Als ionische Griechen die Mündung des Flusses Kaystros in Besitz nahmen, fanden sie einen alten Kult vor. Um die hölzerne Statue der Göttin bauten sie über die Jahrhunderte mehrere Tempel – einer größer als der andere, bis ein Weltwunder entstanden war, das die ganze Mittelmeerwelt in Staunen versetzte.
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Der griechische Geschichtsschreiber Strabon (um 63 v. Chr. – nach 23 n. Chr.) berichtet, dass in mythischer Vorzeit Androklos, Sohn des athenischen Königs Kodros, Attika verließ, über die Ägäis segelte und sich anschickte, in Kleinasien ein neues Königreich zu errichten. Er landete an der Mündung des Flusses Kaystros (Kleiner Mäander) und machte sich daran, die einheimische Bevölkerung, bestehend aus Karern und Lelegern, zu unterwerfen. Seine Krieger vertrieben die Bewohner einer Hügelsiedlung – wohl auch, weil Androklos jedwede Konkurrenz für sein eigenes Siedlungsprojekt beseitigen wollte. Eine weitere Siedlung, nicht in den Hügeln, sondern an einer Bucht gelegen, war allerdings vor den Griechen sicher. Dem antiken Reiseschriftsteller Pausanias (um 115 – um 180) zufolge erachteten die Griechen diese Siedlung als unangreifbar, da sich dort ein Heiligtum der anatolischen Göttermutter Kybele befand.
Der Kult war schon alt, und viele griechische Gelehrte späterer Jahrhunderte sahen in den mythischen Amazonen seine Gründerinnen. Mittelpunkt des Kultes war eine hölzerne Statue der Göttin, die bei der Ankunft der Griechen vermutlich noch unter freiem Himmel aufbewahrt wurde, etwa bei einer großen Zeder. Androklos und die Seinen sahen in der Muttergöttin die griechische Göttin Artemis, die Herrin der Tiere und der Jagd. So wandelte sich der einheimische Kult. Es begann die Ära der Artemis Ephesia.
Im 7. Jahrhundert v. Chr. entsteht der erste Tempel für die heilige Statue
Unter den Nachfolgern des Androklos wurde im frühen 7. Jahrhundert v. Chr. ein Tempel für die alte Holzstatue gebaut – das erste Artemision von Ephesos in einer Reihe von insgesamt fünf Tempeln, die einer nach dem anderen an derselben Stelle entstanden. Dieser erste Artemis-Tempel war noch klein: Er maß 13,5 mal 6,5 Meter und war von einer Peristasis (Säulenkranz) umschlossen. Der Tempel lag im Überschwemmungsgebiet des Flusses, der immer wieder über die Ufer trat. Daher musste er um 640/620 v. Chr. grundlegend umgebaut werden. Um 600 v. Chr. wurde auch dieser zweite Tempel bereits ersetzt – diesmal mit einem deutlich größeren Gebäude, das rund 33 Meter lang und über 16 Meter breit war.
Der Kult um die hölzerne Statue und die Artemis Ephesia war ebenfalls gewachsen und hatte seinen Einfluss weit über die Grenzen der Stadt ausgedehnt. Die griechischen Phoker brachten ihn bis auf die Iberische Halbinsel. Dabei blieb er untrennbar mit Ephesos, der Stadt seiner Herkunft, verbunden. Die Bürger von Ephesos entwickelten eine besondere Bindung zu Artemis. Der Artemis-Kult berührte jeden Aspekt des Lebens in Ephesos.
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Doch es war die überregionale Bedeutung des Tempels, die nun Begehrlichkeiten weckte: Der Lyderkönig Krösus (griechisch Kroisos, um 560 – 546 v. Chr.) kontrollierte bereits den Großteil der kleinasiatischen Küste, mit Ausnahme von Ephesos. Im Gegensatz zum Apollon-Tempel von Didyma oder zum Hera-Tempel von Samos war der ArtemisTempel von Ephesos das einzige bedeutende griechische Heiligtum in seiner Reichweite. Es in sein Territorium einzugliedern war politisch von großem Wert. Und so kam es, dass König Krösus 560 v. Chr. gegen Ephesos zog.
In Ephesos herrschte sein Neffe, König Pindaros, der versuchte, Krösus’ Vorhaben zu vereiteln, indem er zwischen der Stadtmauer und dem außerhalb gelegenen Artemision ein etwa 1300 Meter langes Seil spannen ließ. So machte er die Stadt zum Bestandteil des heiligen Bezirks und damit unangreifbar – eine Maßnahme, die Krösus respektierte.
