Kinderarbeit war in der Vormoderne in allen Gesellschaften vollkommen selbstverständlich. Allerdings veränderten und verschärften sich die Rahmendbedingungen dafür im Zeitalter der Industrialisierung erheblich: Während die Mitarbeit der eigenen Kinder im bäuerlichen oder handwerklichen Betrieb schon aus…
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von Jürgen Bönig
Mehr Kinder in der Industrie
Auf einmal fielen sie auf, die Kinder und Frauen, die in Manufakturen und Fabriken arbeiteten – weil sie statt erwachsener Männer und ausgebildeter Handwerker eingesetzt wurden. Mit der Industrialisierung stieg die Zahl der Kinder rasant an, die in Fabriken, Kleinbetrieben, in Bergwerken und beim Kohlenklauben, an Textilmaschinen und Webstühlen tätig waren und arbeiten mussten, denn auf andere Weise konnten sich ihre Familien nicht ernähren. Diese Kinder waren Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts neuen Gefahren ausgesetzt, sie nahmen Schaden durch die Arbeit, wurden bei Unfällen an Maschinen verletzt oder getötet und litten, hatten sie überlebt, ein Leben lang an den Folgen der schweren körperlichen Arbeit. Zwar hatte es zuvor schon Kinderarbeit gegeben, sogar mit großer Selbstverständlichkeit, doch mit dem Beginn der Industrialisierung fand sie unter anderen Bedingungen statt und nicht mehr unter Verhältnissen, in denen man die Kinder aus Eigeninteresse wenigstens teilweise schützte. Der Kampf gegen Kinderarbeit, der Kampf gegen Bedingungen bei der Erwerbsarbeit, die den Kindern eine Zukunft versperrten, ist Resultat veränderter Verhältnisse und einer gewandelten Wahrnehmung der Entwicklung des Menschen: Die Aufklärung begann den Menschen als vielfach und durch Arbeit neu geworden zu verstehen, und sie bestand eigentlich darauf, dass Kinder die Chance haben sollten, sich durch Selbsterfahrung und Erziehung zu vollständigen menschlichen Wesen zu entwickeln, ohne dass sie schwere Arbeit an dieser Entwicklung hinderte.
Kleine Erwachsene in der Agrargesellschaft
Vor dem 19. Jahrhundert hatten die Begriffe „Kind“ und „Kindheit“ nur die Bedeutung einer Abstammung, im Sinne von „Kind sein von“, oder sie bezeichneten patriarchalische Herrschaftsverhältnisse außer halb der Familie, etwa die „Landeskinder“ als unmündige, zu bevormundende Untertanen. Die Begriffe standen aber nicht für eine bestimmte, abgegrenzte Phase vor dem Erwachsenwerden. Der Wortgebrauch, den das Grimm’sche Herkunftswörterbuch dokumentiert, entspricht einer feudalen und ständischen Gesellschaft, in der der Status des Menschen bereits bei seiner Geburt festgelegt ist – ein Status, der sich kaum durch eigene Anstrengungen überwinden lässt und nahezu kein Hineinwachsen in eine neue Rolle kennt. Kinder waren in diesen agrarwirtschaftlichen Feudalgesellschaften für die Eltern lebenswichtig, sie dienten als Arbeitskräfte und zur Versorgung bei Krankheit und im Alter. Da die Sterblichkeit in den ersten Lebensjahren außerordentlich hoch war und Kinder die einzige Zukunftssicherung darstellten, bot erst eine hohe Anzahl von Kindern den Familien eine gewisse Sicherheit. Auch die Feudalherren oder Handwerksmeister in den Städten profitierten von der Arbeit der ganzen Familie, und da auch ihnen die Arbeit der Kinder in Form von Produkten und Leistungen zukam, hatten sie kein Interesse, dieses Potenzial systematisch zu zerstören. Die Stelle eines Bauern auf dem Land umfasste die Arbeitskraft der ganzen Familie, die durch den Haushalt und die Ökonomie der Familie erhalten wurde. Wurde der Mann krank oder starb er, verlor die ganze Familie Stelle und Haus, um durch eine neue Familie ersetzt zu werden, die den Großteil ihrer Lebensmittel selbst anbaute.
