Ihre Erfahrung sagte ihnen, dass der Balkan in den vergangenen Jahren schon wiederholt Krisenherd gewesen war. Und bisher hatten diese Krisen immer beigelegt werden können, ohne dass es zum Zusammenstoß zwischen den europäischen Großmächten gekommen wäre.
Erst am 25. Juli kehrte Wilhelm II. nach Berlin zurück. 48 Stunden zuvor hatte der österreichische Botschafter in Belgrad ein scharfes Ultimatum an Serbien übergeben. Die Rückkehr des deutschen Kaisers von seiner Kreuzfahrt fiel mit dem Tag der serbischen Antwort darauf zusammen. Als Wilhelm die Antwortnote zu Gesicht bekam – Serbien akzeptierte alle Forderungen, soweit sie nicht seine Souveränität verletzten –, notierte er an den Rand: „Ein großer moralischer Erfolg für Wien; aber damit fällt jeder Kriegsgrund fort.“ Noch am nächsten Tag wiederholte er diese Einschätzung schriftlich und mündlich mehrfach.
Andere sahen das nicht so. Die österreichische Regierung, die das Ultimatum nur pro forma gestellt hatte, um einen Vorwand für die ohnehin beabsichtigte „Abrechnung“ mit Serbien zu haben, ließ am 28. Juli in Belgrad die Kriegserklärung überreichen. Russland, dessen Truppen bereits seit mehreren Tagen insgeheim in Alarmbereitschaft versetzt worden waren, mobilisierte nun offen sein Militär.
Russlands Verbündeter Frankreich traf ebenfalls bereits heimliche Kriegsvorbereitungen. Großbritannien schließlich, das mit Frankreich und Russland zwar nicht formell verbündet, aber durch Flotten- und Kolonialabkommen verbunden war, warnte vor einem großen europäischen Krieg, wenn Deutschlands Verbündeter Österreich nicht von seinem aggressiven Vorgehen abließ.
Das Deutsche Reich und sein Monarch waren in einer schwierigen Lage. Wilhelm II. und Bethmann Hollweg hatten auf einen diplomatischen Erfolg spekuliert. Mindestens sollte das Bündnis zwischen Berlin und Wien gefestigt, im besten Fall ein Keil zwischen die Allianzen der Gegner getrieben, jedenfalls aber die gefährdete Position Österreichs auf dem Balkan gestärkt werden. Das Risiko eines großen europäischen Krieges hatten sie dabei zwar in Kauf genommen. Aber dieses Risiko war ihnen extrem unwahrscheinlich erschienen. Doch jetzt war die Gefahr einer militärischen Auseinandersetzung unter Beteiligung aller Großmächte plötzlich real.
Der Kaiser, aber auch andere Akteure tragen zur Eskalation bei
Es war nicht zuletzt Wilhelm, der dazu beigetragen hatte – weil er den Österreichern Anfang Juli die unbedingte Bündnistreue des Deutschen Reichs zugesichert hatte. Freilich galt Ähnliches für andere Akteure auch. Serbische Offizielle hatten die Attentäter von Sarajevo begünstigt und damit den Stein mit ins Rollen gebracht. In Wien war das Attentat vielfach als willkommener Anlass für eine „Abrechnung“ mit den Serben begrüßt worden.
Am russischen Zarenhof setzten sich anders als in früheren Balkankrisen diesmal die kriegerischen „Falken“ gegen die „Tauben“ durch, weshalb Russland Serbien gegen Österreich den Rücken stärkte. Der französische Präsident Raymond Poincaré und der Botschafter Frankreichs in Sankt Petersburg, Maurice Paléologue, ermutigten die Russen dazu, indem sie ihnen bedingungslose Unterstützung zusagten. Paris gab Sankt Petersburg damit einen ganz ähnlichen „Blankoscheck“, wie er Wien von Berlin gegeben worden war.
In der deutschen Hauptstadt begannen der Kaiser und sein Kanzler sich jetzt, fünf Minuten vor zwölf, gegen die Konsequenzen ihrer früheren Schachzüge zu stemmen. In den letzten Julitagen appellierten Wilhelm II. und Bethmann Hollweg wiederholt an Wien, den begonnenen Aufmarsch gegen Serbien abzublasen oder wenigstens zu begrenzen – vergeblich. Gleichzeitig nahm Wilhelm mit seinem Vetter, Zar Nikolaus II., Kontakt auf, um Russland zu einem Abbruch der militärischen Mobilisierung und Verhandlungen zu bewegen.
