Sabine Weiß: Durch einen Roman des französischen Autors Jean-François Vilar. Er erzählt darin eine Geschichte, die im Pariser Palais Royal spielt. Dort hatte Madame Tussaud ihr Kabinett, und dort waren die Totenmasken der Hingerichteten zu sehen, die sie während der Französischen Revolution angefertigt haben soll. Ich kannte Madame Tussaud bis dahin nur als Marke, nicht als historische Person. Ich habe dann angefangen, mich mit ihrer Biographie zu befassen, und festgestellt, dass es damals sehr wenig darüber gab. Abgesehen von ihrer Autobiographie, die aber stark geschönt ist.
Sie hat sich die Mühe gemacht, ihre Erinnerungen zu schreiben?
Sie hatte einen Ghostwriter. Madame Tussaud war ein PR-Genie, bevor es überhaupt den Begriff gab. Wenn Sie später Besucher durch ihr Kabinett führte, sagte sie zum Beispiel: Hier sehen Sie Königin Marie Antoinette, bei der habe ich in Versailles neun Jahre am Hof verbracht. Stimmte aber nicht, in den Archiven von Versailles findet sich kein Hinweis. Ihre Biographin Gabrielle Wittkop meinte, dass frühe Kränkungen, die sie erfahren habe, in ihr das Bedürfnis geweckt hätten, sich selbst in umso glänzenderem Licht erscheinen zu lassen. So erklären sich wohl die Memoiren.
Was beeindruckt Sie an ihr?
Ihr Lebensweg, den sie trotz der Herkunft aus einem geächteten Milieu – der Großvater war Scharfrichter gewesen – erfolgreich meisterte und der sie in Kreise führte, wo sie mit gekrönten Häuptern zu tun hatte. Sie hat unbestreitbar sehr viel geleistet. Während der Französischen Revolution hatte ihr Wachsfigurenkabinett fast die Aktualität einer Zeitung. Es gab Karikaturen, in denen es hieß: Nach den jüngsten Ereignissen müssen wir die Köpfe der Figuren auswechseln. Sie hat sehr viele Widrigkeiten bewältigt: die Trennung von ihrem spielsüchtigen Mann, den unfreiwilligen Wechsel nach England. Sie wollte sich dort nur einige Monate aufhalten, konnte wegen der Kontinentalsperre aber nicht mehr zurück. Einer ihrer beiden Söhne blieb in Frankreich. Sie ist dann allein über 30 Jahre auf Tournee gewesen, in England, Irland und Schottland.
War sie erfolgreich?
Als sie in hohem Alter starb, besaß sie mittlerweile das Wachsfigurenkabinett in London und hatte dieses schon ihren Söhnen überschrieben. Das war eine bekannte Adresse, Madame Tussaud war berühmt. Ich nehme an, dass sie zuletzt sehr wohlhabend war.





