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Ein verlorenes Paradies
Okinawa, Teil eines kleinen Inselreichs, gelang es, sich als Drehscheibe des Handels zwischen China, Japan und Südostasien unentbehrlich zu machen. So kam die Insel zu Wohlstand und Ansehen. Westlichen Besuchern erschien Okinawa wie ein Paradies auf Erden. Doch am Ende des Zweiten Weltkriegs ging es in einem „Sturm…
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von FOLKER REICHERT
Basil Hall, Kommandant der Brigg „Lyra“, hatte den anspruchsvollen Auftrag erhalten, die Gewässer zwischen China und Korea zu erkunden. Eigentlich sollte er eine englische Gesandtschaft nach China begleiten. Aber da deren Weiterreise nach Peking und zurück nach Kanton auf dem Landweg erfolgte, wurde beschlossen, die gewonnene Zeit zur geographischen Exploration zu nutzen. Während die Gesandtschaft desaströs scheiterte, waren die Seeleute bemerkenswert erfolgreich.
Im September 1816 erreichten die „Lyra“ sowie ein weiteres Kriegsschiff die Insel Okinawa im Königreich Liuqiu, wie die Chinesen, oder Ryukyu, wie die Japaner es nannten. Dieses bestand aus einer Kette von Inseln und Inselchen, die im Süden nahe an das chinesische Taiwan heranreichten und im Norden in den japanischen Machtbereich übergingen. Okinawa ist mit etwas mehr als 100 Kilometern Länge und maximal 31 Kilometern Breite die größte von ihnen. Wahrscheinlich bedeutet ihr Name so viel wie die „Fischgründe eines Herrn“. Hall blieb mit seiner Mannschaft sechs Wochen auf Okinawa. Als er zwei Jahre später seine Erlebnisse in Buchform publizierte, konnte er nur Gutes von den Insulanern berichten: Sie seien hilfsbereit und freundlich, aufrichtig und ehrlich, sanft gegenüber ihren Kindern und gegen fremde Waren ganz gleichgültig; denn sie hätten nur geringe Bedürfnisse. Es gebe kein Geld, keinen Diebstahl, keine Krankheiten, weder Armut noch Mangel. Und: Man kenne dort keine Waffen, deshalb auch keinen Krieg. Als in den nächsten Jahren weitere Nachrichten ähnlichen Inhalts eintrafen und sogar in literarisch anspruchsvolle Form gegossen wurden, war das Stereotyp vom Inselparadies perfekt.
Napoleon lauscht gespannt den Berichten von den fernen Inseln
Auf dem Heimweg nach London machte die „Lyra“ halt auf Sankt Helena, einem der entlegensten Außenposten im britischen Weltreich. Dort lebte seit nun schon zwei Jahren Napoleon Bonaparte, der gestürzte Kaiser der Franzosen, und langweilte sich unendlich.
Basil Hall hatte Gelegenheit, mit dem Kaiser zu plaudern und ihm einen Nachmittag zu verkürzen. Gerne erzählte er ihm, was er bei den Bewohnern Okinawas erlebt hatte: Welche Tätigkeiten sie ausübten, welche Götter sie anbeteten, wie sie sich kleideten und wie sie mit ihren Frauen umgingen. Das alles interessierte den Kaiser. Nur eines nahm er dem Erzähler nicht ab: keine Waffen, keine Kanonen, keine Gewehre, nicht einmal Pfeil und Bogen – „wie kann man dann Krieg führen?“. Napoleon erweckte den Eindruck, als ob er ein Volk, das keine Kriege führte, für eine „monströse Anomalie“ hielt. 15 Jahre lang hatte er seine Armeen kreuz und quer durch Europa, nach Ägypten und Russland geführt. Dass irgendwo ein Volk lebte, das ohne dergleichen auskam, konnte und wollte er sich nicht vorstellen.
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Napoleon hatte recht und unrecht zugleich. Auch auf Okinawa wurden Kriege geführt. Allerdings lagen diese schon eine Weile zurück. Im 11. und 12. Jahrhundert bestand Ryukyu aus einer Vielzahl von adligen Herrschaften, die sich von ihren ummauerten Burgen (gusuku) aus heftig bekriegten. Mehr als 300 solche Herrensitze wurden bis heute identifiziert. Die früheste bildliche Darstellung vom Leben auf den Inseln, angefertigt von einem japanischen Besucher, zeigt eine Anzahl von Kriegern, die mit Speer und Schild aufeinander losgehen. Die vielen kleinen Herrschaften dezimierten sich gegenseitig, bis nur drei übrigblieben, die die Hauptinsel untereinander aufteilten: im Norden das Kleinkönigtum Hokuzan, in der Mitte Chuzan, im Süden Nanzan. In mehreren zu Großburgen ausgebauten Festungen erhält man einen Eindruck von der Intensität der Konflikte, die die Besitzer gegeneinander ausfochten. Als UNESCO-Welterbestätten gehören sie heute zu den herausragenden touristischen Attraktionen der Insel.
