Woher sind wir über die historische Person Jesu informiert?
Michael Wolffsohn: Außer aus den Evangelien auch aus den Werken nicht-christlicher antiker Autoren. Für Jesus selbst und sein Umfeld ist der jüdische Historiker Flavius Josephus zu nennen. Auch römische Autoren erwähnen ihn. Nicht zuletzt im Talmud ist von Jesus die Rede. Der Judaist Peter Schäfer hat darüber ein großartiges Buch veröffentlicht.
Was fasziniert Sie persönlich?
Seine – als Jude sage ich: quasigöttliche – Übermenschlichkeit. Doch gerade sie basiert auf heilsgeschichtlichen und nicht auf geschichtlichen Quellen. Sie beschreiben ihn als für uns Normalmenschen unerreichbares Ideal. Kein Ideal war oder ist je real, aber es fasziniert. Wohl wissend, dass die Beschreibung Wunsch, nicht Wirklichkeit ist. Diesen idealen Menschen und eben nicht als Gott kann es so nicht gegeben haben. Die heilsgeschichtlich jüdische Erzählweise orientiert sich dagegen am realen Menschen – mit all seinen Schwächen.
Lässt sich seine Lehre in die damalige jüdische Geistesgeschichte einordnen?
Mühelos. Jesus ist eindeutig dem radikalen Teil der Pharisäer mit Neigungen zu den Essenern und der judäischen Friedensbewegung zuzuordnen. Zu Recht hielt er den Krieg gegen die Weltmacht Rom für sinnlosen kollektiven Selbstmord.
Kann er sich als Jude selbst „Sohn Gottes“ genannt haben?
Natürlich, denn gemäß der auch damals gültigen jüdischen Tradition ist jeder Mensch ein Kind Gottes, ist als Mann ein „Sohn Gottes“. Keinen jüdischen Zeitgenossen Jesu dürfte diese Aussage schockiert haben. Da sind die Evangelien unglaubwürdig, aber religionshistorisch und -politisch nachvollziehbar.
Vom „König der Juden“ soll auch die Rede gewesen sein?
Das war keine Selbstbezeichnung Jesu. Damals herrschte ja faktisch ein innerjüdischer Bürgerkrieg, in welchem die Opposition möglicherweise eine charismatische Gegenpersönlichkeit zum regierenden Monarchen präsentieren wollte, der ein Kollaborateur Roms war.
Es gab damals viele Rebellen gegen Rom: War Jesus einer von ihnen?





