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Eine frühe „Global City“
Hamburg ist mit seinen etwa 1,9 Millionen Einwohnern die zweitgrößte Stadt Deutschlands. Entstanden vor mehr als einem Jahrtausend aus bescheidenen Anfängen, ist es ein bedeutendes Einfallstor nicht nur für Handelsgüter, sondern auch für Wissen und Kultur aus allen Ländern der Welt geworden. Mittlerweile haben die weltgrößten Containerschiffe das Erbe der Hansekoggen angetreten.
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Wie aus dem Nichts tauchten die viereckigen Segel der Wikingerschiffe vor dem mächtigen Ringwall an der Alster auf. Es blieb keine Zeit, sich vor dem Angriff der Nordmänner in Sicherheit zu bringen. Mit Müh und Not gelang dem Missionsbischof Ansgar die Flucht, „sogar ohne seine Kutte“, wie der zeitgenössische Chronist bemerkt. Immerhin hatte er die kostbaren Reliquien der Heiligen Sixtus und Sinnitius dabei. Als Trauma blieb der Wikinger-Überfall von 845 im Gedächtnis des Geistlichen haften, so dass er später den Sitz seines Bistums von der Hammaburg ins sichere Bremen verlagerte.
Hamburg hat sich im Lauf seiner 1200-jährigen Geschichte immer wieder neu erfunden – manchmal als Ergebnis von Gewalt und unvermittelt wie im Jahr 845, oft indes langsam und kaum bemerkt. Nicht von ungefähr soll der einstige Direktor der Hamburger Kunsthalle, Alfred Lichtwark (1852–1914), einmal den Begriff der „Freien und Abrissstadt Hamburg“ geprägt haben. Wer heute die an Alster und Elbe gelegene Millionenstadt mit der modernen Hafencity und den repräsentativen Flaniermeilen an Jungfernstieg oder Neuem Wall besucht, wird sich kaum die bescheidenen Anfänge ausmalen können.
Das älteste Hamburg entstand nicht direkt an der Elbe, sondern an ihrem in Holstein entspringenden Nebenfluss Alster. Kurz vor ihrer Mündung beschreibt die Alster eine langgezogene Schleife, die einer Siedlung von drei Seiten her Schutz bot. Der von jener Schleife am Ostufer beinahe vollständig umfasste Geländesporn bestand aus trockenem, leicht erhöhtem Grund und bot Schiffen mit seinem zum Wasser abfallenden Ufer hervorragende Anlegemöglichkeiten. An der Westspitze gab es zudem eine Furt, über die vermutlich ein sehr alter Landhandelsweg verlief. Hier lag die legendäre Hammaburg als die Keimzelle der späteren Stadt. Die Bezeichnung ham stammt aus dem Altsächsischen und benennt vermutlich eine umzäunte Wiese. Die „Hammaburg“ stellte also die „Burg auf der Wiese“ dar, einen Ort auf trockenem, gut begehbarem Grund.
Der legendären Hammaburg gesellt sich ein Handelsplatz hinzu
Lange Zeit waren die Ursprünge Hamburgs nur aus spärlichen schriftlichen Quellen bekannt. Erst die Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges erlaubten archäologische Untersuchungen in der dichtbebauten Innenstadt. Im Dezember 1949 gelang dem Archäologen Reinhard Schindler ein spektakulärer Fund im Bereich des heutigen Domplatzes: Er konnte eine frühmittelalterliche, aus Holz und Erde errichtete runde Befestigungsanlage aus der Zeit nach 800 teilweise freilegen. Die legendäre Burg aus der schriftlichen Überlieferung hatte endlich ihr tatsächlich existierendes Pendant in der Landschaft gefunden.
Die Bewohner der karolingischen Hammaburg waren gleichwohl nicht die ersten Hamburger, denn bereits vor dem beginnenden 9. Jahrhundert lebten Menschen im Bereich der Alsterschleife. So trat bei Ausgrabungen in den 1980er Jahren am selben Ort ein weiterer, leicht ovaler Ringgraben zutage, der eindeutig bereits dem 8. Jahrhundert zuzuordnen ist. Die spärlichen Funde weisen auf einen slawischen Kultureinfluss hin, obwohl die Anlage heute eher als spätsächsischer Herrenhof interpretiert wird. Mit ihm gründete sich eine Siedlungskontinuität von mittlerweile mehr als zwölf Jahrhunderten. Damit ist Hamburg deutlich älter als alle anderen Städte Norddeutschlands.
