Philipp II. wurde eher überraschend König von Makedonien. Als sich die Chance zur Herrschaft bot, nutzte er sie konsequent. Vor allem militärisch sorgte er sofort für Furore. Was er auf dem Schlachtfeld errang, sicherte er durch eine Heirat ab – mehrmals.
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Die Nachrichten von der Westgrenze des Reiches hörten sich alarmierend an. König Perdikkas III. war im Krieg gegen die Illyrer ums Leben gekommen. Mit ihm hatten 4 000 Makedonen ihr Leben verloren. Wieder einmal – zum dritten Mal binnen zehn Jahren – war die Planstelle des Monarchen vakant. Doch bevor es zu den üblichen Intrigen und Machtkämpfen kam, ergriff Philipp, der Bruder des Perdikkas, die Initiative und übernahm die Vormundschaft für Amyntas, den noch minderjährigen Sohn des verstorbenen Königs.
Das geschah zu Beginn des Jahres 359 v. Chr., Philipp war zu diesem Zeitpunkt 24 Jahre alt. Den Begriff „Vormundschaft“ interpretierte er in sehr großzügiger Weise. Faktisch war er von diesem Zeitpunkt an „König der Makedonen“ – sei es, dass er sich dafür formal die Zustimmung der Größen des Reiches und der Heeresversammlung einholte, sei es, dass er, was wahrscheinlicher ist, den Status des Vormunds stillschweigend in die Position des Königs übergehen ließ. Vielleicht hat er Amyntas auch zu einem offiziellen Verzicht auf den Thron bewegen können.
Makedonien ist dem neuen Herrscher schnell zu klein
Auffällig ist jedenfalls, dass Philipp nach der Machtübernahme mit Amyntas deutlich schonender umging als mit anderen Teilen der Verwandtschaft, die er, als seine monarchischen Pläne offenkundig wurden und zu Unmut führten, in der bei den Argeaden üblichen Weise beseitigte. Amyntas hingegen genoss am Hof eine respektierte Stellung, erst nach Philipps Ermordung 336 v. Chr. sollte die Schonzeit enden: Sein Sohn Alexander sah in ihm einen gefährlichen Rivalen und ließ ihn umbringen (siehe Artikel Seite 32).
Mit Philipp II. hatte nun ein außerordentlich machtbewusster König die Herrschaft inne, und dies im doppelten Sinn. Kaum war seine innenpolitische Stellung stabilisiert, entwickelte er ein klares außenpolitisches Konzept. Nicht länger sollte das Land im Norden im Schatten der strahlenden griechischen Stadtstaaten stehen, und nicht länger sollten die stolzen Griechen die Makedonen als rückständige Barbaren abqualifizieren.
Hatten seine Vorgänger mehr auf kulturellen Glanz gesetzt, um die Griechen zu beeindrucken, so setzte Philipp andere Prioritäten. Für ihn stand das Militär im Vordergrund. Makedonien musste stark werden, um die Illyrer, die Thraker und all die anderen Nachbarvölker, die dem Land in der Vergangenheit so sehr zugesetzt hatten, in Schach zu halten. Niemand sollte es mehr wagen, die Makedonen anzugreifen.
Doch Philipps Pläne gingen noch viel weiter. Nach seinen Vorstellungen musste Makedonien über den Status einer reinen Regionalmacht hinauswachsen. Makedonien würde auch über die Griechen herrschen. Die Gelegenheit dazu war günstig. Athen und Sparta hatten sich im Peloponnesischen Krieg gegenseitig geschwächt. Die Hegemonie Thebens war nur von kurzer Dauer gewesen. Aktuell gab es in Griechenland keine wirklich starke Macht. Das war, so wusste Philipp, Makedoniens große Chance. Und Philipp war fest entschlossen, sie zu nutzen.
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Die Umsetzung des ambitionierten Plans begann mit einer umfassenden Militärreform. Auf diesem Gebiet kannte er sich aus, hier kamen ihm die Kenntnisse zugute, die er als Geisel in Theben gesammelt hatte. Vor allem kam es ihm zunächst darauf an, eine einheitliche Kommandostruktur zu schaffen. Seine Vorgänger auf dem makedonischen Thron hatten sich immer wieder mit ehrgeizigen Provinzfürsten herumplagen müssen, die eifersüchtig über ihre Privilegien wachten. Dazu gehörte die Verfügungsgewalt über eigene Truppen, die sie in ihren jeweiligen Territorien und Besitzungen rekrutierten.
