Ein englischer Gentleman - wissenschaft.de | DAMALS
DAMALS PlusGeschichte & Archäologie
Ein englischer Gentleman
Mohandas K. Gandhi wuchs in der westindischen Provinz Gujarat auf, die damals Teil der britischen Kronkolonie Indien war. Der strenge Hinduismus seiner Mutter prägte ihn. Doch erst während des Studiums in London, bei dem er eigentlich in die Gesellschaft des Empires assimiliert werden sollte, setzte er sich…
Sie haben noch 2 von 3 kostenlosen Artikeln übrig1/3
Der Hungerstreik sollte in den 1930er Jahren zu einem politischen Werkzeug des Aktivisten Mahatma Gandhi werden. Als junger Student in London verzichtete Mohandas Karamchand Gandhi jedoch eher unfreiwillig auf seine Mahlzeiten. Die englische Küche war 1889 – einige Generationen vor Jamie Oliver und anderen modernen Küchenchefs – für strenge Vegetarier schlicht ein Alptraum. Der 20-Jährige ernährte sich zeitweise nur von Haferbrei (Porridge) und Brot.
Bei einem seiner langen Spaziergänge durch die Hauptstadt des britischen Empires wurde er dann in der Farringdon Street endlich fündig: ein vegetarisches Restaurant. Hier konnte sich Gandhi richtig satt essen – und er fand Freunde. Die Mitglieder der London Vegetarian Society, eine Gruppe von Freigeistern, würden während des dreijährigen Aufenthalts in England einen enormen Einfluss auf Gandhi ausüben.
Durch die fromme Mutter lernt Gandhi die Praxis der Askese kennen
Der Vegetarismus der Familie Gandhi gründete auf der Frömmigkeit seiner Mutter Putlibai, deren Glaube sich aus verschiedenen Richtungen des Hinduismus speiste. Doch für Putlibai war nicht nur der Verzicht auf Fleisch eine religiöse Pflicht, sie legte auch regelmäßig Fastenzeiten ein. Diese vorgelebte Disziplin war aus Sicht des Historikers Dietmar Rothermund (1933 – 2020) für den jungen Gandhi sehr prägend: „Sie [die Fastengelübde] sind Selbstverpflichtungen, die es ermöglichen, die eigene Schwäche zu überwinden und sich an einen einmal gefassten Entschluss zu halten.“
Für die Kinder im Haushalt der Gandhis war die Askese der Mutter eine alltägliche Erfahrung. So soll sie sich laut Gandhis Autobiographie („Mein Leben“), die er in den 1920er Jahren niederschrieb, während der Regenzeit einmal auferlegt haben, erst zu essen, wenn die Sonne wieder scheine. Die Kinder verkündeten ihr daher freudig jeden Sonnenstrahl: „Sie eilte dann hinaus, um mit eigenen Augen nachzusehen, aber inzwischen war die flüchtige Sonne schon wieder verschwunden … ,Das macht nichts‘, sagte sie heiter, ,Gott will nicht, dass ich heute esse‘.“
Gandhis Vater Karamchand entstammte einer Familie, deren Vertreter seit Generationen hohe Ämter an Fürstenhöfen in der Provinz Gujarat (heute ein indischer Bundesstaat) innegehabt hatten. Als Mohandas Gandhi, damals noch nicht Mahatma, am 2. Oktober 1869 zur Welt kam (Putlibai war die vierte Frau seines Vaters), war Karamchand dewan (eine Art Premierminister) des unter britischer Oberhoheit stehenden Fürstenstaats Porbandar. Die Familie lebte in der gleichnamigen Stadt am Arabischen Meer. Seit 1874 nahm der Vater im benachbarten Fürstentum Rajkot eine ähnliche Aufgabe wahr. Die Familie folgte ihm 1876 dorthin. Die Gandhis gehörten also – auf mitteleuropäische Verhältnisse übertragen – einer gehobenen Mittelschicht an.
Mehr aus Geschichte & Archäologie
Weitere aktuelle Artikel aus der Rubrik Geschichte & Archäologie.
Mit 13 Jahren musste Mohandas die gleichaltrige Kasturba heiraten. Da Hochzeiten in Indien aufwendig und teuer waren (und es noch immer sind), heirateten gleich drei Kinder der vielköpfigen Familie am selben Tag. Viel ist Gandhi später von den Feierlichkeiten nicht in Erinnerung geblieben, nur „schöne Kleidung, Trommelmusik, Hochzeitszüge, Festessen und ein unbekanntes Mädchen als Spielgefährtin“. Dass es bald trotz des Teenageralters der beiden Ehepartner nicht bei Spielen bleiben sollte, deutet Gandhi in seinen Lebenserinnerungen nur an: „Die Sinneslust kam später. Ich schlage vor, wir breiten den Mantel des Schweigens darüber …“
In dem Buch „Mein Leben“ geht er generell mit den sexuellen Begierden seines jugendlichen Ichs hart ins Gericht. Das hat sicher damit zu tun, dass er sich 1906 im Alter von 37 Jahren ein Keuschheitsgelübde auferlegte.
