Die kühne Architektur gewaltiger Königsburgen und großer, mehrstöckiger Palastanlagen, reich ausgestattete Kuppelgräber, weit ausgreifende Straßen- und Deichbauten sowie ein hochentwickeltes Handwerk und eine voll entfaltete Hofkunst sind charakteristisch für die frühgriechische Kultur. Und tatsächlich sind die berühmtesten Sagentraditionen der griechischen „Rückerinnerung“ räumlich untrennbar mit den prominenten Burg- und Palastzentren der mykenischen Kultur der zweiten Hälfte des 2. Jahrtausends v.Chr. verbunden: Die Kreise der großen Heldensagen reichen vom Schauplatz des südthessalischen Iolkos über Kalydon in Ätolien, Orchomenos in Nordwest-Böotien, Theben, Athen, Mykene/ Tiryns, Amyklai/Sparta bis nach Pylos in Messenien und zum geheimnisvollen Palast-„Labyrinth“ des kretischen Knossos. Ein ganz neuer und für die Vorstellung von einem „reinen“ Helden-Zeitalter durchaus befremdlicher Aspekt ergab sich jedoch, als in Knossos und später in Pylos umfangreiche Verwaltungsarchive mit Tontafeln gefunden wurden. Sie waren in der jüngeren kretischen „Linear B“-Schrift abgefaßt und jeweils erst in der Brandkatastrophe der Palastgebäude gehärtet worden. Dann entdeckte man kleinere „Linear B“-Textarchive in Mykene und zuletzt vor allem in der Burg von Theben; dagegen fehlen bislang im Bereich der Paläste von Orchomenos und Iolkos sowie in Lakonien noch Schriftzeugnisse. Im übrigen besteht der begründete Verdacht, daß die Überreste eines großen Tontafel-Archivs innerhalb der Königsburg von Mykene von Heinrich Schliemann unglücklicherweise verkannt und vernichtet wurden…
Ausstellungstip: Im Labyrinth des Minos Unter diesem Titel beschäftigt sich eine Sonderausstellung des Landesmuseums Karlsruhe noch bis zum 29. April 2001 mit Kreta – der ersten europäischen Hochkultur.
Prof. Dr. Gustav Adolf Lehmann