Dieses System sprengte Philipp dadurch, dass er als König das Recht für sich reklamierte, die Soldaten unter seinem Oberbefehl in den Krieg zu führen. Für diese Maßnahme hatte er gute Argumente: Die Fürsten in Obermakedonien sahen sich fast permanent Angriffen von Seiten der Illyrer ausgesetzt, die nach dem Erfolg gegen Perdikkas Morgenluft witterten und ihre militärischen Aktivitäten intensivierten. Ohne Hilfe kamen die Fürsten nicht zurecht, und so waren sie dankbar, dass Philipp die illyrische Frage zur Chefsache erklärte.
Damit setzte er sich aber auch unter großen Druck. Denn nun war klar: Alle Siege, aber auch alle Niederlagen gingen künftig auf das alleinige Konto des Königs. Doch das Wort „Niederlage“ hatte in Philipps Wortschatz keinen Platz. Er war sich seiner Sache sehr sicher, weil er noch einige weitere Reformen auf den Weg brachte, um die Schlagkraft der makedonischen Armee zu erhöhen. Große Hoffnungen setzte er auf die Reitertruppe. Personell besetzte er sie mit seinen hetairoi. Allgemein bezeichnete dieses griechische Wort „Gefährten“ oder „Freunde“. Speziell nannte man so die Adligen, die zum engeren Führungszirkel des Königs gehörten.
Diese Maßnahme hatte einen doppelten Effekt: Der König konnte sich auf seine Freunde verlassen, und sie waren alle hervorragende Reiter. Schließlich hatten sie genug Zeit und Geld, sich auf den kriegerischen Ernstfall vorzubereiten. Finanziell unabhängig waren sie auch deswegen, weil ihnen der König Ländereien zur Verfügung stellte, die ihnen ein komfortables Auskommen verschafften.
Neben der Aufstellung einer loyalen, ihm persönlich verpflichteten Militärelite konzentrierte sich Philipp auf eine Reihe von, wie es sich zeigen sollte, sehr wirkungsvollen militärtaktischen Maßnahmen. Neben den Reitern war die Phalanx das Herzstück der makedonischen Armee. Hierbei handelte es sich um eine Formation schwerbewaffneter Fußsoldaten, wie man sie auch aus den griechischen Stadtstaaten kannte. Die Phalanx kam speziell im Nahkampf zum Einsatz. Im Normalfall marschierten die Armeen aufeinander zu, und es entwickelte sich ein heftiges Kampfgetümmel.
Der innovative makedonische König kam auf eine geniale Idee, die seiner Streitmacht einen entscheidenden Vorteil verschaffte. Er ließ in seinen Waffenschmieden sogenannte Sarissen herstellen, etwa fünf Meter lange und sieben Kilogramm schwere Spieße mit hölzernem Schaft und Metallspitzen an beiden Enden. Sie ermöglichten es den makedonischen Kriegern, die Gegner im Kampf auf Distanz zu halten, den risikoreichen Nahkampf zu vermeiden und aus gesicherter Entfernung Treffer zu landen. Bald wurden auch die Reiter mit Sarissen ausgerüstet – Philipps Sohn Alexander sollte später mit diesen Einheiten sein Weltreich erobern.
Professionalisierung der makedonischen Armee
Den Spielraum militärischer Möglichkeiten erweiterte Philipp auch dadurch, dass er neue, flexibel einsetzbare Einheiten schuf, allen voran Bogenschützen, Steinschleuderer und Speerwerfer.
Und schließlich sorgte Philipp auch für eine völlig neue Moral in der Truppe. Der König hatte kein Interesse an einem Bürgerheer, das, wie bei den griechischen Stadtstaaten, immer mühsam aktiviert werden musste, wenn eine kriegerische Auseinandersetzung bevorstand. Philipp wollte eine Profitruppe, bestehend aus Leuten, die nichts anderes kannten und taten, als Krieg zu führen. Seine Hetairoi standen permanent zur Verfügung, dazu wurden Söldner angeworben. Im Winter, wenn die Waffen ruhten, schickte Philipp seine Armee ins Trainingslager und übte mit ihnen die verschiedenen Kampfformen ein. Auf diese Weise stürzten sie sich, wenn im Frühjahr die Feldzugsaison begann, bestens vorbereitet ins Gefecht.
Langfristig dachte Philipp an eine intensive Expansionspolitik. Zunächst aber stand die Erledigung der Aufgaben vor der eigenen Haustür an. Die erste große Bewährungsprobe war der Kampf gegen die Illyrer, die Obermakedonien besetzt hielten. Diese Kampagne fand im Jahr 358 v. Chr. statt, kurz nachdem Philipp die faktische Herrschaft übernommen hatte.
Noch konnten nicht alle taktischen, strategischen und personellen Änderungen greifen. Die Militärreformen befanden sich noch im Versuchsstadium. Und dennoch zeigte sich bereits hier die Wirksamkeit der Maßnahmen, die Philipp gleich in den ersten Monaten seiner Herrschaft in die Wege geleitet hatte und die sein Königreich letztlich in die Lage versetzen sollten, auch die Griechen zu unterwerfen.