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Als der spätsächsische Herrenhof noch existierte, waren die Truppen Karls des Großen bereits dabei, in den blutigen Sachsenkriegen das Karolingerreich weit nach Norden auszudehnen. 804 war die Elbe überschritten. Zur Sicherung der Eroberungen entstanden mehrere fränkische Burganlagen, darunter auch um 820, nach dem Tod Karls des Großen, die Hammaburg. Die Bebauung dürfte anfangs aus wenigen strohgedeckten Lehmhütten bestanden haben, wuchs aber bald. Denn einige Zeit später wurde die Anlage durch einen größeren Ringwall ersetzt. Außerhalb der Burg entstand ein kleiner Handelsplatz mit Schiffsanlegeplätzen. 834 ließ sich der Missionsbischof Ansgar an der Alsterschleife nieder, wobei seine hölzerne Kirche bis heute nicht lokalisiert werden konnte.
Nur wenige historische Ereignisse treten schlaglichtartig aus dem Dunkel einer eher quellenarmen Zeit hervor, zum Beispiel dieses: Papst Benedikt V. war nur einen Monat im Amt gewesen, ehe er 964 von Kaiser Otto I. abgesetzt wurde. Die Tatsache, dass der hohe Geistliche gerade nach Hamburg ins Exil geschickt wurde, deutet darauf hin, dass der Ort etwa anderthalb Jahrhunderte nach seiner Gründung nicht mehr ganz unbedeutend war. Benedikt starb nach nur kurzer Zeit, und seine Gebeine wurden später nach Rom gebracht. Gleichwohl bewahrten die Hamburgerinnen und Hamburger das Gedenken an den glücklosen Oberhirten; um 1300 wurde im Dom ein Kenotaph – ein Leergrab – errichtet, von dem ebenfalls 1949 unverhofft einige Fragmente auftauchten.
Mittlerweile unterstand die Burg dem sächsischen Adelsgeschlecht der Billunger, die namens des Kaisers den deutschen Nordosten verwalteten. Bald reichte der in der Hammaburg vorhandene Raum endgültig nicht mehr aus. Sie wurde vollständig aufgegeben, und zwischen 1025 und 1050 entstand mit dem sogenannten Heidenwall eine etwa 300 Meter lange Sperranlage, die den gesamten Geländesporn von dem benachbarten Land im Osten abriegelte. Erst jetzt konnte aus der fränkischen Burganlage mit der vorgelagerten Siedlung ein einheitlicher Stadtraum erwachsen.
Anstelle von Ansgars hölzernem Gotteshaus entstand ein steinerner Dom auf dem nun allein der Kirche gehörenden ehemaligen Hammaburg-Gelände. Es ist vermutlich jener Mariendom, der wohl auch im Hamburger Stadtwappen abgebildet ist. Lange Zeit schwelte ein Interessenkonflikt zwischen weltlicher Macht und jener sogenannten Dom-Immunität, den die Bewohner Hamburgs erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts lösten, indem sie die alte gotische Kirche kurzerhand abrissen. Der Nachfolgebau der neben dem Dom errichteten ersten städtischen Kirche, der St.-Petri-Kirche, existiert bis heute.
Nordseehafen Lübecks und Bollwerk gegen Dänemark
Allmählich trennten sich geistliche und weltliche Macht räumlich; die Repräsentanten der weltlichen Herrscher zogen auf das gegenüberliegende Alsterufer. Der nach neuesten archäologischen Kenntnissen direkte Ersatz für die aufgegebene Hammaburg stellte nun die sogenannte Neue Burg westlich der Alsterschleife dar. Nach deren Niederlegung gründeten die Nachfolger der Billunger-Herzöge an derselben Stelle eine komplette Neustadt rund um die St.-Nikolai-Kirche. Immer näher rückte der Alsterhafen an die Elbe heran; und eine immer größere Bedeutung nahm der Fernhandel ein. 1189 soll kein Geringerer als Kaiser Friedrich Barbarossa der Neustadt in einer Urkunde weitreichende Handelsprivilegien zugesichert haben. Schon längst als spätere Fälschung entlarvt, dient das Dokument immer noch als willkommener Anlass, alljährlich Anfang Mai den Hafengeburtstag zu feiern.
