Die Deutung der Handlungen eines Herrschers – anders ausgedrückt, sein Nachleben – beginnt eigentlich schon zu seinen Lebzeiten. Am einflussreichsten für das spätere Urteil über Otto I. war sicherlich Widukind von Corvey. Er fasste den größten Teil seiner Chronik bereits um 968 ab und setzte dabei eigene Schwerpunkte.
Ein besonders auffälliges Beispiel ist dabei seine Haltung zu Ottos Kaisertum: Mit keinem Wort erwähnt der Chronist die Krönung in Rom 962. Für Widukind beginnt Ottos Kaisertum bereits mit dessen Ausrufung zum Imperator 955 auf dem Schlachtfeld bei Augsburg. Widukind ist allerdings der einzige zeitnahe Geschichtsschreiber, der diesen Akt überhaupt erwähnt. Vermutlich wollte er mit der Leugnung der Kaiserkrönung in Rom das enge Zusammengehen von Kaiser und Papst bei der Gründung des Erzbistums Magdeburg kritisieren, die er missbilligte.
Auch sieht Widukind in Otto vor allem den Höhepunkt der Geschichte seines eigenen Volkes, der Sachsen, und dessen Aufstieg: Die Kräfte der Franken seien zurückgegangen, die der Sachsen aber gewachsen, bis diese in den Augen des Chronisten zu weit gespannt worden seien. Für Ottos Machtvollkommenheit habe „nicht allein Germanien, Italien und Gallien, sondern fast ganz Europa nicht mehr genügt“. Mit dem Hinweis auf Europa bediente sich Widukind eines Begriffs, der zwar an das karolingische Großreich erinnerte, aber Ottos tatsächlichen Machtbereich offenließ.
Erbe Karls des Großen oder Gründer Deutschlands?
Otto selbst dürfte sich dagegen stärker in der Tradition Karls des Großen gesehen haben. Bei seinem ersten Italienzug nahm er bei seinem neuen Königstitel den großen Karolinger zum Vorbild und verfolgte bereits damals das Ziel, wie dieser zum Kaiser aufzusteigen. Der zweite Italienzug bestätigt dies mit der Absicht, wie Karl an einem Weihnachtstag zum Kaiser gekrönt zu werden. Am Ende war es der 2. Februar, also an Mariä Lichtmess, im Kirchenkalender der letzte Tag der Weihnachtszeit; damit blieb ein gewisser Bezug zum Fest der Geburt des Herrn gewahrt.
Aber auch wenn Otto selbst sich als Erbe des großen Karolingers verstand, die Welt hatte sich seit dessen Zeiten doch gewandelt. Das einstige Großreich ließ sich nicht wiederherstellen, und selbst Ottos Herrschaft über das Ostfrankenreich war immer wieder in Gefahr geraten. Das West- und das Ostfrankenreich entwickelten sich zudem immer weiter auseinander, und selbst in Italien war es schwer, die Herrschaft des Kaisers auf Dauer zur Geltung zu bringen.
Ungeachtet der Schwierigkeiten und Rückschläge, mit denen Otto zu kämpfen hatte, idealisierten kommende Generationen seine Herrschaft ganz wie die Karls des Großen. Für Thietmar von Merseburg (975–1018) begann mit Otto ein goldenes Zeitalter, und er vergleicht ihn mit dessen großem Vorgänger: „Seit Karl dem Großen hat auf dem Königsthron kein gleich bedeutender Regent und Schützer unseres Landes gesessen.“