In diesem Zusammenhang beschreibt er ein Ereignis seiner Jugend als besonders traumatisch. Am Abend des 15. November 1885, als der Vater im Sterben lag, verließ Gandhi dennoch seinen Posten an dessen Bett, um mit seiner Frau zu schlafen. Als ihm kurze Zeit später die Nachricht vom Tod des Vaters überbracht wurde, war er untröstlich: „Wäre ich nicht blind vor tierischer Leidenschaft gewesen, hätte ich die letzten Augenblicke meines Vaters nicht getrennt von ihm verbracht.“
Gewissensbisse nach Fleischkonsum
In seiner Jugend haderte Gandhi auch durchaus mit dem Vegetarismus. Sein bester Schulfreund in der High School, der Muslim Sheikh Mehtab, zog ihn mit dem damals verbreiteten Vorurteil auf, Hindus seien schwach, weil sie im Gegensatz zu den Briten kein Fleisch essen würden. Um diesem vermeintlichen Nachteil zu entkommen, wandte Gandhi sich eine Zeitlang heimlich vom Vegetarismus ab. Laut seinen Erinnerungen brachte ihn der Konsum von Ziegenfleisch, das Methab für ihn gekocht hatte, aber um den Schlaf: „Ein schrecklicher Alpdruck quälte mich. Jedes Mal, wenn ich gerade eingeschlafen war, kam es mir vor, als meckere eine lebende Ziege in mir, und ich fuhr reuevoll auf.“
Gujarat war eine abgelegene Region des Raj, wie die britische Herrschaft über Indien genannt wurde. 1876 hatte der britische Premier Benjamin Disraeli Königin Viktoria quasi die Kaiserkrone Indiens zum Geschenk gemacht. Vor Ort herrschte ein Vizekönig in ihrem Namen. Allerdings in Kalkutta, 2000 Kilometer entfernt von Porbandar.
Gandhi kam daher auch kaum in Berührung mit den verschiedenen Formen des indischen Nationalismus. Diese waren seit dem von den Briten blutig niedergeschlagenen Aufstand gegen die Kolonialmacht von 1857 aufgekommen. 1885 schlossen sich mehrere Gruppierungen, die noch keinesfalls die Unabhängigkeit zum Ziel hatten, in Bombay zum Indischen Nationalkongress zusammen.
1887 absolvierte Gandhi in Bombay die Reifeprüfung und begann ein Bachelorstudium am Samaldas College in Bhaunagar (Gujarat). Inzwischen war ein Studium die Voraussetzung für eine Laufbahn in der kolonialen Verwaltung, die seine Familie für ihn vorgesehen hatte. Doch er tat sich schwer. Als Ausweg erschien da ein Jurastudium in England attraktiv.
Vor der Reise nach England muss ein Eid abgelegt werden
Gandhis Mutter hatte Bedenken, ihren Sohn ins ferne London ziehen zu lassen. Sie holte den Rat eines jainistischen Mönchs ein. Der Jainismus ist eine der hinduistischen Strömungen. Ein zentrales Element dieses Glaubens ist die Nichtverletzung aller Lebewesen (ahimsa), also auch ein völliger Gewaltverzicht im Umgang mit Menschen. Der Mönch schlug vor, Gandhi müsse geloben, weder Fleisch noch Alkohol zu konsumieren und seiner Frau treu zu bleiben. Gandhi legte einen entsprechenden Eid ab.
Schließlich beschaffte ein älterer Bruder noch das nötige Geld für den Aufenthalt in London. Auch die Tatsache, dass er inzwischen einen wenige Monate alten Sohn hatte, hielt ihn nicht auf.
Am 10. August 1888 war es so weit, Gandhi reiste zunächst nach Bombay. Dort sah er sich plötzlich mit den verärgerten Ältesten seiner Kaste konfrontiert – die Familie Gandhi gehörte zu den Bania, einer mittleren Kaste. Ihm wurde mit dem Ausschluss gedroht, sollte er die Reise antreten.
Gandhi wurde im Zuge dessen offensichtlich regelrecht gemobbt. Er schrieb kurze Zeit später, man habe ihn „von allen Seiten bedrängt“. „Ich konnte nicht hinausgehen, ohne dass jemand auf mich zeigte und mich anstarrte. Einmal, als ich in der Nähe des Rathauses spazieren ging, wurde ich von ihnen umringt und angebrüllt.“ Gandhi ließ sich jedoch nicht einschüchtern: Einen Monat vor seinem 20. Geburtstag bestieg er das Schiff nach England.