Dem Kleinkönig von Chuzan gelang es schließlich, sämtliche Rivalen und Widersacher zur Anerkennung seiner Oberherrschaft zu zwingen. Er musste nun nicht mehr in einer abgelegenen Bergfestung leben, sondern schuf sich mit dem Schloss Shuri beim heutigen Naha einen prächtigen Palast mit einem weitläufigen Garten und hielt dort Hof nach dem Vorbild der Kaiser in Peking. Die Herrschaft der von ihm begründeten Dynastie war so eindrucksvoll, dass die nächstfolgende deren Namen übernahm: 450 Jahre lang regierten die erste und die zweite Sho-Dynastie im Königreich Ryukyu (1407–1879).
Ryukyu blühte im 15. und noch im 16. Jahrhundert. Es nahm nämlich im überseeischen Handel zwischen Ost- und Südostasien eine bedeutende Stellung ein. Man spricht von der „maritimen Seidenstraße“ und meint damit ein Netz von Handelsrouten, auf denen der Austausch von Waren und Wissen zwischen China, Japan, Korea, Siam, Annam (Zentralvietnam) und den malaiischen Reichen stattfand.
Ryukyu hielt sich an China, sandte regelmäßig Tributgesandtschaften nach Peking und erhielt im Gegenzug bevorzugte Behandlung am Kaiserhof, Rückendeckung gegen seine Gegner und freie Hand auf den Märkten. Als das Reich der Mitte sich von den Meeren zurückzog und seinen Untertanen verbot, sich am überseeischen Handel zu beteiligen, sprangen Kaufleute aus Ryukyu bereitwillig als Vermittler ein. Sie wurden dadurch reich, die Könige bedeutend.
Im Schloss Shuri, gegenüber der Thronhalle, ließ König Sho Taikyu (1454–1460) eine mächtige Glocke aufhängen, 156 Zentimeter hoch und 720 Kilogramm schwer. Die umlaufende Inschrift preist die Taten dieses Königs und die Vorzüge seines Landes: Es sei eine „Brücke zwischen zahllosen Ländern“ (bankoku [no] shinryo), einer Insel der Unsterblichen gleich. Man könnte auch sagen: ein Paradies.
Der Handel mit Seide, Porzellan und ähnlich wertvollen Waren war so attraktiv, dass er die Begehrlichkeit anderer auf sich zog. Schmuggler und Piraten wurden zur Plage, und als die ersten portugiesischen Schiffe in Südostasien auftauchten, schwand der Vorsprung der Kaufleute aus Ryukyu zügig dahin. Portugal übernahm den Dreieckshandel zwischen China, Japan und Indien und trat in die Stellung ein, die einstmals Ryukyu ausgefüllt hatte.
Das kleine Inselreich hatte seine beste Zeit im 15. Jahrhundert gehabt, weil es mit den Nachbarn lieber Handel trieb als Kriege führte. Das heißt nicht, dass man in Ryukyu keine Waffen gebrauchte. Seine Könige waren keine Pazifisten. Aber sie wussten, dass man auf Kriege weitgehend verzichten und trotzdem erfolgreich sein konnte. Insofern hatte Napoleon unrecht.
Lavieren zwischen zwei mächtigen Nachbarn
Doch der Verzicht auf militärische Mittel rächte sich, als die Schutzmacht China schwach wurde und ein erstarktes Japan Ansprüche erhob, die auf Unterwerfung hinausliefen. Dem Angriff eines Samurai-Heers aus Satsuma in Südwestjapan hatte das Königreich nichts entgegenzusetzen. Die Übergabe des Residenzschlosses erfolgte fast kampflos, König Sho Nei wurde nach Edo (Tokio) gebracht und musste sich beugen. So geschehen im Jahr 1609.
Sho Neis Nachfolger bemühten sich, sämtliche Optionen offenzuhalten. Tributgesandtschaften reisten nach Edo, andere nach Peking. Ryukyus Könige versicherten beide Höfe ihrer Loyalität und gaben hier wie dort vor, treue Vasallen zu sein. Viel mehr sollte die jeweils andere Seite nicht wissen. Peking durfte nichts von den Verpflichtungen gegenüber Japan, Edo nichts von den Verbindungen zu China erfahren.
