Das Interesse an der schillernden Gestalt Ludwigs II. von Bayern (1864–1886) scheint ungebrochen. Trotz einer inzwischen nahezu unüberschaubaren Fülle an Literatur läßt sie sich offenbar immer wieder um neue Facetten bereichern. Die auf einer Dissertation beruhende Studie von Christof Botzenhart mit dem Titel „Ein Schattenkönig ohne Macht will ich nicht sein …“ verspricht „eine grundlegende Korrektur des Bildes von Ludwig II.“ und behandelt die bislang meist nur peripher oder einseitig dargestellte 22jährige Regierungstätigkeit des exzentrischen Wittelsbachers. Basierend auf einer breiten Quellenauswertung, wird das Klischee des weltfremden, politisch desinteressierten Schöngeists widerlegt oder doch zumindest eingeschränkt. Tatsächlich widmete sich Ludwig den Regierungsgeschäften anfänglich mit großem Elan. Innen- wie außenpolitische Enttäuschungen bewirkten jedoch seinen allmählichen Rückzug aus der Öffentlichkeit. Bis zuletzt blieb er aber auch in entlegener Bergeinsamkeit gut informiert und erledigte die ihm vorge?legten Anträge gewissenhaft. Die ihm schließlich per Ferndiagnose attestierte Geisteskrankheit erscheint vor diesem Hintergrund erneut fragwürdig, wenngleich durchaus Anzeichen eines fortschreitenden Realitätsverlusts eingeräumt werden. Seine persönliche Entwicklung wird aber nicht unter medizinischen Aspekten, sondern analog zu politischen Ereignissen verfolgt. Entscheidend wirkte die Reichsgründung von 1871, bei der dem Bayernkönig die heikle Aufgabe zufiel, der in seinen Augen „räuberischen Hohenzollern-Bagage“ den Kaisertitel anzutragen und dabei möglichst die eigene Stellung zu wahren. Der dabei häufig angeführte Vorwurf der Bestechlichkeit wird durch jüngste Aktenfunde widerlegt; zumindest bestand kein direkter Zusammenhang zwischen dem „Kaiserbrief“ und den von Bismarck angewiesenen Zahlungen von – so die Meinung des Autors – „läppischen 300000 Mark“ im Jahr. Am Beispiel von Bischofsernennungen, Begnadigungen oder der Berufung der unter ihm amtierenden Kabinettssekretäre werden zudem die Eigenständigkeit Ludwigs und die Motive seiner mitunter widersprüchlich anmutenden Entscheidungen überzeugend dargestellt.
Rezension: Feldhahn, Ulrich