Gandhi durchlief in London kein klassisches Jurastudium, wie man es heute kennt. Um den Titel eines barrister, also eines zum Gericht zugelassenen Anwalts, zu erwerben, mussten die Anwärter damals eher eine Art Selbststudium mit anschließender Zulassungsprüfung absolvieren. Danach wurden sie in eine der vier Londoner Anwaltskammern (inns of court) aufgenommen. Jedenfalls bereitete dieses „Studium“ Gandhi nicht allzu viel Kopfzerbrechen. Pranjiva Mehta, ein Landsmann, der in London zu Gandhis engstem Freund wurde, fasste es so zusammen: „Wir kommen nach England nicht so sehr zum Studieren, als um uns mit englischem Leben und englischen Gewohnheiten vertraut zu machen.“
Eine Zeitlang wollte Gandhi auch in Sachen Mode ein echter englischer Gentleman werden. Ein Kommilitone, der ihn in der Stadt traf, war beeindruckt von „Mode, Schnitt und dem Stil von Mr. Gandhi“. Doch Gandhi bemerkte schnell, dass sein schmales Budget solche Extravaganz nicht zuließ.
Kontakte im Umfeld der Vegetarier erweitern Gandhis Horizont
Wie eingangs bereits beschrieben, war der Anschluss an die London Vegetarian Society für Gandhi eines der wichtigsten Ereignisse der Londoner Jahre. In dem vegetarischen Restaurant in der Farringdon Street fiel ihm auch Henry Salts (1851–1939) Schrift „Ein Plädoyer für den Vegetarismus“ (1886) in die Hände. Für Salt war der Verzicht auf Fleisch Teil einer Weltanschauung, die der kapitalistischen Gesellschaftsordnung und besonders der Ausbeutung von Natur und Tieren kritisch gegenüberstand. Den Kern des Vegetarismus bilde „das wachsende Bewusstsein, dass Fleischessen eine grausame, ekelerregende, ungesunde und verschwenderische Praxis ist“.
Gandhi las auch Salts 1890 erschienene Biographie des US-amerikanischen Autors Henry David Thoreau (1817–1862) mit großer Begeisterung. Thoreau, der durch sein Wildnis-Tagebuch „Walden“ (1854) bekannt wurde, hatte sich auch mit passivem Widerstand gegen als unmoralisch empfundene staatliche Maßnahmen befasst („Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“, 1849).
Über die Vegetarier kam Gandhi zudem mit den Theosophen um die russische Emigrantin Helena Blavatsky (1831–1891) in Kontakt. Blavatsky behauptete, von tibetischen Weisen in eine Geheimlehre eingeweiht worden zu sein. Sie lebte in den frühen 1880er Jahren mit gleichgesinnten Europäern in Indien und war später auf Tourneen durch Europa als Medium tätig. Neben ihren eher esoterischen Aktivitäten machte Blavatsky jedoch auch auf soziale Probleme aufmerksam.
Erst durch die Theosophen lernte Gandhi traditionelle hinduistische Schriften kennen. Bis dahin war ihm die eigene Religion nur in Form der Volksfrömmigkeit seiner Mutter begegnet. Nun studierte er die „Bhagavadgita“ („Gesang der Erhabenen“), ein zwischen dem 1. Jahrhundert v. Chr. und dem 2. Jahrhundert n. Chr. entstandenes Gedicht, das zu einem heiligen Buch der Hindus wurde.
Über die „Bhagavadgita“ (kurz „Gita“) erschloss sich Gandhi seine eigene Religion und deren philosophische Grundlagen. Im Alter von 56 Jahren blickte er auf diese Zeit zurück: „Das Buch erschien mir als eines von höchstem Wert. Dieser Eindruck hat sich seither ständig vertieft mit dem Ergebnis, dass ich es heute als das Buch par excellence für die Erkenntnis der Wahrheit halte.“
In der Rahmenhandlung der Gita geht es um die Zweifel des Prinzen Arjuna, der nicht gegen einen Feind ins Feld ziehen will, in dessen Reihen er Verwandte entdeckt hat. Der Gott Vishnu versucht den Prinzen in seiner menschlichen Verkörperung (avatara) Krishna zum Kampf zu überreden. Gandhi faszinierten jedoch weniger diese kriegsethischen Aspekte der Schrift als vielmehr die Erlösungswege, die beim Hin und Her der Protagonisten diskutiert werden.
Zentral sind dabei der Weg des Handelns und der Weg der Erkenntnis. Anzustreben sei demnach nicht die passive Askese, sondern eine disziplinierte Aktivität, also das konzentrierte Verfolgen eines Ziels, ohne nach persönlichem Erfolg zu trachten. Diese Ideale der „Gita“ sollten für Gandhis späteres Leben zum moralischen Kompass werden.