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Was Kinder in feudalen Gesellschaften in einer mehr oder weniger langen Kindheit lernen sollten, hing von der sozialen Schicht ab, in die sie hineingeboren wurden. Es gab eben auch Kinder, die eine umfangreiche Ausbildung genossen – wenn sie aus der richtigen Familie stammten. „Fürstenspiegel“ und Anleitungen, wie sich ein guter Herrscher verhält, belegen, dass Adlige das Herrschen in einer längeren Phase lernen sollten, was bedeutet, dass keineswegs alle Menschen als fertige Wesen betrachtet wurden, die bereits mit allen nötigen Fähigkeiten auf die Welt gekommen sind. Die meisten derer, die nicht zum Herrschen bestimmt waren, lernten, sich in die Gesellschaft einzufügen, sie übten sich im Gehorsam gegenüber den Herren ein, erlernten durch direkten Kontakt, durch Zusehen und Nachahmen die Arbeit in der Familie, beim Bauern oder Lehrherrn. Nach allem, was wir wissen, war die Phase der Kindheit in der Zeit vor der Industrialisierung relativ kurz – sie dauerte vielleicht bis zum siebten Lebensjahr. Und sie war für Mädchen kürzer als für die Jungen, weil Mädchen von ihren Mütter sehr früh in die Hausarbeit einführt wurden – als Teil einer mit der Verarbeitung, Konservierung und Zubereitung der notwendigen Lebensmittel und Herstellung von Kleidern und der übrigen Ausstattung des Hauses gerichteten Ökonomie des Haushalts.
Die Erfindung der Kindheit
Im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts ändert sich das, was man unter Kindheit versteht, und dies geschieht mit dem Wandel zur bürgerlichen Gesellschaft. Der Begriff „Kindheit“ bezeichnet nun eine gesonderte, ausgedehnte Phase, in der Körper und Geist wachsen und aus dem Kind ein mündiger Mensch hervorgehen kann. Damit das gelingt, muss gezielt in diesen Prozess eingegriffen werden, dem Kind müssen Gelegenheiten und Zeit gegeben werden, um zu lernen und sich zu verändern. Lernen wird als etwas anderes verstanden als bloße Nachahmung einer vorgeführten Arbeit, es soll Nachdenken auslösen, zu eigenen Urteilen befähigen und so zur Veränderung der Gesellschaft und der Welt beitragen. Wie die Französische Revolution gezeigt hat, ist die Gesellschaft nicht starr und in ihrer Ordnung für immer festgelegt, sondern lässt sich verändern. Die Erziehung von Kindern zum systematischen Lernen bereitet sie auf eine sich wandelnde Welt vor, zu deren Gestaltung sie beitragen können. Erwerbsarbeit in der Kindheit, die keine Spielräume des Erprobens zulässt, kann die Bedingungen für ein gelingendes Erwachsenwerden zerstören, sie kann die körperliche und geistige Entwicklung hemmen, sodass aus einer solchen Kindheit keine entscheidungsfähigen Bürger hervorgehen. Die Vorstellung, ein Kind, zumal eines aus höheren Schichten und Ständen, brauche eine besondere Phase der Erziehung, eine geschützte Zeit, in der es das lernt, was es für das Leben in der Gesellschaft braucht, ist selbst ein Kind der Aufklärung. Aufklärer, die dieses Bild vom Menschen und seiner Entwicklung teilten, mussten aber feststellen, dass der Fortschritt in der Technik und den Institutionen nicht dazu führte, dass alle Kinder die Chance zu solchem Lernen erhielten. Im Gegenteil, die Industrialisierung steigerte das Ausmaß zerstörerischer Arbeit von Kindern, die der Schicht der Armen angehörten.