Philipps Gegenspieler auf der Seite der Illyrer war der König Bardylis. Er zog mit der Empfehlung in den Krieg, maßgeblich zur Niederlage des Perdikkas beigetragen zu haben. Als er von den Rüstungen Philipps hörte, hielt er es für sinnvoller, auf eine militärische Auseinandersetzung zu verzichten, und unterbreitete Philipp ein Verhandlungsangebot. Der Makedone lehnte ab, vor allem, weil es ihm darauf ankam, den eigenen Leuten, den lokalen Fürsten und den benachbarten Völkern zu zeigen, dass Makedonien unter seiner Herrschaft keine Kompromisse mehr einging, sondern mit aller Macht nach der Hegemonie griff.
Rein numerisch waren Makedonen und Illyrer gleichwertig: Auf beiden Seiten standen sich 10 000 Fußsoldaten und 600 Reiter gegenüber, doch Philipp feierte einen grandiosen Sieg. Die Illyrer hatten 7000 Gefallene zu beklagen. Große Teile der Gebiete, die man an die Illyrer verloren hatte, wurden zurückgewonnen.
Heiratspolitik sichert die militärischen Erfolge ab
Schon hier erprobte Philipp eine Methode, die er später auch gegenüber den Griechen anwandte. Die militärischen Erfolge mussten, so das Kalkül des Königs, durch politisches und diplomatisches Entgegenkommen abgesichert werden. So griff er zum ersten, jedoch bei weitem nicht zum letzten Mal zu dem auch in Makedonien bereits bewährten Mittel der Heiratspolitik. Zur auswärtigen Ehefrau des Königs Philipp avancierte eine vornehme Illyrerin namens Audata, ihres Zeichens Tochter eines Fürsten. Etwa zur selben Zeit schloss Philipp den Bund der Ehe mit Phila. Sie war die Tochter eines obermakedonischen, in der Landschaft Elimiotis angesiedelten Lokalherrschers. Mit dieser Ehe sollten die politikbestimmenden Eliten in dieser Region Makedoniens gewonnen werden.
Auch in der Folgezeit setzte Philipp, als flankierende Maßnahme zu den militärischen Operationen, immer wieder auf die Karte der Heiratspolitik. Die antiken Quellen verloren bei den vielen Eheschließungen gelegentlich den Überblick, zumal sich der König nicht etwa scheiden ließ, wenn er eine neue Frau heiratete, sondern die bei den Makedonen nicht unübliche Praxis der Polygamie pflegte. So kam er im Lauf seines Lebens auf insgesamt sieben oder acht Ehefrauen.
Die Griechen, die seinen militärischen und diplomatischen Aktivitäten schon früh mit großem Misstrauen begegneten, nutzten Philipps inflationäre Neigung zu häufigen Eheschließungen zu einer ersten Propaganda-Kampagne. Typisch barbarisch, ließen sie verlauten, und delektierten sich an konstruierten Details aus dem Liebesleben des Königs von Makedonien. Das war natürlich reine Polemik, und das wussten die Griechen auch. Sie erkannten, dass Philipp ein bemerkenswertes Geschick besaß, zum richtigen Zeitpunkt die politisch richtige Frau zu heiraten.
357 v. Chr. heiratete Philipp Ehefrau Nummer fünf. Von den bisherigen vier Frauen waren zu diesem Zeitpunkt zwei bereits tot. Sie hatten auch deswegen keine dynastischen Ansprüche anmelden können, weil Audata kurz nach der Geburt einer Tochter namens Kynane und Phila bald darauf kinderlos gestorben war. Grundsätzlich aber ergab sich für Philipp aus den vielen Ehen und der aus ihnen resultierenden Nachkommenschaft das Problem, dass die Erbschaftsverhältnisse auch aufgrund des Fehlens präziser Regelungen unklar waren.
Romantik spielt bei Philipp wohl eher eine untergeordnete Rolle
Doch derlei Gedanken beschäftigten Philipp nicht sehr. Wenn es politisch geboten war, schloss er eine neue Ehe. Die fünfte Ehefrau ist die bekannteste unter seinen Auserwählten. Denn Olympias brachte ein Jahr nach der Hochzeit den gemeinsamen Sohn Alexander (III.), nachmals „der Große“ genannt, zur Welt. Später folgte noch eine Tochter namens Kleopatra.
