Grundsätzlich überzeugend, wirft der Autor den Vertretern des „Appeasement“ eine gravierende Fehleinschätzung der radikalen Expansionspolitik Adolf Hitlers vor. Schockiert von den Opfern des Ersten Weltkriegs und besorgt über die schädlichen Auswirkungen des Versailler Vertrags, schlug die britische Regierung nach der NS-„Machtergreifung“ vollends eine Politik der Konzessionen ein. Die Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht (1935) und die Besetzung des entmilitarisierten Rheinlandes (1936) wurden deshalb hingenommen. Chamberlain erhob auch gegen den „Anschluss“ Österreichs (März 1938) lediglich offiziell Protest, und er stimmte der Annexion des Sudetenlandes im Münchner Abkommen vom 30. September 1938 zu.
Erst als der Einmarsch der deutschen Wehrmacht in die „Rest-Tschechei“ am 15. März 1939 Hitlers Versicherung, dass es ihm ausschließlich um die staatliche Vereinigung aller Deutschen ginge, als Lüge entlarvte, gewannen die Gegner des „Appeasement“, vor allem Winston Churchill, an Einfluss auf die britische Politik. Das Buch schließt mit dem Sturz Chamberlains am 8./9. Mai 1940 und der Entscheidung des neuen Premierministers Churchill zur Fortsetzung des Krieges gegen das nationalsozialistische Deutschland Ende Mai.
Bouveries Darstellung beschränkt sich weitgehend auf die handelnden Personen. Dieses Verfahren ist grundsätzlich gerechtfertigt und sorgt durchweg für eine unterhaltsame Lektüre. So wird Horace Wilson, dem Berater Chamberlains, „ein Gesicht wie ein Hecht“ zugeschrieben. Demgegenüber behandelt der Autor gesellschaftliche Bewegungen wie den lange durchaus populären Pazifismus allenfalls beiläufig. Auch zum Schwinden der finanziellen Ressourcen Großbritanniens und zur gleichzeitigen Bedrohung von dessen imperialer Herrschaft auf dem europäischen Kontinent, im Mittelmehr und in Ostasien finden sich nur wenige Bemerkungen.
Alle diese Rahmenbedingungen beeinflussten aber die Rüstungspolitik, und sie begünstigten das „Appeasement“. Insofern ist Bouveries personenorientierte Perspektive letztlich verkürzend.
Rezension: Prof. Dr. Arnd Bauerkämper
Tim Bouverie
Mit Hitler reden
Der Weg vom Appeasement zum Zweiten Weltkrieg
Rowohlt Verlag, Hamburg 2021, 704 Seiten, € 28,–