Mit der ab Mitte des 18. Jahrhunderts einsetzenden Industrialisierung wurden neue Mittel und Wege der Produktion gefunden, es entstanden neue Produkte, Werkzeuge und Verfahrensweisen, und selbsttätige Mechanismen und Maschinen übernahmen einen Teil der körperlichen Arbeit von Menschen. Aber anstatt, dass diese Arbeitserleichterung allen zugutekam, arbeiteten mehr Kinder in Fabriken und der Industrie als im Handwerk. Überlange Arbeitszeiten und schwere Arbeitsbedingungen versperrten diesen Kräften den Weg in die Zukunft. Sie waren an Maschinen und in Fabriken tätig und ersetzten dort erwachsene Männer, wodurch verhindert wurde, dass sie zu irgendetwas anderem kamen als zum Arbeiten und Schlafen. Arbeitserleichterungen durch neue technische Mittel führten offenbar für einen größeren Kreis von Menschen zu Beschwerung durch Arbeit – und das aus sozialen Gründen.
Frei von Sicherheit
Zeitgenössische Beobachter fragten sich, ob durch die Industrialisierung die Moral gelitten habe, ob die Arbeiter nicht selber schuld seien an diesen schlechten Verhältnissen und ob der moralischen Verrohung durch Appelle an die Eltern entgegengewirkt werden müsse. Tatsächlich aber hatten sich die materiellen und sozialen Verhältnisse verändert, unter denen Arbeit stattfand und in denen Kinder aus dem Eigeninteresse der Eltern, der Grundherren und der Handwerksmeister bis dahin mehr schlecht als recht geschützt waren. Dass so viele Kinder schon sehr jung arbeiten mussten und so viele Familien darauf angewiesen waren, mit den eigenen Kindern als billigen Arbeitskräften umzugehen, lag nicht an deren eigener Entscheidung, sondern an der Tatsache, dass spätestens seit der Reformation und dem Dreißigjährigen Krieg sehr viele Menschen durch die Verwandlung der Wirtschaft aus dem Sicherungssystem herausgefallen waren, das die feudale Bauernwirtschaft und das zünftige Handwerk bis dahin zumindest für manche geboten hatten.
Noch um 1850, als die Industrialisierung in den deutschen Landen gerade einsetzte, füllten In Hamburg Versorgungseinrichtungen für Krankheit, Alter und Tod mehrere Seiten des Adressbuches, aber sie waren nicht für alle bestimmt. Soziale Sicherungssysteme, Stiftungen und Anstalten bestanden lange vor der Etablierung der Gewerbefreiheit 1860 und der Bismarck’schen Sozialversicherung, die 1883 zeitgleich mit den Sozialistengesetzen eingeführt wurde, sie waren jedoch nur für Angehörige des jeweiligen Handwerks vorgesehen, für deren Kinder und Witwen, oder sie beruhten auf religiöser Barmherzigkeit gegenüber den eigenen Glaubensbrüdern. Das soziale Sicherungssystem der Zünfte und Bruderschaften war auf den eigenen Ort, die eigene Religion und Gruppe ausgerichtet und nicht für Fremde gedacht, für die man nicht sorgen wollte, die man nicht in die Stadt ließ und davonjagte – und das galt auch für deren Kinder. Die bürgerliche Revolution mit ihrem Versprechen einer freien Verfügung über Boden und Produktionsmittel setzte in einem über Jahrzehnte sich hinziehenden Prozess Arbeitskräfte von ihren ständischen Bindungen und von ihren Verpflichtungen gegenüber dem Grundherrn und dem Handwerksmeister frei. Zugleich aber befreite sie auch den Grundherren und Handwerksmeister von den Versorgungspflichten gegenüber dem Gesinde, den abhängigen Bauern oder Gesellen. Das bisherige System des Aufstiegs der eigenen Kinder in die gesicherte Position der Väter funktionierte unter dem Druck einer veränderten gesellschaftlichen Praxis nicht mehr, gleiches galt für die Schutzmechanismen aus Eigeninteresse, die den eigenen Kindern gegolten hatten.
