Fährt man heute von Reggio in der Poebene die Abhänge des Apennin hinauf, so wird es bald ziemlich einsam. Nach etwa 20 Kilometern gelangt man zu den Ruinen der Burg Canossa. Um ihren einstigen Ruhm ist es stiller geworden. Die kleine Siedlung zu Füßen der Burg bietet keinen touristischen Rummel. Wer Florenz, Siena oder Pisa gesehen hat, ist von der stillen Beschaulichkeit der kargen Berglandschaft verwundert. Nicht viele Menschen gehen heute nach Canossa. Und doch kennen manche dieses Wort. Es steht für eine tiefe Demütigung. König Heinrich IV. (1056–1106) erlitt sie im Januar 1077, in der schlimmsten Krise seiner Herrschaft. Als Büßer unterwarf er sich in Canossa Papst Gregor VII. Mit größtem Aufwand löste sich der Fürst dieser Welt aus dem kirchlichen Bann und fand wieder Aufnahme in die christliche Gemeinschaft. Alles schien auf dem Kopf zu stehen: Der Papst als Nachfolger des Apostels Petrus hatte den römischen König, den höchsten Herrscher in der abendländischen Christenheit, in die Knie gezwungen. Unser Wissen von diesem unerhörten Vorgang ist seltsam zerrissen. Denn die erhaltenen Berichte stammen vom Papst oder seinen Anhängern. Der König und seine Gefolgsleute erzählten nichts von Canossa. Ihr gezieltes Vergessen gehört zur überlieferten halben Wahrheit dazu.
Canossa bleibt im deutschen Gedächtnis ein Ort der Schande. Bedeutungsschwer gelangte der markige Ausspruch Otto von Bismarcks in den „Zitatenschatz des deutschen Volkes“: „Seien Sie außer Sorge: Nach Canossa gehen wir nicht – weder körperlich noch geistig!“ Mit seiner Reichstagsrede vom 14. Mai 1872 griff der eiserne Kanzler den Heiligen Stuhl an. Im neuen Deutschen Reich feierten sich die protestantischen Hohenzollern zwar gern als Nachfolger der alten Kaiser. Doch deren mittelalterliche Schmach sollte sich nie mehr wiederholen. Canossa erwuchs jetzt zum Symbol für die freche Anmaßung der Päpste. Noch im Jahr der Reichstagsrede wurden Gedenkmünzen geprägt. Auf der einen Seite steht Bismarck als Hüter kaiserlicher Herrschaft: „Der Kaiser ist Herr im Reich und muß es bleiben. Fürst von Bismarck“. Auf der anderen Seite kämpft Germania als Frauengestalt mit Schwert und Bibel gegen den Papst mit seiner Bannbulle; unter Gregors Mantel kriecht eine Schlange gegen den Adler des Reichs hervor: „Nicht nach Canossa!“ …
Im Vorfeld des dritten Golfkriegs stellte die Zeitschrift „Stern“ dem damaligen deutschen Außenminister Joseph Fischer am 2. Oktober 2002 die Frage: „Herr Fischer, Sie stehen vor einem Canossa-Gang nach Washington. Wie tief müssen Sie sich da verbeugen, um den Ärger der Amerikaner über die deutsche Irak-Politik zu besänftigen?“ Und der Politiker antwortete: „Niemand steht vor einem Canossa-Gang … Von Canossa kann keine Rede sein.“ Neuerdings wächst das Interesse an den Erschütterungen der Welt. Canossa steht als Chiffre für den großen Umbruch des Mittelalters. In krisengeschüttelter Zeit wird uns Canossa wieder wichtig.
Drei Tage lang stand König Heinrich IV. vor der Burg Canossa im Schnee – barfuß, frierend, im Büßergewand. Er erflehte von Papst Gre-gor VII. (1073–1085) die Vergebung seiner Sünden, die Lösung vom Bann und die Aufnahme in die Burg. Emotionen dieser Wintertage vom 25. bis zum 28. Januar prägen die wenigen Quellen. Sogleich schickte der Papst einen Brief an seine deutschen Parteigänger. Dazu kommen Berichte zweier deutscher Mönche (Lampert von Hersfeld, Berthold von Reichenau) und zweier Italiener (Bonizo von Sutri, Donizo von Canossa). Neben anderen schrieben sie zwischen 1077 und 1114 ihre Canossa-Geschichten aufs Pergament. Die Rückschau und die Folgekämpfe verwandelten das Gedächtnis. Doch unsere Zeugen urteilten nicht wertfrei. Sie erzählten als treue Parteigänger der Reformpäpste und als entschiedene Gegner Heinrichs IV. So müssen wir aus dem Deutungskartell der einen Partei die Vergangenheit zusammensetzen, ohne je die ganze Wirklichkeit zu erfahren.