Es war ein seltsames Versteckspiel, das Ryukyu über lange Zeit trieb. Dabei lehnte man sich kulturell stärker als je zuvor an China an. Früher hatte das Reich der Mitte Einfluss, weil es als das Maß aller Dinge angesehen wurde. Jedes Familiengrab in Schildkrötenform, jede Zuckerrohrplantage, jede Nudelsuppe mit fettem Schweinefleisch erinnert daran. Für all das stand China Pate, nicht Japan. Nun aber sinisierte man sich aus politischem Kalkül. Die Nachahmung des chinesischen Vorbilds war Teil einer Überlebensstrategie. Man lavierte zwischen zwei übermächtigen Nachbarn und erhielt so wenigstens den Anschein von Unabhängigkeit aufrecht.
Das sah man in Edo natürlich ganz anders. Dort wurde Ryukyu als integraler Bestandteil des japanischen Herrschaftsraums betrachtet: steuerpflichtig, weisungsgebunden, theoretisch dem Tenno, tatsächlich dem Herrn von Satsuma und dieser dem Shogun unterstellt, der König ein Gefolgsmann. Allein militärische Lasten blieben seinem kleinen Reich erspart. Immer noch war es ein Land ohne militärische Ambitionen.
Lange begnügte sich Edo mit dem Status quo und bestand nicht auf einer vollständigen Umsetzung seiner Ansprüche. Das änderte sich, als Japan in Gefahr geriet, seine staatliche Unabhängigkeit an die Kolonialmächte des Westens zu verlieren. Zu den Reform- und Selbststärkungsmaßnahmen, die man mit dem Begriff „Meiji-Restauration“ umschreibt (1867/68), gehörte auch die Einrichtung eines modernen Staatswesens mit zentralen Institutionen, festem Staatsgebiet und genauen Grenzen. Im Norden sollten sie die Insel Hokkaido, im Süden Ryukyu einschließen.
Hier wie dort wurden neue Präfekturen gebildet, die der Zentralregierung in Tokio unterstanden. Die südliche erhielt den Namen der Hauptinsel Okinawa. Der letzte König wurde mit Sitz in Tokio, gutem Einkommen und einem schönen Titel abgefunden, sein Residenzschloss Shuri mit einer japanischen Garnison belegt. Im Jahr 1879 kam die eigenartige Geschichte des Königreichs Ryukyu an ihr Ende.
Als Sho Tai 1901 starb und in der Grablege der Könige beigesetzt wurde, gaben ihm seine einstigen Untertanen in großer Zahl das letzte Geleit. Es war der Nachhall einer anderen Zeit. Aus feudaler Abhängigkeit war territoriale Zugehörigkeit geworden. Über die Schicksale des Landes wurde nicht mehr in Shuri, sondern in Tokio entschieden.
Die Bevölkerung sah sich einerseits rigorosen Assimilierungsmaßnahmen, andererseits anhaltender Diskriminierung ausgesetzt und musste mittragen, was der japanische Nationalstaat von ihr verlangte. Dazu gehörte auch der Dienst mit der Waffe. Okinawa lernte den Krieg kennen und war den Folgen einer immer nationalistischeren Politik ausgeliefert – auf Gedeih und Verderb. Zu Letzterem kam es am Ende des Zweiten Weltkriegs.
Der Zweite Weltkrieg bringt Okinawa einen „Sturm aus Stahl“
Am Ostersonntag 1945 gingen seit 8.30 Uhr zuerst 16 000, bis zum Abend 60 000 US-amerikanische Soldaten an Okinawas Westküste an Land. Damit begann die letzte große Schlacht des Zweiten Weltkriegs, die blutigste im pazifischen Krieg. Sie dauerte drei Monate und endete mit einem völligen Desaster für Japan.
Seit Juni 1942 waren die japanischen Streitkräfte auf dem Rückzug und mussten Schritt für Schritt aufgeben, was sie scheinbar mühelos erobert hatten. Tinian, Saipan, Guam, Leyte, Luzon gingen verloren, schließlich – nach zähem Ringen – auch das Inselchen Iwojima, das zum eigentlichen japanischen Staatsgebiet gehörte.
Dem weiteren Vorrücken der US-Soldaten stand nur noch Okinawa im Weg. Tokio machte daher alle Reserven mobil, um die Eroberung der Insel zu verhindern: 76 000 reguläre Soldaten, 24 000 örtliche Hilfskräfte, Kamikaze-Flieger in großer Zahl, das letzte Schlachtschiff, das man besaß. Okinawa wurde geopfert, um die Hauptinseln Kyushu, Honshu und Shikoku zu schützen. Doch der Effekt war gering. Die Kamikaze-Flieger trafen selten in ihr Ziel, das Schlachtschiff „Yamato“ wurde von einem U-Boot aufgespürt und mit mehr als 3000 Mann versenkt.