Kinder in Manufakturen und Arbeitshäusern
Spätestens seit dem Dreißigjährigen Krieg hatte sich in Europa der Mangel an sozialer Sicherung verstärkt, die Zahl derjenigen war gewachsen, die über keinerlei Sicherheit mehr verfügten. Auch das Maß an Kinderarbeit hatte sich bereits im 17. Und 18. Jahrhundert über das Maß hinausbewegt, das bisher im Handwerk und in der Landwirtschaft üblich war. Manufakturen waren mit staatlichem Privileg eingerichtet worden, um die Bevölkerung zu Einkommen und dem Staat zu Steuern zu verhelfen – und in ihnen waren Kinder mehr als bisher als billige Arbeitskräfte beschäftigt. Besonders die dort produzierten Luxuswaren weckten den Wunsch der Grundherren und Handwerker, nicht nur dingliche Leistungen und verzehrbare Produkte zu empfangen, sondern damit auch Geld zu verdienen, das für neue Waren ausgegeben werden konnte. Das vom Staat geförderte Manufakturwesen kam ohne die Kinder gar nicht mehr aus. Die Dorf- und Stadtarmut wurde in Armen-, Zucht- und Waisenhäusern zur Arbeit gezwungen, und man erlernte, wenn es gut ging, eine Tätigkeit, die ein Auskommen verschaffte. Die Bauernbefreiung in Preußen, ein langwieriger Prozess zwischen 1830 und 1859, bestand aus der Ablösung feudaler Lasten gegen eine Geldzahlung an die Grundbesitzer. Alle Beteiligten waren somit gezwungen – oder hatten die Freiheit dazu –, ihre Produkte und ihre Arbeitskraft auf den Markt zu tragen.
Dies markiert den Übergang von einem persönlichen Arbeitsverhältnis zu einer Arbeit gegen Lohn für die ganze Familie –einschließlich der Kinder. Zur Zeit der Bauernbefreiung in Preußen hatte beispielsweise die Hälfte der auf dem Land lebenden Bevölkerung keinen Landbesitz mehr und musste sich anderen Erwerbsquellen zuwenden oder sich in der Landarbeit verdingen. Auch das ländliche und städtische Handwerk hatte Schwierigkeiten, die Konkurrenz der Handwerker untereinander zu begrenzen, was durch eine lange Lehrzeit, eine aufwändige Gesellenprüfung, eine anschließende Wanderschaft und den Zugang nur zu einer beschränkten Zahl von Meisterstellen im zünftigen Handwerk erreicht worden war. Viele Handwerke galten als überbesetzt, es wurden etliche Lehrlinge und damit Kinder beschäftigt, die nie den Aufstieg zum Meister erreichen würden und vielleicht noch nicht einmal Geselle werden konnten, weil ihnen das Geld für die Übergangsfeier fehlte. Im 19. Jahrhundert häuften sich die Klagen über Lehrlingszüchterei, womit die Beschäftigung von Kindern und Jugendlichen gemeint war, die angeblich in der Lehre waren, aber in so großer Zahl und so intensiv arbeiteten, dass sie nie zu Gehilfen im Handwerk aufsteigen konnten, weil freie Stellen fehlten und sie nicht über die erforderlichen Fähigkeiten und das für diesen Aufstieg nötige Geld verfügten. Auch die Kolonialwaren, die auf Plantagen in Sklavenarbeit erarbeitet wurden, sahen keine durch zünftige Einschränkung geschützte Jugendliche mehr vor. Diese über Jahrhunderte sich hinziehende Veränderung hatte zu mehr und schutzloser Kinderarbeit geführt, die in der Industrie noch einmal in einem ungeahnten Ausmaß anstieg.
In der entstehenden Industrie und im Gewerbe wurden Kinder für bestimmte Aufgaben eingesetzt – beim Raddrehen an Maschinen, an den Spinnmaschinen, beim Töpfern, beim Kleiderrupfen, im Bergbau als Grubenpferdführer, Kohlenschlepper, Lorenzieher und Öffner für Wettertüren. Vielfach erschienen diese Arbeitsplätze speziell für Kinder gemacht, weil die Flöze und Gänge niedrig, der Platz unter den Maschinen beschränkt und die Nischen hinter den Wettertüren winzig waren. Aber die allmähliche Durchsetzung eines Verbots der Kinderarbeit in den Fabriken beweist, dass nicht die technischen Bedingungen über den Einsatz der Kinder entschieden, sondern deren geringer Preis. In den sich verändernden Gesellschaftsverhältnissen gewann Kinderarbeit eine neue strategische Qualität. Sie diente dazu, den Lohn der Erwachsenen zu drücken, die selber kaum Möglichkeiten hatten, ihren Lebensunterhalt zu verdienen.
