… Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“ Dieses vor allem in den 1970er Jahren verbreitete Zitat Pastor Martin Niemöllers machte den kritischen Geistlichen in der bundesdeutschen und internationalen Öffentlichkeit als jemanden bekannt, der selbst Opfer war und aus der Zeit des Nationalsozialismus gelernt habe.
Der in Sheffield lehrende Historiker Benjamin Ziemann hat eine auf breiter archivischer Quellenforschung basierende, fundierte Biographie des streitbaren Kirchenmannes geschrieben, die dessen Bild deutlich differenziert und entmythologisiert. Der kaiserliche Marineoffizier und U-Boot-Kommandant Niemöller engagierte sich nach dem Ende des Ersten Weltkriegs als Freikorps-Kommandeur, da er die demokratische Regierung ablehnte. Während des Studiums der evangelischen Theologie in Münster wirkte er in völkischen Organisationen und der DNVP (Deutschnationale Volkspartei).
Zunächst arbeitete er als Vereinsgeistlicher in der Inneren Mission, seit 1931 war er Pastor in Berlin-Dahlem. Niemöller war Mitbegründer der „Bekennenden Kirche“ im „Dritten Reich“ Hitlers, das er politisch begrüßte. Sein Kampf gegen die Einführung des „Arierparagraphen“ in den evangelischen Landeskirchen bezog sich lediglich auf als „Nicht-Arier“ stigmatisierte Christen, nicht auf Juden selbst. Vielmehr prägte ihn auch nach 1945 noch eine tiefe gesellschaftlich-kulturelle Judenfeindschaft.
Niemöllers Bedeutung liegt darin, dass er die Positionen der „Bekennenden Kirche“ konsequent gegen innerkirchliche Kritiker wie gegen den nationalsozialistischen Staat verteidigte, auch als er durch seine öffentliche Kritik an der offiziellen Kirchenpolitik selbst in Gefahr geriet. Von 1938 bis 1945 war er als „persönlicher Gefangener Adolf Hitlers“ in den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Dachau inhaftiert. Als Kirchenpräsident in Hessen-Nassau von 1947 bis 1965 wurde Niemöller Pazifist und protestierte später gegen den NATO-Doppelbeschluss.
Erfreulicherweise arbeitete Ziemann auch die große Bedeutung von Niemöllers Frau Else heraus, die ihren Mann in seiner politischen und theologischen Arbeit unterstützte. Sie war es auch, die seine geplante Konversion zum Katholizismus verhinderte. Der Autor belegt überzeugend, dass das eingangs genannte Zitat Niemöllers eine Selbststilisierung darstellte. Niemöller schwieg nicht zur Verfolgung von Kommunisten und Sozialdemokraten, sondern bekämpfte beide Gruppen aktiv, indem er sie von der Kanzel als „gottlos“ und als Gegner des Christentums brandmarkte. Martin Niemöller kämpfte über fünf Jahrzehnte in und mit dem Protestantismus. Seine Biographie lässt die Brüche, Kontinuitäten und Widersprüche der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts überzeugend deutlich werden.