Der antike Alexander-Biograph Plutarch hat eine rührende Geschichte davon parat, wie sich Philipp und Olympias kennenlernten. Ort des Geschehens soll der populäre Wallfahrtsort Samothrake gewesen sein, wo sich die beiden in die dortigen Mysterien hätten einweihen lassen. Philipp sei damals noch ein sehr junger Mann und Olympias ein Kind gewesen. Da hätten sie sich ineinander verliebt und die Ehe versprochen. Die Glaubwürdigkeit dieser Geschichte ist im unteren Bereich dessen, was man als wahrscheinlich ansehen kann, anzusiedeln. Hier konnte die makedonische Propaganda nicht der Versuchung widerstehen, der Verbindung zwischen Philipp und Olympias einen romantischen Anstrich zu verleihen.
Andere Quellen sind realistischer und faktennäher: Sie betonen, dass Philipp – wieder einmal – aus politischen Gründen heiratete. Olympias war eine gute Partie. Ihr Vater hieß Neoptolemos und bekleidete das Amt des Königs der Molosser. Beheimatet waren diese in der nordwestlich von Makedonien gelegenen Landschaft Epeiros. Unter den dort ansässigen Stämmen waren die Molosser der militärisch stärkste und politisch wichtigste Faktor.
Später, im 3. Jahrhundert v. Chr., herrschte hier jener König Pyrrhos, der den Römern schwer zu schaffen machte und der durch seine „Pyrrhus-Siege“, die in Wirklichkeit Niederlagen waren, sprichwörtliche Berühmtheit erlangte.
Die Molosser waren für Philipp ein idealer Partner. Sie sprachen einen ähnlichen Dialekt wie die Makedonen, pflegten unverdrossen monarchische Traditionen und waren erklärte Gegner der Illyrer.
Das waren Gemeinsamkeiten genug, um eine durch Heirat untermauerte strategische Allianz zu schmieden. Als Philipp um die acht Jahre jüngere Olympias warb, war deren Vater bereits verstorben. Das Geschäftliche regelte dessen Bruder Arybbas, der die Vormundschaft für Olympias übernommen und gleichzeitig die Nachfolge des Neoptolemos als König der Molosser angetreten hatte. Stolz führte Philipp seine neueste eheliche Errungenschaft in seine heimatliche Residenz Pella.
Zu diesem Zeitpunkt hieß sie noch nicht Olympias, sondern – die Überlieferung ist hier nicht einheitlich – Polyxena oder Myrtale. Den neuen Namen gab ihr der Ehemann Philipp, nachdem er bei den Olympischen Spielen von 356 v. Chr. einen spektakulären Sieg im Wagenrennen errungen hatte. Noch immer war die Teilnahme bei der wichtigsten Sportveranstaltung ausschließlich Griechen vorbehalten. Wie schon bei seinen Vorgängern erprobt, wollte auch Philipp demonstrativ den Anspruch der Makedonen unterstreichen, zu der Gemeinschaft der Griechen zu gehören.
Dass er seine Frau nach jenem Ort benannte, den die Griechen als ihre ureigenste Domäne betrachteten, gehörte zu jenen taktischen Winkelzügen, die der makedonische König so meisterhaft beherrschte.
Olympias erfüllte die in sie gesetzten Erwartungen und brachte den von Philipp bereits ungeduldig erwarteten männlichen Thronfolger zur Welt. Und während sie sich um den kleinen Alexander kümmerte, unternahm der König den nächsten Schritt in dem Plan, Makedonien zu einer Großmacht zu formen. Das Objekt der Begierde hieß nun Thessalien.
Reaktion der Griechen ist nur eine Frage der Zeit
Die griechischen Thessalier waren die südlichen Nachbarn der Makedonen. An ihnen selbst hatte Philipp nur wenig Interesse. Thessalien war deshalb wichtig, weil es dank seiner Lage Philipp den Zugang nach Mittelgriechenland öffnen konnte. Und natürlich bot der Besitz von Thessalien einen besseren Schutz vor Angriffen aus dem Süden.
Denn Philipp war sich völlig darüber im Klaren, dass die griechischen Stadtstaaten seinen expansiven Projekten nicht tatenlos zusehen würden. Außerdem lockten die reichen Vorkommen an Gold und Silber. Eine Großmachtstellung, wusste Philipp, war nicht zum Nulltarif zu bekommen, eine gut gefüllte Kriegskasse unabdingbare Voraussetzung für die ehrgeizigen Ziele.
Und so zögerte er nicht, einem Hilferuf thessalischer Fürsten Folge zu leisten, die sich von den Tyrannen der Stadt Pherai bedroht sahen. Philipp eilte herbei und gab, wie es bei dem antiken Autor Diodor heißt, „vielen Städten ihre Freiheit zurück.“ Das war die offizielle makedonische Darstellung des Geschehenen. Schon in den Anfängen seiner Karriere wusste Philipp, wie man einer Annexion verbal eine freundliche Deutung geben konnte – ein Kapital, von dem er später noch häufig zehren sollte.
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