Vieles, was wir über Augustinus wissen, entstammt seinen „Bekenntnissen“ (397). Das Werk erscheint in Teilen wie eine Autobiographie, die selbst vor intimsten Details nicht zurückschreckt. Doch tatsächlich handelt es sich um eine raffiniert komponierte Werbeschrift für das Christentum.
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Augustins „Confessiones“ gehören zu den weltweit meistgelesenen Texten aus der griechisch-römischen Antike. Das Buch wurde aus dem Lateinischen in viele Sprachen übersetzt. Es ist seit Jahrhunderten Gegenstand von theologischen, philosophischen, historischen, philologischen, religiösen und psychoanalytischen Interpretationen. Und auch zukünftig werden die „Bekenntnisse“ noch Anlass zu Fragen und Kontroversen geben.
Die autobiographische Erzählung in den ersten neun von 13 Büchern (aus heutigem Verständnis eher Kapitel) werden auch gerne als eine Art Entwicklungsroman – in einer Reihe etwa mit Wolfgang von Goethes „Wilhelm Meisters Lehr- und Wanderjahren“ oder Gustave Flauberts „L’éducation sentimentale“ („Lehrjahre des Gefühls“) – gelesen, der auf die Geistes- und „Herzensbildung“ des Protagonisten Augustinus fokussiert ist.
Die Faszination des Werks hält noch immer an. Das zeigte sich beispielsweise am 10. Februar 2003, als Tausende Menschen in und – trotz Regen – auch vor der Kathedrale Notre-Dame in Paris ergriffen dem französischen Schauspieler Gérard Depardieu lauschten, der aus den „,Confessions de saint Augustin“ vorlas. Auch wenn das Interesse vielleicht mindestens ebenso sehr dem Filmstar galt wie dem Text und seinem Autor, ist doch der Umstand bemerkenswert, dass die Rezitation dieses Werks ein Massenpublikum so stark in den Bann ziehen kann. Augustins „Bekenntnisse“ gehören jedenfalls zur Weltliteratur.
„Nie zuvor hat ein Mensch so vor seiner eigenen Seele gestanden“
Die 13 Bücher haben bereits kurz nach ihrer Entstehung ein großes Echo hervorgerufen – zumindest laut Augustins eigenen Aussagen. Nach dem Tod des Autors wurden sie in erster Linie als biographisches Dokument gelesen. Fasziniert hat offenbar immer wieder die schonungslose Selbstanalyse in den Büchern 1 bis 9 und im zweiten Teil von Buch 10. Was es da zu lesen gab, war sicher nicht alltäglich: die Selbstentblößung des schreibenden Ichs sowie die Analyse des eigenen Tuns und Denkens, der eigenen Fehler, der Eitelkeiten, des Ehrgeizes, der Willensschwäche, der sexuellen Neigungen, der feuchten Träume. Vergleichbares ist zumindest in der abendländischen Literatur vor Augustinus nicht bekannt, oder wie Karl Jaspers sagte: „Nie zuvor hat ein Mensch so vor seiner eigenen Seele gestanden“.
Was das Ganze noch interessanter macht: Der Autor ist eben nicht irgendein Mensch, sondern der Kirchenvater, der Heilige, der Bischof von Hippo Regius, der Begründer des Augustinerordens. Er begegnet uns gemalt auf Kirchenwänden, als Miniatur in Folianten und auf Heiligenbildern. Augustinus war eine historisch fassbare und äußerst wirkmächtige Persönlichkeit.
Im autobiographischen Teil der „Bekenntnisse“ werden in Form einer Ich-Erzählung die ersten 33 Lebensjahre des Augustinus dargestellt: beginnend mit den ersten Eindrücken des Säuglings an der Mutterbrust, kurz nach der Geburt am 13. November 354 in der nordafrikanischen Stadt Thagaste, bis zum Zeitpunkt des Todes der Mutter in der Hafenstadt Ostia im Herbst 387.
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Aus dem Text geht hervor, dass die letzten beschriebenen Ereignisse mindestens zehn Jahre vor der Publikation und damit der Gegenwart des schreibenden Autors – seit 386 Bischof der Stadt Hippo Regius in Nordafrika – in den späten 390er Jahren anzusetzen sind. Buch 10 wechselt dann in diese Gegenwart des Erzählers, in dem das Sprecher-Ich sich als amtierenden Bischof zum Gegenstand macht.
Die autobiographischen Bücher der „Confessiones“ erzählen die Geschichte eines begabten Kindes bzw. jungen Mannes, der nicht nur von einem starken Wissensdrang, sondern auch von seinen Trieben bestimmt wird, der im Alter von 18 Jahren sein Leben ändern und der Suche nach der Wahrheit und Weisheit widmen will. Diese Suche endet in der Erzählung mit der sogenannten Bekehrung zum Leben gemäß dem christlichen Glauben, der Absage an weltliche Laufbahn und dem Entschluss zum Zölibat.
Doch macht der schreibende Bischof immer wieder und besonders in der Selbstanalyse von Buch 10 deutlich, dass die Suche nach dem „guten“ und fehlerfreien Leben nicht abgeschlossen ist, dass er also immer nach weiterer und höherer Erkenntnis streben wird.