Während seines Aufenthalts in London bekam Gandhi auch ein Gefühl für den politischen und gesellschaftlichen Zeitgeist in Großbritannien. Das Land befand sich im Umbruch und bestach durch eine „Vielfalt nichtkonformistischer Gruppen und Bewegungen – Anarchisten, Theosophen, Freidenker, Vegetarier und Abstinenzler, Sozialisten und Kommunisten –, die alle agitierten, debattierten, paktierten und rivalisierten“ (Dietmar Rothermund). Gandhi sog diese Einflüsse auf und schätzte die vielen menschlichen Begegnungen seiner Londoner Zeit.
Doch in den Armenvierteln der Stadt hatte er auch die Schattenseiten der Industriegesellschaft gesehen. Im Herbst 1889 wurde Gandhi Zeuge des langwierigen Streiks der Hafenarbeiter – ein Meilenstein der britischen Arbeiterbewegung und die Geburtsstunde der bald mächtigen Gewerkschaften.
Nach der letzten Prüfung im Dezember 1891 musste Gandhi noch mehrere formale Dinner im Inner Temple absolvieren. Diese waren Teil des Zulassungsverfahrens und dienten auch dem Austausch zwischen Studenten und praktizierenden Juristen.
Er nutzte die freie Zeit, um für „The Vegetarian“, das Magazin der Vegetarischen Gesellschaft, eine Serie von Artikeln über Vegetarier in Indien zu schreiben. Dabei konnte er sich auch einen Seitenhieb auf die englische Küche nicht verkneifen. Er betonte, dass Inder „jedes Gericht aufwendig zubereiten. Tatsächlich halten sie nichts davon, Gemüse einfach nur so zu kochen, sondern sie müssen es mit vielen Gewürzen verfeinern, etwa Pfeffer, Salz, Nelken, Kurkuma, Senfkörner und allerlei anderen Dingen“.
Gereift zu einem wachsamen Kritiker der Gesellschaft
In diese Artikel baute der Autor aber auch bereits Kritik an der indischen Gesellschaft und den britischen Kolonialherren ein. So sah Gandhi den Grund für die oft angesprochene „notorische Schwäche“ der Inder nicht in der fleischlosen Diät, sondern im „unseligen Brauch der Kinderehe“. Wenn zwölfjährige Mädchen von 16-jährigen Jungen schwanger würden, „nimmt die stärkste Konstitution Schaden“.
Den Briten warf Gandhi vor, dass der Alkohol, den sie nach Indien mitbrächten, eines „der am stärksten spürbaren Übel der britischen Herrschaft“ sei. Die Artikel zeigten, dass Gandhi inzwischen das Englische perfekt beherrschte. Und sie deuteten an, dass der junge Mann aus Gujarat ein Auge für die Missstände seiner Zeit hatte.
Der Gandhi-Biograph Ramachandra Guha sieht in der Mitgliedschaft in der Vegetarian Society einen wichtigen Schritt im Leben des Freiheitskämpfers, dessen Bedeutung lange nicht erkannt wurde: „Gandhi, der Freundschaften über Rassen- und Religionsgrenzen hinweg pflegte; Gandhi, der Organisator und Mobilisierer; Gandhi, der Schriftsteller, Denker und Propagandist – all diese Gandhis kamen zuerst in und durch seine Mitgliedschaft in jener berüchtigt-seltsamen Organisation, der Vegetarian Society of London, zum Ausdruck.“
Im Juni 1891 sagte Gandhi London Lebewohl. Nach der Ankunft in Indien übermittelten ihm Verwandte die traurige Nachricht, dass seine Mutter gestorben war. Für einen weiteren Dämpfer sorgte der Ältestenrat seiner Kaste, der den Disput vor der Abreise nach London nicht vergessen hatte. Im Gegenteil: Gandhi musste sich einem Ritual unterziehen, bei dem er öffentlich Reue für sein Verhalten zeigte. Erst danach war er wieder richtig angekommen in Indien.
11. Juni 2026
Die erste Fußballweltmeisterschaft fand 1930 in Uruguay statt. Aber warum eigentlich gerade dort? Bis dahin hatten die großen europäischen…
Geschichte & Archäologie
Rätsel um kopflose Skelette geht weiter
9. Juni 2026
Kopflose Skelette aus einem jungsteinzeitlichen Siedlungsgraben in der Slowakei geben Archäologen weiterhin Rätsel auf. Denn warum Menschen…
Geschichte & Archäologie
Mammutfund erweist sich als steinzeitliches Cold Case
8. Juni 2026
Cold Case: Ein bei Regensburg entdecktes Mammutskelett hat sich als wichtiges Zeugnis der menschlichen Frühgeschichte entpuppt. Denn…