Anfangs zwei voneinander rechtlich unabhängige Städte, wuchsen bischöfliche Altstadt und gräfliche Neustadt zusammen. Gemeinsame Institutionen bildeten sich heraus, und ein gemeinsames Rathaus entstand direkt an der alten Alsterfurt. Der Aufstieg des benachbarten Lübeck zum wichtigsten Handelszentrum im Ostseeraum begünstigte den Warenumschlag weiter. Die Mitgliedschaft in der Hanse machte aus Hamburg nicht nur das Ausfalltor Lübecks in Richtung Nordsee, sondern schützte gleichzeitig vor den Machtambitionen des Nachbarn Dänemark.
Die Inbesitznahme von Ländereien in Holstein und Lauenburg diente der Sicherung des bedeutenden Handelswegs zwischen den beiden Hansestädten, der Erwerb wichtiger kaiserlicher Privilegien sicherte die Macht auch auf der Elbe. Als Hansestadt wurde Hamburg zu einem zentralen Umschlagplatz für Getreide. Aus Island kamen Fisch und über Westeuropa Wein, wertvolle Tuche sowie die Kostbarkeiten des Orients. Neben dem Fernhandel entwickelte sich ein eigenes städtisches Gewerbe – und das Hamburger Bier, gebraut mit Wasser aus den offenen städtischen Fließgewässern, galt stets als besonders würzig. Hamburg wuchs zum sprichwörtlichen „Brauhaus der Hanse“ heran. Seit den 1240er Jahren staute ein Damm die schmale Alster, lieferte Energie für eine Mühle und schuf erst jetzt die heutige Gestalt des zu einem See aufgestauten Flusses.
Der Wohlstand des aufstrebenden Gemeinwesens weckte Begehrlichkeiten. In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts war kaum mehr zwischen unorganisiertem Seeräuberunwesen und landesherrlicher Freibeuterei zu trennen. Auch wenn letztlich unklar ist, ob der legendäre Klaus Störtebeker tatsächlich je gelebt hat, stellten die sogenannten Likedeeler (niederdeutsch: „Gleichteiler“) als Seeräuber doch eine stete Bedrohung dar, gegen die sich die Hamburger schließlich erfolgreich mit militärischen Mitteln zur Wehr setzten.
Entstehender Welthandel: Hamburg sticht die Konkurrenz aus
Zur selben Zeit, als sich in Deutschland die Reformation ausbreitete und auch Hamburg schließlich lutherisch wurde, verlagerten sich die globalen Handelsrouten. Hatten bis dahin Ostsee und Mittelmeer die Zentren des maritimen Warenaustausches gebildet, so strebten im 16. Jahrhundert die Spanier und Portugiesen nach neuen Welten. Allmählich richtete sich die gesamte europäische Wirtschaft in Richtung der Weltmeere aus. Lübeck hatte mit seiner Lage an der Ostsee das Nachsehen, während sich für Hamburg der direkte Zugang zu Nordsee und Atlantik als große Chance erwies. Die Stadt trat aus dem Schatten Lübecks heraus und stieg zur eigenständigen Handelsmetropole auf, die ein weites mittelosteuropäisches Hinterland mit Gütern aus aller Welt versorgte.
Neue Gewerbe siedelten sich an. Zum traditionellen Bierbrauen kam etwa die Zuckerbäckerei hinzu. Walfänger brachen Jahr für Jahr nach Spitzbergen oder in die Grönlandsee auf, und das aus dem heimgebrachten Tran gewonnene Öl diente auch den ersten Straßenlaternen als Brennstoff. Der durch die Anbindung an die atlantischen Märkte hervorgerufene wirtschaftliche Aufbruch sorgte für ein bis dahin nie dagewesenes Bevölkerungswachstum, das sich nicht zuletzt aus dem Zuzug reformierter oder jüdischer Glaubensflüchtlinge aus West- und Südeuropa speiste. Diese brachten nicht nur Kapital mit, sondern auch Know-how und Handelskontakte. Bis 1700 war die Bevölkerung Hamburgs innerhalb eines Jahrhunderts von etwa 16 000 auf 55 000 angestiegen.
