Warum reiste ein Tapezierer aus Basel im frühen 19. Jahrhundert nach Paris? Und welche Eindrücke sammelte ein Handwerker wie er in der französischen Metropole? Antworten auf diese Fragen bietet Weitnauers Reisetagebuch, das der Historiker Kevin Heiniger ediert hat. Das Tagebuch vermittelt einen lebendigen Eindruck von der Reise eines mittelständischen Unternehmers im frühen 19. Jahrhundert.
Die Aufzeichnungen zeigen, dass Weitnauers Reise vor allem der beruflichen Weiterbildung und dem Knüpfen von Geschäftsbeziehungen diente. Außerdem ließ der junge Tapezierer sich inspirieren, denn die Stadt setzte, auch was Innenausstattungen von Wohnraum anging, Trends, wie Weitnauer begeistert festhielt: „Man findet daselbst alles mögliche u[n]d nach dem neusten Geschmack.“ Er traf sich mit örtlichen Tapezierern und erhielt Zugang zu Werkstätten von Herstellern von Textilien wie Zierbändern, Kordeln und Quasten. Zudem besuchte er Möbelläden, ein Geschäft für Seidenstoffe und eine Papierfabrik, die unter anderem Tapeten herstellte.
Aber natürlich tauchte auch Weitnauer in das kulturelle und gesellige Leben der Stadt ein. Er besuchte Kaffeehäuser und Theater, er besichtigte Sehenswürdigkeiten und Museen. Darüber hinaus interessierte er sich auch für soziale Einrichtungen wie das Hôtel des Invalides.
Immer wieder machen Weitnauers Aufzeichnungen deutlich, dass das Tagebuch dem jungen Handwerker auch als eine Art Rechenschaftsbericht gegenüber Gott diente. Es zeugt von seiner pietistisch-religiösen Grundhaltung und den damit zusammenhängenden moralischen Vorstellungen. Dem Pariser Nachtleben konnte der Basler folglich wenig abgewinnen. Die „französische Tugend“ hing ihm zufolge „an einem kleinen Faden“. Und die Prostituierten, die sich ihm mehrfach andienten, ließen ihn zu der Einschätzung kommen, dass in keiner anderen Stadt „die Ausschweifung so unterhalten“ werde wie in Paris.
Autorin: Anna Joisten





