In der Galerie der Unpersonen in der jüdischen Geschichte nimmt der römische Kaiser Titus (79–81 n. Chr.) einen der vorderen Plätze ein, in einer Reihe mit dem babylonischen König Nebukadnezar, dem Seleukiden Antiochos IV. sowie neuzeitlichen Tyrannen vom Schlag eines Bogdan Chmelnitzki, des ukrainischen Kosakenführers – und natürlich der Nemesis jeglicher Zivilisation, Adolf Hitler. Am 26. September des Jahres 70 hatte Titus mit sechs Legionen nach fünfmonatiger Belagerung die judäische Hauptstadt Jerusalem eingenommen. Obwohl damit keineswegs der letzte Widerstand gebrochen war und Bergfestungen wie Masada am Toten Meer teilweise noch Jahre der Belagerung trotzten, war damit die römische Kontrolle über eine notorische Unruheprovinz am Ostrand des Imperiums wiederhergestellt. Vier Jahre lang hatte im Heiligen Land ein blutiger Krieg zwischen der römischen Besatzungsmacht und jüdischen Aufständischen sowie zwischen verfeindeten jüdischen Gruppen gewütet, der viele Städte in Trümmerlandschaften verwandelt und vor allem den Jerusalemer Tempel, bis dahin das religiöse Zentrum des Judentums, dem Erdboden gleichgemacht hatte.
Die Einnahme Jerusalems und die Zerstörung des Tempels beendeten eine Phase des Herumexperimentierens mit dem Land zwischen Mittelmeer und Jordan, dessen Beherrschung Rom vor kaum lösbare Probleme stellte. Schon das Reich der Seleukiden, die nach dem Tod Alexanders des Großen die Herrschaft über Vorderasien an‧getreten hatten, war mit den für Außenstehende kaum zu verstehenden innerjüdischen Auseinandersetzungen überfordert. Die Situation eskalierte 167 v.Chr., als Antiochos IV. sich in den Disput zwischen hellenisierten und traditionalistischen Juden einmischte, den Tempelschatz plünderte und den Jahwe-Kult verbot. Er provozierte so den Makkabäeraufstand, der Jerusalem in einen autonomen Tempelstaat unter lediglich noch formeller seleukidischer Oberhoheit verwandelte.
Als Nachfolger des SeleukidenReichs in Syrien (seit 64 v. Chr.) erbten die Römer auch die Verantwortung für Judäa und traten fortan immer wieder als Schlichter in schier endlosen innerjüdischen Auseinandersetzungen auf. Als Sieger aus den Wirren ging schließlich der von Rom protegierte Idumäer Herodes hervor (40 v. Chr.). Er stammte aus einer einst zwangsjudaisierten Familie und stieß, auch durch sein vorbehaltloses Bekenntnis zu Rom und zur hellenistischen Kultur, in Judäa auf heftige Ablehnung. Aber Herodes lavierte meisterhaft im Dickicht der römischen Innenpolitik, und er unterdrückte brutal jeden Widerstand in Judäa. Als er starb, brachen die innerjüdischen Gräben jedoch sogleich wieder auf und stellten Rom erneut vor die judäische Frage. Augustus gab nach ernüchternden Erfahrungen mit den Nachfolgern das Modell der indirekten Herrschaft auf und unterstellte Judäa einem Prokurator, der das Land als autonomen Teil der Provinz Syria verwaltete.