In den Fabriken an den Wasserwegen Englands und Schottlands ratterten neuartige Maschinen, die Teilschritte der Handarbeit übernahmen, vor allem zunächst beim Spinnen und Weben. An ihnen standen aber keine erwachsenen Handwerker, sondern Frauen und Kindern, die keine andere Qualifikation aufweisen mussten als den günstigen Preis ihrer Arbeitskraft. Traditionelle Handwerker verstanden den Einsatz von Kindern und die Arbeit der Frauen als eine Kampfansage an ihre moralische Ökonomie, nur zünftige Arbeiter eines bestimmten Gewerbes bei der Produktion zuzulassen und die Anzahl von Lehrlings-, Gesellen- und Meisterstellen an einem Ort zu begrenzen. Sie hatten Kinder als Nachwuchs, als Lehrlinge und Gesellen ihres eigenen Handwerks angesehen und waren entrüstet, dass die durch Maschinen erleichterte Arbeit nicht, wie im zünftigen Gewerbe selbstverständlich, an ausgebildete Handwerker vergeben wurde, sondern an gering entlohnte Frauen und Kinder– ein Potential an Arbeitskraft, das durch die Vorgeschichte der Industrie und des Kapitalismus in großer Menge frei zur Verfügung stand.
Im nichtzünftigen Gewerben hatte es schon immer dort Kinderarbeit gegeben, wo eine geringe Körpergröße von Vorteil war – und das waren gerade die Gewerbe, die während der Industrialisierung stark wuchsen. Im Bergbau, beim Abbau von Kohle und Erzen waren Kinder eingesetzt worden, weil Stollen, Lüftungsschächte und Zuwegungen nicht so hoch sein mussten und mit geringerem Aufwand gehauen werden konnten, wenn Kinder die Karren und Hunte durch niedrige Stollen schoben, Wettertüren öffneten oder Grubenpferde führten. Mit der Industrialisierung wuchs die Kohle- und Erzförderung, und es nahmen auch die Arbeiten zu, die Kindern zugewiesen wurden, beispielweise beim Klauben der Kohle oder bei der Trennung und Sortierung des gewünschten Rohstoffs vom tauben Gestein. Bekannt sind die Abbildungen der Spinnmaschinen aus England, unter denen Kinder die herabfallenden Fasern fortschafften. Wenn heute historische Maschinen in Bewegung gesetzt werden, lässt sich ermessen, welchen Gefahren jene Kinder ausgesetzt waren, die unter den Spinnmaschinen Faser und Staub zusammenfegen mussten: Bei großem Lärm und in unerträglich heißer und feuchter Luft krochen sie beim Vorlauf der schweren, von Transmissionsriemen angetriebenen Maschinengestelle, bei denen der Vorfaden durch Drehen gesponnen wurde, unter die ausgespannten Fäden. Sie fegten die ölverschmierten Baumwollfasern zusammen und mussten sich sehr beeilen, darunter wieder herauszukommen, weil in zwei bis drei Sekunden die Spulenreihe zurückfuhr und den gesponnen Faden aufwickelte. Schafften sie es nicht, wurden sie zwischen der heranrasenden Spinnreihe und dem stehenden Maschinengestell zerquetscht.
Ein Grund, warum für diese Tätigkeit Waisenkinder eingesetzt worden sein sollen. „Wilhelm Wood war 7 Jahre 10 Monate alt, als er in den Töpfereien von Staffordshire in der Trockenstube zu arbeiten begann und das von 6 Uhr morgens bis 9 Uhr abends.“ Das berichtete Karl Marx im ersten Band seines Hauptwerks Das Kapital über den überlangen Arbeitstag der meisten Beschäftigten – auch der Kinder. Entnommen hatte er es den Berichten zahlreicher parlamentarischer Untersuchungskommissionen. Jahr für Jahr zeigten sie, dass die Arbeitsbedingungen und vor allem eine lange Arbeitszeit bei den Kindern zur Abnahme von Größe und Gewicht führte, zu Töpferasthma, Schwindsucht anderen Krankheiten, sodass der praktische Arzt vor Ort feststellte: „Jede Generation der Töpfer ist zwergenhafter und schwächer als die vorhergehende.“ Die sieben Berichte der Children’s Employment Commission von 1862 bis 1867, aus denen Marx ausführlich zitierte, blieben nicht unwidersprochen.