Die schwersten Kämpfe fanden im dichtbesiedelten Süden statt, wo sich die Verteidiger tief in die Erde eingegraben hatten. Der Artilleriebeschuss war dort so heftig, dass er in Japan mit einem „Sturm aus Stahl“ verglichen wurde. Shuri, die einstige Residenz von Königen, wurde vom Meer aus mit spezieller Munition beschossen. Man brauchte 1500 Granaten, bis das Gemäuer zerbrach. Mit Flammenwerfern wurden die zahllosen Hohlräume, Gräben und Bunker einer nach dem anderen ausgeräuchert.
Die Zivilbevölkerung irrte orientierungslos zwischen den Fronten umher. Was von den japanischen Streitkräften übrigblieb, zog sich in den Südwesten Okinawas zurück. Der Oberbefehlshaber, Generalleutnant Ushijima Mitsuru, nahm sich in ritueller Form (seppuku) das Leben. Danach verebbten die Kämpfe allmählich.
In der Schlacht um Okinawa kamen mehr als 7000 Amerikaner und 240 000 Japaner, davon 140 000 Zivilisten, ums Leben. In Washington wurden Berechnungen angestellt, mit welchen Verlusten man bei einer Eroberung Kyushus, Honshus und Shikokus rechnen müsste. Das beeinflusste die Pläne für den Einsatz der Atombombe. Gleichzeitig wurden in Tokio die Stimmen lauter, die ein Ende des Krieges verlangten.
Nach dem Ende der Kämpfe waren weite Teile Okinawas verheert, das historische Zentrum lag in Trümmern. Wertvollste Kulturschätze und Dokumente waren unwiederbringlich verloren. Die bronzene Glocke mit der Inschrift, hier befinde sich eine „Brücke zwischen zahllosen Ländern“, wurde zwar wiedergefunden; aber an mehreren Stellen war sie durch Schüsse beschädigt und durch Feuer vollständig geschwärzt worden. Kein anderes Relikt bezeugt so eindrucksvoll den Untergang des alten Ryukyu. Was Basil Hall, dem Kommandanten der „Lyra“, im Jahr 1816 wie ein Paradies auf Erden erschienen war, hatte sich in eine riesige Schutthalde verwandelt.
Okinawa dient den USA weiterhin als Militärbasis
Okinawa litt noch lange unter den Folgen des Zweiten Weltkriegs. Als Japan mit den Vereinigten Staaten Frieden schloss, war Okinawa nicht davon betroffen. Die Besatzungsmacht blieb, um die Insel als „unsinkbaren Flugzeugträger“ zu nutzen (später etwa im Vietnam-Krieg). Vom Aufschwung der japanischen Wirtschaft in den 1950er und 1960er Jahren hatten die Menschen auf Okinawa gar nichts. Erst 1972 kamen die Inseln zu Japan zurück.
Was letztlich von der Besatzungszeit blieb, sind die Ryukyu-Universität, das erste historische Museum und eine Menge ökologischer Probleme, zudem einige kulinarische Spezialitäten, zum Beispiel takoraisu (Reis mit Tacos), Dosenfleisch „Spam“ und „Blue Seal Ice Cream“.
In Japan aber leben die alten Stereotypen, nun ins Negative gewendet, weiter: Die einheimische Bevölkerung sei unzuverlässig, gedankenlos, unpünktlich, in jedem Fall anders. Deren Verhältnis zu den Japanern bleibt so ambivalent wie das zu den Amerikanern, deren Militärbasen nach wie vor ein Fünftel der Fläche auf der Hauptinsel einnehmen.
Immerhin haben sich die wirtschaftlichen Grundlagen verändert. Der Tourismus spielt jetzt eine erhebliche Rolle. Die ganze Inselgruppe mit ihren weiten Stränden, einer üppigen Vegetation und einem subtropischen Klima taugt als Urlaubsparadies, vor allem für japanische und chinesische Besucher. Mit der alten Devise bankoku shinryo – „Brücke zwischen zahllosen Ländern“ wird um Kunden geworben. Aber Urlaubsparadiese sind keine wirklichen Paradiese, sondern Angebote der Tourismusindustrie. Wenn es hier jemals ein Paradies gab, dann ist es seit langer Zeit verloren.
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