Trotzdem gelang es dem mächtigen Lyderkönig schließlich, seinen Neffen zur Aufgabe der Stadt zu bewegen. Kampflos nahm er Ephesos ein und veranlasste wenig später, die Stadt zu verlegen. Die Bevölkerung sollte sich nun um den Artemis-Tempel herum ansiedeln.
Natürlich stand das Artemision im Zentrum von Krösus’ Interesse an Ephesos. Der dritte Tempel war bereits ein beeindruckendes Gebäude, doch Krösus reichte das nicht; er ließ ihn durch einen vierten ersetzen. 120 Jahre sollte es dauern, bis dieses neue Artemision letztlich fertiggestellt wurde, und es geriet so kolossal, prunkvoll und technisch meisterhaft, dass es bald als eines der sieben Weltwunder berühmt wurde. Es hatte eine Länge von über 103 Metern (das entspricht der durchschnittlichen Länge heutiger Fußballfelder) und war rund 50 Meter breit. Der Bau bestand gänzlich aus Marmor; Reliefs schmückten ein Drittel der über 100 Säulen, jede von ihnen 18 bis 19 Meter hoch; zwei Säulenkränze umschlossen den Tempel (genannt Dipteros).
Dem ohnehin bereits äußerst einflussreichen ArtemisKult gab der Neubau einen enormen Schub, der überdies mit einem beachtlichen Wirtschaftswachstum einherging. Der Stolz der Bevölkerung brachte eine Artemis-Verehrung hervor, die an Monotheismus grenzte.
Krösus konnte sich nicht lange seiner Herrschaft über das Artemision erfreuen. Die Perser unter König Kyros dem Großen (um 559 – 530 v. Chr.) zerschlugen sein Reich und nahmen 541 v. Chr. auch Ephesos in Besitz. Der Stadt und seinem Heiligtum schadete das nicht – man arrangierte sich mit den neuen Herrschern, selbst während der späteren Perserkriege in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts v. Chr.
Im Geburtsjahr Alexanders des Großen brennt das Artemision nieder
Zu einem einschneidenden Ereignis kam es, wie der griechische Gelehrte Plutarch (um 45 – 125) berichtet, im Jahr 356 v. Chr.: Das Artemision wurde durch einen Brand zerstört. Laut Plutarch habe Artemis die Zerstörung ihres Heiligtums nicht verhindern können, da sie an diesem Tag anderweitig beschäftigt war – sie soll der makedonischen Königsgattin Olympias bei der Geburt ihres Sohns Alexander geholfen haben, der später „der Große“ genannt wurde und der die Perser schließlich niederrang.
Wie es zu dem verheerenden Brand kam, ist unklar. Der Überlieferung zufolge legte ein Verrückter das Feuer, um der Nachwelt in Erinnerung zu bleiben. Moderne Historiker bezweifeln allerdings, dass ein Einzeltäter zu so etwas in der Lage gewesen sein könnte. Es gibt die Vermutung, dass die Priester selbst ihren Tempel niederbrannten – vielleicht weil ihnen bewusst war, dass das Artemision unaufhaltsam im sumpfigen Boden versank und dass ein Neubau mit einem höheren Fundament nötig war. Was auch immer der Grund für den Brand war, die Verzweiflung der Ephesier war groß, und Plutarch überliefert, dass ephesische Magier in dem Brand das Vorzeichen noch größeren Unheils sahen.
Der Wiederaufbau des Weltwunders begann mit persischer Hilfe. Die Bürger von Ephesos spendeten großzügig, um dem Objekt ihres Stolzes zu neuem Glanz zu verhelfen. Als allerdings Alexander der Große Jahre später auf seinem Feldzug gegen die Perser in Ephesos ankam und anbot, von nun an die Finanzierung der Bauarbeiten zu übernehmen, erhielt er die höfliche Antwort, es sei nicht angebracht, dass ein Gott den Tempelbau eines anderen Gottes bezahle. Alexanders Einfluss auf das Heiligtum sollte nicht zu groß werden.