Um ihren neuen Konkurrenten zu schaden, hatten konservative Grundbesitzer und Adlige nur allzu gern Informationen geliefert und Berichte verbreitet. Sie nahmen den neureichen industriellen Geldbesitzern übel, dass diese ihre Hobbys und Spleens übernahmen, ohne von Stand zu sein, und dass sie so viel Geld hatten, dass sie Schlösser und Güter aufkaufen und den Lebensstil der alten Herrscherschicht kopieren und übernehmen konnten. Dabei waren die vorindustriellen Arbeitsbedingungen keineswegs so idyllisch gewesen, wie sie im Vergleich mit der Industrie nachträglich erscheinen sollten, sie waren durch persönliche Abhängigkeit, Willkür und eine geringe Produktivität gekennzeichnet, sodass höchstens ein Mangel an Mitteln zum Leben ungerecht, persönlich und unter Gewaltverhältnissen verteilt worden war. In merkwürdiger Verkehrung der tatsächlichen Verursachung kritisiert in dem 1980 gedrehten Film Der kleine Lord der aus Amerikastammende Erbe des Grafen von Dorincourt dessen Vernachlässigung seines Dorfes, ein Versäumnis, das der Graf umgehend korrigiert und alles wieder richtet. Dabei hatten im wirklichen Leben nicht die trägen Adligen das alte Elend aus persönlicher Nachlässigkeit hervorgebracht und verschärft, vielmehr war neues industrielles Elend in den Dörfern und Städten durch eben jene freien Geldbesitzer auch im freien Amerika entstanden, die keine Rücksichtnahme außer auf den Erlös ihrer Investitionen kannten.
Wer schützt Kinder?
Die neue industrielle Produktionsweise ging vom freien Gebrauch der Produktionsmittel ohne ständische Rücksichten aus. In der Fabrik, in der Stadt schien es niemanden zu geben, der die Kinder vor Unfällen, Verkrüppelung und Krankheiten durch schwere Arbeit schützte – nicht einmal die Familie, der nichts anderes übrigblieb, als die eigenen Kinder jenen Bedingungen auszusetzen, die auch die Erwachsenen nicht bewältigen konnten und sich doch nicht aus Armut befreien. Im Märchen von Hänsel und Gretel, das Wilhelm Grimm 1810 aufzeichnete, setzten Eltern ihre Kinder im Wald aus, weil sie sie nicht mehr ernähren konnten – mit dem bekannten glücklichen Ausgang. Viele Insassen der Waisenhäuser in den englischen Industriestädten hatten keineswegs ihre Eltern verloren, aus Mangel an Arbeit und Geld hatten diese ihre Kinder nicht mehr ernähren können. Sie verkauften sie an Waisenhäuser in der Hoffnung, dort würden sie wenigstens ihr Dasein fristen könnten. Diese „Waisenkinder“ hatten keinen persönlichen Schutz durch ihre Eltern und mussten Zustände ertragen, wie sie Charles Dickens 1837 in seinem Roman Oliver Twist oder der Weg eines Fürsorgezöglings eindringlich beschrieben hat: ein Leben in Waisenhäusern, Fürsorgeanstalten und auf den Straßen Londons.
Welcher Staat?
Als in der Industrialisierung die zerstörerische Kinderarbeit zunahm, wurde klar, dass an die Stelle der alten lokalen Herrschafts- und Fürsorgeverhältnisse neue treten mussten, die die bürgerlichen Beziehungen der Menschen wenigstens so regelten, dass nicht alle Schaden nahmen. An die Stelle der alten, nicht mehr funktionierenden lokalen Institutionen der feudalen und zünftigen Gesellschaft mussten neue treten, nötig waren ein Staat und eine Regierung, die den Wirtschaftenden einen Rahmen gaben und Grenzen zogen. Mit der Freiheit der Geldbesitzer, mit Arbeitskräften zu produzieren, die sich in großer Menge anboten und für deren Auskommen sie sich nicht verpflichtet fühlten, wuchsen besonders in Europa die Aufgaben und Funktionen des Staates. Als erstes wurde das bei der zerstörerischen Wirkung von Kinderarbeit und den Folgen für Leben und Gesundheit der Untertanen des Staates augenfällig.
