Zumindest das Gründungsjahr dürfte aufmerksamen Reisenden nicht entgangen sein: “Seit 1916”, steht stolz auf jeder Speisekarte und jeder Serviette. 1916? Richtig: Die MITROPA wurde mitten im Ersten Weltkrieg gegründet. Die nächste Frage, die sich aufdrängt: Wie kam man ausgerechnet 1916 auf die Idee, eine Schlaf- und Speisewagengesellschaft zu gründen? Zwar gab es vor 1916 einige kleinere, regionale Gesellschaften, die sich um das leibliche Wohl der Zugreisenden in Deutschland kümmerten, doch die großen Verbindungen wurden allesamt von der Deutschen Eisenbahn-Speisewagen-Gesellschaft (DESG) bedient. Die 1898 gegründete DESG war aber trotz ihres Namens kein “deutsches” Unternehmen, sondern eine Tochter der Internationalen Speisewagen-Gesellschaft (ISG). Und diese wiederum war in der Hand französischer und belgischer Kapitalgeber. Das heißt, etwas überspitzt formuliert: Das deutsche Speise- und (zumindest teilweise) Schlafwagennetz war in feindlicher Hand! Ein Zustand, der in der aufgeheizten nationalistischen Atmosphäre des Ersten Weltkriegs keinen Bestand haben konnte. Bereits 1915 machte sich der preußische Minister für Öffentliche Arbeiten, Paul von Breitenbach, für die Gründung einer eigenen Gesellschaft stark: “In der richtigen Erkenntnis, daß die Durchdringung des Wirtschaftslebens eines Landes durch die Beherrschung seiner Verkehrswege erleichtert, wenn nicht gar überhaupt erst möglich gemacht wird, hat das französische Kapital es verstanden, den Dienst der Eisenbahn-Schlaf- und Speisewagen und den Betrieb der Luxuszüge auf dem Festlande von Europa sowie im asiatischen Rußland allmählich fast ganz in die Hand zu bekommen… Ich glaube, mich in Übereinstimmung mit den Zielen der Reichspolitik zu befinden, wenn ich mir nach Ausbruch des Weltkrieges die Aufgabe setzte, den Einfluß der Internationalen Schlafwagen-Gesellschaft insoweit zu brechen, als er deutschen Interessen offensichtlich abträglich ist. Dabei hatte ich nicht nur die aus nationalen Gründen erwünschte Beseitigung dieser Gesellschaft im Inlande im Auge; vielmehr kam es mir in erster Linie darauf an, den Eisenbahnverkehr nach dem Balkan und darüber hinaus nach dem weiteren Orient, wo große Entwicklungsmöglichkeiten für die deutsche Wirtschaftspolitik liegen, dem französischen Einfluß zu entreißen.” Es ging also gar nicht in erster Linie um gekränkten Nationalstolz, sondern um handfeste wirtschaftliche Interessen und politische Einflußnahme. So wurde am 24. November 1916 unter der Federführung von Deutscher Bank und Dresdner Bank die MITROPA gegründet. Der Name, der sich hinter diesem Kürzel verbirgt, zeigt klar, wo die Reise im wahrsten Sinne des Wortes hingehen sollte: Die “Mitteleuropäische Schlafwagen- und Speisewagen AG”, so formulierte es der Präsident des Verwaltungsrats der Deutschen Reichsbahn, Werner von Siemens, Jahre später einmal treffend, “war eine Kriegsspekulation, sie geschah in der Annahme, daß der Krieg für die Mittelmächte günstig verlaufen würde, und sollte dann auf bestimmten Gebieten ein Gegengewicht für die früher unter französischem Einfluß stehende ISG darstellen.” Doch das Kriegsende machte alle Träume der MITROPA zunichte. Die ISG versuchte, die MITROPA nicht nur, endgültig aus dem internationalen Geschäft zu verdrängen, sondern pochte auch auf eine Wiedergründung ihres deutschen Ablegers, der DESG. Faktisch hätte dies zur Liquidierung der MITROPA geführt. Nur dank der engen Verzahnung mit einer englisch-kanadischen Gruppe konnte die MITROPA diese Durststrecke überstehen. 1925 einigten sich ISG und MITROPA schließlich darauf, “Streitigkeiten, die bezüglich des internationalen Verkehrs mit und durch Deutschland entstehen könnten”, zu vermeiden. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde von der Unternehmensleitung hoffnungsvoll begrüßt, glaubte man doch, wieder an die große Zeit im Ersten Weltkrieg anknüpfen zu können. Tatsächlich brachten die “Kraft durch Freude”-Fahrten sowie die Olympischen Spiele von 1936 einen erheblichen Aufschwung. So bediente die Gesellschaft wieder zahlreiche mitteleuropäische Strecken, im Krieg dehnte die MITROPA ihre Aktivitäten auf alle von der Wehrmacht besetzten Länder aus. Mit dem Kriegsende kam jedoch der erneute Zusammenbruch – und die Teilung des Unternehmens in die nun ostdeutsche MITROPA und die westdeutsche DSG (Deutsche Schlaf- und Speisewagen-Gesellschaft). Erstere weitete ihr Tätigkeitsfeld massiv aus. So betrieb sie unter anderem die Bahnhofsgaststätten und das Autobahn-Raststättennetz in der DDR, aber auch rund 20 Friseursalons und drei Wäschereien… Seit 1994 sind die beiden Speisewagen-Gesellschaften wieder unter dem Dach der MITROPA vereint. Das Unternehmen ist heute eine 100prozentige Tochter der Deutschen Bahn AG und beschäftigt derzeit rund 6000 Mitarbeiter.