Die „Confessiones“ gelten als erste Autobiographie der Weltliteratur. Irritierend ist allerdings, dass sich der Ich-Schreiber in den Büchern 11 bis 13, also den letzten drei des Werks, plötzlich mit dem Schöpfungsbericht des Alten Testaments auseinandersetzt, womit er die Gattung des antiken Bibelkommentars aufgreift. Diese Kombination von (Auto-)Biographie und Bibelkommentar ist einmalig und wirft immer wieder die Frage nach der Einheit des Werks und nach seiner literarischen Gattung auf.
Aufschluss gibt immerhin der Umstand, dass auch die autobiographische Erzählung durch Schriftzitate eng mit dem Bibeltext verbunden ist. So lässt sich auch die Geschichte des „verlorenen Sohns“ Augustinus als eine Art Kommentar zum göttlichen Schöpfungswerk und zum transformierenden Wirken der christlichen Botschaft verstehen: als Paratext zum Supertext der Bibel.
Das ewig junge Thema der Verführungen und Exzesse: Sex, Drugs und Rock ’n’ Roll
Nicht zuletzt die intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität machten die „Bekenntnisse“ berühmt und berüchtigt. „Sex & Drugs & Rock & Roll“, der Titel des Rock-Songs des Liedermachers Ian Dury (1942 – 2000) aus dem Jahr 1977, der die damals schon etablierten Schlagworte aufgriff, soll hier als moderne Folie dienen, vor der Augustinus’ Selbstdarstellung auf eine neue Weise interpretiert werden kann. Dury kommentierte sein Lied später mit den Worten: „es begann mit einer milden Ermahnung und endete als schöne Hymne“ („… it ended as a lovely anthem“), mit der er „versuchte deutlich zu machen, dass es mehr gebe als diese drei [Dinge]“.
Die Trias Sex, Drugs und Rock ’n’ Roll kann als Chiffre dienen für ein auf sinnliche Genüsse ausgerichtetes Leben. Verbunden ist dies mit der Erkenntnis, dass diese Genüsse aus bestimmten Gründen nicht das letzte Lebensziel bleiben können. Das „richtige“ Leben und die wahren Werte werden in Durys Song nicht explizit vorgestellt, sehr wohl aber in den Entwicklungsromanen und Bekehrungsgeschichten vom Typus des „verlorenen Sohnes“, der aus Schaden klug wird. Durys „lovely anthem“ ist gleichsam das Signet für das Happy End, mit dem die Geschichte endet oder vielmehr enden soll.
Im Gegensatz zu Durys „Sex & Drugs & Rock & Roll“ stellen Augustins „Confessiones“ von Anfang an klar, zu welchem Leben sich der Protagonist bekehrt hat. Die Erzählung beginnt denn auch bereits mit einer „lovely anthem“: mit der Lobpreisung Gottes als seinem Bezugspunkt in der ganzen folgenden Erzählung, die somit zugleich als eine Beichte und ein Bekenntnis zum Glauben an die Macht und Gnade Gottes angekündigt wird.
Leben und Streben von Augustinus sind auf ein ganz bestimmtes und ganz anderes Ziel ausgerichtet als auf das, was er selbst zeitweilig begehrte und was ihn, so schreibt er, auch in der Gegenwart manchmal noch in Versuchung führt. In Analogie zu Durys Song dient genau die Darstellung des sexuellen Begehrens und der kruden Genüsse dazu, deren Sinnhaftigkeit gleichzeitig auch in Frage zu stellen.
Birnendiebstahl als ein Schlüsselereignis
Als erstes Beispiel kann die Erzählung des Birnendiebstahls im zweiten Buch dienen. Diese Episode gehört zu den berühmtesten der ganzen Schrift: In der Nähe des väterlichen Weinbergs steht ein Birnbaum voller Früchte, die wohl nicht besonders schmackhaft sind, doch Augustinus und seine Kumpane dennoch dazu verleiten, diese zu stehlen; sie essen allerdings nur wenige Früchte und werfen den größten Teil den Schweinen vor.
Die vermeintliche Trivialität der Handlung stand für „Confessiones“-Leser wie Friedrich Nietzsche, Bertrand Russell und Bertolt Brecht in keinem Verhältnis zu der Schärfe, mit der Augustinus als Erzähler sie kommentiert. Die Motivation von seinen Freunden und ihm habe allein darin bestanden, schreibt Augustinus im selben Kapitel, einen Diebstahl zu begehen. Nicht Hunger, sondern Lust am Freveln war der Antrieb. Hinzu kommt, dass er allein die Birnen wohl nicht gestohlen hätte, das gegenseitige Anstacheln unter Gleichaltrigen – heute würde man von Peer Group sprechen – war mit entscheidend für die Tat.