Bereits in der Französischen Revolution, die die Menschen für eine soziale Idee mobilisierte und ihnen die Chance einer freien Berufstätigkeit und bürgerlichen Besitzes bot, hatten die herrschenden Schichten feudaler Gesellschaften reagiert, indem sie ihrerseits ihre Untertanen mobilisierten – wenn es sein musste, auch durch soziale und politische Reformen. Um in den sogenannten Befreiungskriegen bestehen zu können, hatten die preußischen Reformer Bauern und Handwerker von feudalen und zünftigen Einschränkungen befreit und die Nation erfunden, die die Herkunft aus dem eigenen Land der neuen Sozialität der revolutionären anderen Nation entgegenstellte. Nach dem Sieg gegen Napoleon waren diese Errungenschaften wieder zurückgenommen und durch ein feudales Regime mit strikter Überwachung in den deutschen und österreichischen Landen ersetzt worden. Das hatte aber die strukturellen Probleme eines vorbürgerlichen Staates in der Konkurrenz mit der Wirtschaft nicht gelöst. Waren früher Auflagen darüber, wer im Handwerk arbeiten durfte oder wer in der Landwirtschaft dem Feudalherren Dienste schuldete, auf lokaler Ebene gelöst worden, so war nach Auflösung dieser zünftigen Beschränkungen und feudalen Herrschaftsverhältnisse niemand mehr da, der die Rahmenbedingungen des Wirtschaftens vorschrieb und regulierte. Und das betraf auch die Frage, ob Kinder durch schwere Arbeit für private Arbeitgeber zuschanden gehen würden oder ob sie lernten, was sie für ihren künftigen Beruf brauchten und was die Ernährung einer eigenen Familie sicherstellte.
Mit dem steigenden Aufkommen konkurrierender Waren und dem Entstehen von Gewerbeverhältnissen, unter denen Kinder litten, war die Staatsverwaltung in den 1830er Jahren auf die Folgen der neuen Freiheit aufmerksam geworden. Wenn viele meinten, sie müssten in ihrem Unternehmen auf die Entwicklung der Kinder keine Rücksicht nehmen, wurden Kinder geschädigt, die später als erwachsene Arbeitskräfte künftig nicht mehr zur Verfügung stehen konnten. Ein erstes Regulativ des preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm vom März 1839, das die Beschäftigung jugendlicher Arbeiter in Fabriken beschränkte, war auch das Ergebnis der Bemühungen in England, die Arbeitszeit allgemein einzuschränken.
Die preußische Verwaltung nutzte Hinweise auf Mängel, die bei der Musterung festgestellt worden waren, um die Beschäftigung von Kindern in Fabriken zu beschränken. Sowohl in England als auch in Preußen war der Anteil Untauglicher in den industriellen Provinzen höher als in den ländlichen Bezirken, sicher nicht nur durch die krankmachende Arbeit bedingt, sondern ebenso durch die schlechten Wohn- und Ernährungsverhältnisse. Das war jedenfalls ein Argument, das auch der König von Preußen, Friedrich Wilhelm II., verstand: dass seine Landeskinder nicht mehr zu Soldaten taugten und deshalb vor gesundheitsschädlicher Arbeit besser geschützt werden mussten. Das preußische Edikt oder Regulativ von 1839 legte fest, dass niemand, der jünger als neun Jahre alt war, in einer Fabrik oder bei Berg-, Hütten und Pochwerken zu einer regelmäßigen Beschäftigung angenommen werden dürfe – zu kontrollieren durch eine Liste mit Namen und Eintrittsdatum der Beschäftigten. Dies war das erste kontinentaleuropäische Gesetz zur Einschränkung der Kinderarbeit. Die Arbeit von Kindern außerhalb von Fabriken regelte der Erlass hingegen nicht.
Lernen oder Arbeiten?