Der fünfte Tempel stand dem niedergebrannten vierten in nichts nach. Das neue Artemision galt nach wie vor als Weltwunder. Antipatros von Sidon erklärte sogar, es sei
allen anderen Weltwundern überlegen: „Anschauen durfte ich mir des ragenden Babylons Mauern, / die man mit Wagen befährt, dann den alpheischen Zeus, / auch die Hängenden Gärten und den Koloß des Helios, / die Pyramiden, ein Werk, mächtig zur Höhe gereckt, / und das gewaltige Grabmal des Mausolos. Aber der Tempel, / der sich in Wolken verliert, heilig der Artemis, ließ / alles andre verblassen. Ich sprach: ,Vom Olymp abgesehen, hat Gott Helios solch Wunderwerk niemals erblickt‘!“ (Übersetzung: Kai Brodersen).
Um die Prachtentfaltung des neuen Bauwerks noch zu erhöhen, hatte man um den Tempel herum prächtige Gärten angelegt und Skulpturen aufgestellt, darunter eine große Artemis-Statue vor dem Eingangsportal. Goldene und silberne Vasen, Gemälde und purpurne, mit Gold bestickte Vorhänge schmückten das Innere des Artemisions. Überall standen Statuen des berühmten Bildhauers Praxiteles.
Aus der ganzen bekannten Welt kamen Besucher, um das Wunder zu sehen und um Artemis zu huldigen. Vor dem Tempel fertigten Handwerker Miniaturtempel als Souvenirs an. Die Bewohner von Ephesos mussten indes – wie schon zu Krösus’ Zeiten – ihre Häuser verlassen und eine neue Stadt aufbauen: König Lysimachos (305–281 v. Chr.), einer der Nachfolger
Alexanders, verlegte die Stadt ein weiteres Mal, wohl auch, um Ephesos wieder zu einer wichtigen Hafenstadt zu machen. Der Kaystros führte so viel Sand mit sich, dass die Küste sich über die Jahrhunderte immer weiter von der Stadt entfernt hatte. Die neue Siedlung bekam eine neun Kilometer lange Stadtmauer, später auch ein großes Theater und ein Stadion.
Als die Römer die Macht in Ephesos übernahmen, stand der Stadt ein wechselvolles Schicksal bevor: Von römischen Geschäftsleuten ausgepresst, ging Ephesos, wie viele andere griechische Städte der Region, ein Bündnis mit Roms Feind König Mithridates VI. von Pontos (um 120 – 63 v. Chr.) ein. Bei einem gewaltigen Blutbad, das als „Vesper von Ephesos“ in die Geschichte einging, wurden in Ephesos und anderen Städten bis zu 80 000 Römer und Italiker getötet. Die Strafe durch Sulla und seine Legionäre war hart. Jahrzehntelang war Ephesos einer restriktiven Politik Roms ausgesetzt.
Spätestens mit dem Beginn des Kaiserreichs änderte sich das allerdings wieder spürbar: Unter Oktavian wurde Ephesos zur Hauptstadt der Provinz Asia und somit zum wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Zentrum der ganzen Region. Während der Herrschaft Kaiser Domitians wurde schließlich auch ein Kaisertempel erbaut – ein ehrfurchtgebietendes Symbol der flavischen Herrschaft, aber keineswegs eine Konkurrenz für die Artemis Ephesia.
Während sich der Artemis-Kult im ganzen Römischen Reich ausbreitete, sahen die Ephesier Artemis als „ihre“ Göttin. Sie waren überzeugt, dass sie als Beschützer der Göttin und ihres Tempels besonders privilegiert und gesegnet seien, und sie glaubten, dass sich die Ehrerbietung, welche ihrer Göttin dargebracht wurde, grundlegend auf ihr Leben auswirkte.
Mit Prozessionen wird der Göttin gehuldigt
Dreimal im Jahr gab es große Feste zu Ehren der Artemis. In Prozessionen zogen die Bürger dann durch ihre Stadt. Dabei führten sie Fackeln und Räucherwerk mit – ebenso wie die Artemis-Figur aus dem Tempel. In der römischen Kaiserzeit war dies noch immer eine Holzstatue aus den Anfängen des Kults. Aufgrund ihres hohen Alters und wohl auch durch die regelmäßige Pflege mit Nardenöl war diese so stark geschwärzt, dass man längst nicht mehr mit Sicherheit sagen konnte, aus welchem Holz sie bestand.
Vor der Umsiedlung unter Lysimachos verlief die Prozession kreuz und quer durch die ganze Stadt, von einem Artemis-Altar zum nächsten und zu den Grabmälern jenseits der Stadt. Im neu errichteten Ephesos führten die Prozessionen vom Artemision zur Stadt und wieder zurück. Hymnen stiegen zum Nachthimmel auf. Der römische Gelehrte Plinius der Ältere (23/24 –79) zeigte sich überwältigt von der Pracht der Prozessionen; er schrieb, das Gemälde des Künstlers Apelles, auf dem ein ebensolcher Umzug zu sehen sei, gehöre zu den schönsten Kunstwerken der Welt.
