Wer war Kaiser Friedrich III.? Die Frage wäre überflüssig, ginge es nach den Lehrbüchern, die dem Geschichtsunterricht an deutschen Schulen zugrunde gelegt werden. Trotz unterschiedlicher Konzeptionen sind sich die Schulbücher des letzten Jahrzehnts in einem Punkt einig: Friedrich III. ist unwichtig, und zu seiner Zeit geschah im deutschen Reich politisch nichts von Bedeutung. Allenfalls als typischer Hausmachtpolitiker des 15. Jahrhunderts wird der Habsburger beiläufig noch erwähnt.
Schulbuchautoren früherer Zeiten taten sich freilich nicht leichter. Wer vor einem Vierteljahrhundert deutschen Geschichtsunterricht genoß, wurde je nach Bundesland, Schultyp und Jahrgang mit recht unterschiedlichen Aussagen zu Friedrich III. konfrontiert. Galt dieser Herrscher einem Werk für die gymnasiale Oberstufe, das sich durch eine sorgfältige Darstellung der politischen Geschichte auszeichnete, als “bedächtiger und zäher Charakter”, der immerhin einige Erfolge erzielt habe, so befand ein Buch für die Realschule, er sei “von Natur aus schwerfällig und ohne Tatkraft” gewesen, habe “die Grenzen des Reichs” nicht zu schützen vermocht und sei “bald als des Heiligen Römischen Reiches Erzschlafmütze bezeichnet” worden. Auch damals schon gab es Bücher, die ganz ohne Friedrich III. auskamen und von Stadtkultur und Ostkolonisation gleich zu Friedrichs Sohn Maximilian I. (siehe DAMALS 8/2002) übergingen.
Osmanische Expansion, Hundertjähriger Krieg, Großreiche in Osteuropa: Stichpunkte, die stets auftauchen, sofern die Schulbücher politische Entwicklungen des 15. Jahrhunderts überhaupt thematisieren. Daß daneben Friedrich III. verschwindet, liegt gewiß nicht an dem Bestreben, eine Personalisierung zu vermeiden, finden sich doch Mehmed der Eroberer, Jeanne d’Arc und Iwan III. nach wie vor, während gleichzeitig in der deutschen Geschichte nur unpersönliche Größen wie “Städtebünde”, “Territorien” oder ein “Verfassungsdualismus” zu wirken scheinen. Ist Friedrich III. soviel unbedeutender als der Eroberer Konstantinopels, die Befreierin Frankreichs oder der Gründer des Moskauer Reichs? Der Grund liegt eher darin, daß er anders als die genannten Personen nicht zu einer nationalen Identifikationsfigur wurde.
Friedrich III. regierte über ein halbes Jahrhundert – länger, als die Menschen des Mittelalters im Durchschnitt lebten, am längsten von allen römisch-deutschen Königen. Trug seine Zeit nichts zu den Entwicklungen bei, die meist der Frühen Neuzeit zugeschrieben werden: religiöser Aufbruch, neue Staatlichkeit, technische Innovationen? Oder ist es nicht vielmehr so, daß dem Zwang zu exemplarischer Auswahl eine äußerst spannungsreiche, farbige Epoche geopfert wird – gerade deshalb, weil sie zu vielfältig ist, um auf wenige Hauptlinien reduziert zu werden?