Der Kaiser unterstützte auch Bethmann Hollweg, als dieser dem Drängen der deutschen Militärs auf Mobilmachung und Aufmarsch gegen Frankreich zunächst nicht nachgeben wollte. Erst als am 31. Juli die Nachricht eintraf, dass der Zar in Sankt Petersburg nach viel Hin und Her schließlich doch die russische Generalmobilmachung angeordnet hatte, erlaubte Wilhelm diese auch seinem Generalstab – zumal das Anrollen der deutschen Kriegsmaschinerie sich nun innenpolitisch als Verteidigungsfall darstellen ließ.
Die bald darauf von der alliierten Propaganda aufgestellte Behauptung, das beast of Berlin, der Kaiser, habe den Krieg von langer Hand geplant und zielbewusst entfesselt, gehört ins Reich der vielen Mythen und Legenden über den Ersten Weltkrieg. Wenn Wilhelm II. 1914 und danach immer wieder beteuerte, den Krieg nicht gewollt zu haben, dann geschah das durchaus zu Recht. Riskiert hat er ihn – wie zahlreiche andere Akteure der Juli-Krise – allerdings schon.
Zudem stellte seine unbedachte Zusage deutscher Bündnistreue an Österreich-Ungarn am 5. Juli, gegeben vor dem Hintergrund einer grundfalschen Einschätzung der Kriegsbereitschaft Russlands und Frankreichs, ein wichtiges Glied in der Kette von Entscheidungen dar: Diese ließ die Schüsse von Sarajevo schließlich zum Urknall für die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ werden.
Mit dem Beginn des Weltkriegs gewann Wilhelm kurzfristig noch einmal eine Popularität, wie er sie sonst nur nach seiner Thronbesteigung ein gutes Vierteljahrhundert vorher besessen hatte. Die Hoffnungen auf Einigkeit der Deutschen angesichts der äußeren Bedrohung werteten den Monarchen als Galionsfigur der Nation zunächst wieder auf, nachdem die Skandale der vorhergehenden Jahre seinen Ruf arg demoliert hatten. Mit seinem Appell, er kenne jetzt „keine Parteien mehr, sondern nur noch Deutsche“, kam er allgemeinen Erwartungen entgegen. Wo er sich Ende Juli und Anfang August 1914 zeigte, jubelten ihm Menschenmengen zu.
Die Revolution niederschlagen? Wirre Ideen im November 1918
Scheinbar wertete der Krieg auch seine reale Machtposition auf: Schließlich war der Kaiser formell Oberbefehlshaber aller deutschen Streitkräfte. Doch das war pure Theorie. Sogleich Anfang August 1914 übertrug Wilhelm II. dem Generalstabschef die Vollmacht, in seinem Namen Befehle zu erteilen. Wenige Monate später erklärte er einem Besucher im Großen Hauptquartier der Armee: „Wenn man sich in Deutschland einbildet, dass ich das Heer führe, so irrt man sich sehr. Ich trinke Tee und säge Holz und gehe spazieren, und dann erfahre ich von Zeit zu Zeit, das und das ist gemacht, ganz wie es den Herren beliebt.“ Im Sommer 1915 musste Wilhelm den Kriegsminister erinnern, der Generalstabschef solle zumindest „doch nach außen die Fiktion erhalten, dass ich alles persönlich anordne“.
Gerade deshalb wurde der Kaiser allerdings auch in der Bevölkerung verantwortlich gemacht, als sich seit dem Spätsommer 1918 die deutsche Niederlage abzuzeichnen begann. Nach dem kurzen Zwischenhoch vom August 1914 war sein Ansehen jedoch schon lange zuvor umso mehr abgesunken, je schlechter die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrung und
anderen lebensnotwendigen Gütern während des Krieges wurde.
Den Nullpunkt erreichte Wilhelms Prestige endgültig, als er nichts gegen die Harakiri-Mentalität führender Militärs unternahm, die ihren krassesten Ausdruck im Befehl der Marineleitung zum Auslaufen der Hochseeflotte fand. Mehr noch: Während die Revolte der Matrosen in Kiel und Wilhelmshaven dagegen Ende Oktober 1918 die Revolution einläutete, reiste Wilhelm gegen den Willen des Reichskanzlers aus Berlin ins Hauptquartier der Armee nach Spa, wo ganz ähnliche Pläne geschmiedet wurden.
In den folgenden Tagen phantasierten er und der Generalstab, an der Spitze des Frontheeres in die Heimat zu marschieren und die Revolution mit Waffengewalt niederzuschlagen. Nur mit Mühe konnte dem Kaiser klargemacht werden, dass die desillusionierten deutschen Soldaten dafür auf keinen Fall zu gewinnen waren. Auf dem harten Boden der Realitäten aufgeschlagen, ließ Wilhelm sich schließlich von den Militärs in seiner Umgebung dazu bewegen, am Tag nach der Revolution in Berlin die Grenze zu den Niederlanden zu überschreiten und dort um politisches Asyl zu bitten.
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