Im Lauf der Jahrhunderte sammelte sich im Artemision ein immenses Vermögen. Dieses wuchs nicht nur durch die Spenden der Pilger und der stolzen Ephesier, sondern auch infolge der Tatsache, dass der Tempel als Bank fungierte. Die Bürger von Ephesos, ebenso wie wohlhabende Fremde und sogar Könige und Regierungen aus der ganzen Mittelmeerwelt, legten ihr Vermögen im Artemision an, wo der wachsende Schatz nicht nur gehütet, sondern auch für den Geldverleih genutzt wurde. Das Prestige des Weltwunders vermittelte jedem das Gefühl, das eigene Ersparte sei hinter den marmornen Mauern gut aufgehoben. So stieg der Tempel zur wichtigsten Bank der Region auf.
Dazu kam, dass der Tempel über beträchtlichen Landbesitz verfügte. Zu Zeiten Kaiser Trajans waren es 200 bis 300 Quadratkilometer, von denen der Großteil schon seit Jahrhunderten im Tempelbesitz war. Zum Artemision gehörten Bauernhöfe, Weiden und Weinberge. Der Landbesitz entlang dem Kaystros warf zusätzliche Profite durch den Verkauf von Fischereilizenzen ab.
Den Hütern der Artemis wird ein Sonderstatus gewährt
Und schließlich prägte der Tempel seine eigenen Münzen. Auf diesen tauchten verschiedene Motive auf: Neben der Biene, die für Ephesos stand, und Abbildungen der Herrscher von Lysimachos bis zu den römischen Kaisern waren stets Artemis-Symbole, der Tempel oder die
Artemis-Statue zu sehen. Selbstbewusstsein und Reichtum verstärkten einander. Und über Jahrhunderte konnten sich die Ephesier sicher sein, dass niemand Hand an den Tempel und seine Reichtümer legen würde. Lyder, Perser und Makedonen akzeptierten, dass das Artemision unantastbar war.
Als die römische Republik in den letzten Zügen lag und der Bürgerkrieg das Reich erschütterte, wäre es zweimal fast zu einer Plünderung des Tempels gekommen, doch mit dem Beginn des Kaiserreichs kehrte wieder Ruhe ein – eine Ruhe, die bis zum Jahr 262 anhielt.
Fünfeinhalb Jahrhunderte nach seiner Erbauung brachte ein Erdbeben das letzte Artemision zum Einsturz. Als sich der Staub gelegt hatte, fielen die Goten in Ephesos ein und plünderten die Ruinen. Mit diesem doppelten Donnerschlag begann der Niedergang der Artemis Ephesia. Diesmal gab es keine Renaissance. Das Christentum breitete sich aus und drängte den
alten Kult in den Hintergrund – eine Entwicklung, die im Jahr 401 zum Abschluss kam, als Johannes Chrysostomos, der Patriarch von Konstantinopel, Ephesos besuchte: Er ließ die uralte Artemis-Statue aus dem Tempel entfernen und verbrennen. Die Geschichte eines Kults, der bis in die Bronzezeit zurückreichte, war damit zu Ende.
Das Artemision diente von nun an als Steinbruch. Einige Stücke wurden noch ein Jahrhundert später von Kaiser Justinian (527–565) nach Konstantinopel gebracht, um als Baumaterial für den ambitionierten Neubau der Hagia Sophia zu dienen.
Ephesos hatte seine glorreichen Tage zu diesem Zeitpunkt längst hinter sich. Während der Spätantike blieb die Stadt dennoch von Bedeutung: Sie war Bischofssitz und eine Pilgerstätte, da man annahm, Maria und der Apostel Johannes hätten nach der Kreuzigung Jesu in Ephesos gelebt. Im Anschluss an das Konzil von Ephesos im Jahr 431 n. Chr., bei dem Maria als „Maria Theotokos“ (Maria, die Gottesgebärerin) bezeichnet wurde, stieg Ephesos zum Zentrum der Marienverehrung auf. Die Kirche öffnete sich damit einer Verehrung der „Göttermutter“, die das Christentum nie hatte verdrängen können. Die anatolische Kybele und die aus ihr entstandene Artemis Ephesia lebten so in Maria weiter.
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