Ein weiteres Beispiel: Zu Beginn des dritten Buches schildert Augustinus, wie sein erzähltes Ich durch seine Lust auf sexuelle Abenteuer sittlich verwildert sei. Ort des Geschehens ist Karthago, wo der junge Augustinus sein Studium der Rhetorik begonnen hat. In der Großstadt lässt er seinen Trieben und Phantasien freien Lauf. Dies illustriert er mit drastischen Metaphern wie „Schmutz, Krätze, lusterzeugende Fesseln, Schlägen mit glühenden Eisenruten“. Dazu zählen auch die begleitenden negativen Affekte Eifersucht und Zorn. Auch das Theater wird zum Ort der Leidenschaft.
Hedonismus pur: „Ehre, Besitz und Beischlaf“
Auch in Rom und Mailand pflegte Augustinus – inzwischen Professor für Rhetorik – einen hedonistischen Lebensstil. Er umschreibt dies in den „Bekenntnissen“ mit dem Dreiklang „Ehre, Besitz und Beischlaf“. Bei einer Begegnung mit einem betrunkenen Bettler in Mailands Gassen imponiert Augustinus dessen fröhliche und stressfreie Existenz. Er zweifelt kurz am Sinn seines eigenen Ehrgeizes, doch die Hoffnung auf weitere Anerkennung und Erfolge ist letztlich zu diesem Zeitpunkt noch stärker.
In seinem Verhältnis zu den Frauen zeichnet sich ebenfalls noch keine Umkehr ab. Der Augustinus der „Bekenntnisse“ verstößt zwar seine langjährige Geliebte, die Mutter seines Sohnes Adeodatus. Auf Betreiben seiner Mutter, die ihm nach Mailand nachgereist ist, plant er stattdessen aber eine standesgemäße Ehe. Zuvor geht er freilich noch eine Beziehung mit einer anderen Frau ein. Zeitweise bestimmten also vier Frauen das Leben des jungen Augustinus. Die Befreiung aus den „Fesseln“, in denen er in seiner „Hoffnung auf Ehre und Geld“ und im „Verlangen nach Beischlaf“ gefangen ist, will ihm nicht gelingen, er zögert, verschiebt den entscheidenden Schritt immer wieder auf „später“ oder auf „morgen“ (lateinisch cras): Er prokrastiniert.
Erst nach dem entscheidenden Erweckungserlebnis im Garten seiner Wohnherberge, als Augustinus eine Stimme hört, die ihn zum Lesen der Bibel auffordert, gibt er seine Professur am Kaiserhof auf und lässt sich in der Osternacht des Jahres 387 taufen. Mit einer Gruppe Gleichgesinnter kehrt er nach Afrika zurück, um dort Gott zu „dienen“ (siehe Artikel Seite 28).
Doch auch als Mann der Kirche kann er sein altes Leben nicht ganz abstreifen. In einer Selbstanalyse in Buch 10, die in der Gegenwart des amtierenden Bischofs einsetzt, steht wieder die Selbstentblößung des schreibenden Ichs im Mittelpunkt. Das Erzähler-Ich legt Zeugnis ab von seinen nächtlichen Phantasien und feuchten Träumen. Warum tat der Bischof das? Warum publizierte er seine „Beichte“ in einem Buch, das schon bald nach der Fertigstellung in der ganzen lateinisch sprechenden Welt gelesen wurde? Oder anders gefragt: Warum sang er sein „Sex, Drugs und Rock ’n’ Roll“ auf der öffentlichen Bühne?
Mit diesem sogenannten psychologischen Realismus erhebt die Erzählung den Anspruch, einen authentischen Einblick in die Tiefen der Psyche des dargestellten Subjekts zu geben. Der schreibende Bischof von Hippo modelliert sich dabei nicht als endgültig geläuterter Superman, er ist nicht perfekt, er ist kein ätherischer Heiliger. Vielmehr bleibt er ein realer Mensch aus Fleisch und Blut und damit eine Identifikationsfigur für die Leser. Das Happy End wird erst ganz am Schluss des 13. und letzten Buchs skizziert: Es setzt erst im Jenseits und nach dem Jüngsten Tag ein, wenn der Mensch Gott „von Angesicht zu Angesicht“ erblicken kann.
Vor der Ursünde gibt es kein Entkommen
Hinter diesem schonungslos kritischen Selbstbild steht das theologische Konzept der von Adam ererbten Ursünde. Der Theologe Augustinus nutzt die Biographie seines erzählten Ichs als Projektionsfläche für die Erbsündenlehre. Augustins Selbstentblößung dokumentiert ein Menschenbild, das klar als christlich verstanden werden soll. Die Darstellung des Scheiterns ist ebenso wichtig wie die Darstellung der entscheidenden Begegnungen und Lektüren, die den Protagonisten auf den richtigen Weg bringen.
Auch die schonungslose Selbstanalyse der Sexualität des Bischofs illustriert das christliche Menschenbild, dem zufolge der „adamische“ Mensch durch seine triebhafte Natur selbst bei einer zölibatären Lebensweise in ständiger Gefahr lebt, vom Weg der Mäßigung abzukommen, weshalb er immer wieder um Einsichten ringen muss. Die Fehlbarkeit gehört zum Menschen, auch zum Bischof von Hippo.
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