Im Zuge der Industrialisierung, die in den deutschen Landen erst nach 1848 richtig einsetzte, wandelten sich die Rolle und die Bedeutung von Schulbildung. Lange, ermüdende Arbeitszeit für Kinder kam in Konflikt mit der neuen Rolle, die der preußische Staat den Volksschulen zugedacht hatte, die sich bemühen sollten, künftige Untertanen zu Gehorsam zu erziehen und ihnen wenigstens Lesen und Schreiben beizubringen. Nach dem Erlass von 1839 sollten ältere Kinder zwischen neun und 16 Jahren wenigstens einen dreijährigen regelmäßigen Schulunterricht genossen haben oder durch ein Zeugnis des Schulvorstands nachweisen, ihre Muttersprache geläufig lesen zu können und einen Anfang im Schreiben gemacht zu haben, bevor sie eine Beschäftigung in Fabriken antraten. Ersatzweise konnten Fabrikschulen eingerichtet werden, die häufig wenig Rücksicht auf den Unterricht nahmen und mehr auf die Arbeitsauslastung achteten. Die Arbeitszeit, die bei Jugendlichen bis 16 Jahren dennoch zugelassen war, erscheint uns außergewöhnlich lang – es durften nicht über zehn Stunden sein, es sei denn Naturereignisse und Unglückfälle erforderten noch mehr Arbeitszeit.
Eine Viertelstunde Pause am Vormittag und eine ganze Freistunde am Mittag mit Bewegung in freier Luft waren außerdem vorgeschrieben. Ob und wie dies wirksam kontrolliert werden konnte, blieb lange offen. Nicht nur die niederkonkurrierten Gewerbetreibenden schürten die Empörung gegen die Kinderarbeit, auch die entstehende bürgerliche Aufklärungsbewegung und die Arbeiterbewegung wollten die Konkurrenz durch niedrig bezahlte Arbeitskräfte einschränken. In diesen Prozess griff der preußische bzw. deutsche Staat ein, indem er bis zum Ende des 19. Jahrhunderts moderate Gewerbeeinschränkungen mit der gleichzeitigen Unterdrückung derjenigen Organisationen der Handwerker, Gesellen, Gewerbetreibenden und Arbeiter kombinierte, die den Schutz in Selbstorganisation übernehmen wollten.
Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war bestimmt von der Auseinandersetzung um die mangelnde Kontrolle des Verbots der Kinderarbeit in den Fabriken und der Feststellung, dass die Altersgrenze zu niedrig sei und Kinderarbeit den Schulunterricht erheblich beeinträchtige. Kinderarbeit konnte der Schulpflicht entgegenstehen – tatsächlich besuchen in Preußen in den 1870er Jahren 90 Prozent der Schulpflichtigen die Schule, 1880 sind es fast 100 Prozent. Ein Ergänzungsgesetz von 1853, das 1869 in die Gewerbeordnung des Norddeutschen Bundes und 1878 in die Gewerbeordnung des Deutschen Reichs übernommen wird, hob die Altersgrenze auf zwölf Jahren an und beschränkte die Höchstarbeitszeit auf zehn Stunden. Für die Kinderarbeit in Fabriken wohlgemerkt, ein Kinderschutzgesetz für Heimarbeit gab es im Deutschen Reich erst 1903 und ein Verbot der Kinderarbeit in der Landwirtschaft in der Bundesrepublik erst 1960. Kostenlose Bildung für alle war eine der wesentlichen Forderungen der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung, die ihren Nachhall bei den dort tätigen Lehrern fand. Als 1872 nach einer ersten Phase der Industrialisierung die Volksschule als allgemeine öffentliche Staatsanstalt Gestalt annahm, wurden Schulpflicht und die Einschränkung ausgedehnter Kinderarbeit verbindlicher. Die Lehrer der Volksschulen bemerkten aber bis über die Jahrhundertwende hinaus, dass Schulkinder durch Erwerbsarbeit vor und nach der Schule und an schulfreien Tagen zum Familienunterhalt beitragen mussten. In der Schule fehlten sie oder waren zu müde und erschöpft, um dem Unterricht zu folgen. Erinnerungen von Arbeiterinnen und Arbeitern an ihre Kindheit durchzieht um 1900 noch immer wie ein roter Faden der Wunsch: Einmal ausschlafen können! Und nicht immer arbeiten zu müssen.
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