Nur zu gern hätte um 1600 der benachbarte dänische König Christian IV. durch wirtschaftlichen Druck oder militärische Drohgebärden einen Teil des Reichtums abgeschöpft. Zum großen Glück für die Stadt wurde nur wenige Jahre vor Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges mit dem Bau einer gewaltigen Befestigungsanlage begonnen, die sich auch heute noch im Verlauf der Wallanlagen widerspiegelt und Binnen- von Außenalster trennt. Die vom niederländischen Festungsbaumeister Johan van Valckenburgh geschaffene, durch Bastionen geschützte Wall-Graben-Anlage bewahrte die Stadt fortan nicht nur vor den dänischen Ambitionen oder den Unwägbarkeiten von Kriegen, sondern bot der Gründung eines ganz neuen Stadtviertels Raum: der im Westen gelegenen Neustadt (nicht zu verwechseln mit der ersten, gräflichen Neustadt) und dem neuen Kirchspiel St. Michaelis.
Mit wachsendem Wohlstand veränderte sich auch das architektonische Gesicht. Zwar blieb Hamburg bis weit ins 19. Jahrhundert hinein in weiten Zügen eine Fachwerkstadt, doch setzten sich nun allenthalben auch massive Bauten im Stil des Barock durch. Deren Auftraggeber waren nicht nur wohlhabende Privatkaufleute, sondern auch die Kirche und die Stadt selbst. Zwischen 1751 und 1762 erbauten Johann Leonhard Prey und Ernst Georg Sonnin die zuvor durch Blitzschlag eingeäscherte St.-Michaelis-Kirche in der Neustadt komplett neu auf. Bis heute stellt der – allerdings nach einem weiteren Feuer im Jahr 1906 wiederum originalgetreu errichtete – Turm des „Michel“ das weithin von der Elbe aus sichtbare Wahrzeichen der Stadt dar.
Dem wirtschaftlichen und architektonischen Aufbruch stand eine vergleichsweise altertümliche Verfassung gegenüber. Während die im Rat repräsentierte, von Großkaufleuten dominierte städtische Elite die Politik bestimmte, hatte die vom städtischen Gewerbe dominierte Bürgerschaft das Nachsehen. Ein sich verschärfender Interessengegensatz entlud sich um 1700 in teils blutigen Konflikten. Erst der sogenannte Hauptrezess sorgte 1712 mit einer neuen Verfassungsordnung dafür, dass der Rest des Jahrhunderts vergleichsweise gewaltfrei ablief.
Auf dem Weg zur Reichsunmittelbarkeit
Gegen den unaufhaltsamen Aufstieg zur Handelsmetropole konnte der Nachbar Dänemark, zu dem seit langem auch Schleswig-Holstein gehörte, nicht viel ausrichten. Die im Westen direkt an Hamburg grenzende holsteinische Stadt Altona war zwar einer der größten Handelsplätze der dänischen Monarchie mit einer Fülle weltweiter Kontakte, konnte es aber niemals ernsthaft mit dem mächtigen Nachbarn aufnehmen. Auch das als Retortenstadt 1617 von Christian IV. am Unterlauf der Elbe gegründete Glückstadt stellte allenfalls einen kleinen Stachel im Fleisch der Hamburger Wirtschaft dar.
Lange Zeit unklar blieb die territoriale Zugehörigkeit. Selbstbewusst grüßen heute die Ortsschilder mit „Freie und Hansestadt Hamburg“ den Ankommenden. War die Stadt aber wirklich so frei, wie es Hamburgerinnen und Hamburger gemeinhin glaubten? Nach dänischer Interpretation gehörte das Stadtgebiet nicht ganz unzutreffend zu Holstein. Die Hamburger behaupteten hingegen, dass sie seit den Zeiten Karls des Großen reichsunmittelbar seien und allein der deutsche Kaiser im fernen Wien der Oberherr sei.
1768 ergab sich die Möglichkeit, die Lage zu klären: Einmal mehr befand sich der Staat Dänemark in Zahlungsschwierigkeiten und hatte dabei große Schulden auch in Hamburg angehäuft. Der dänische Finanzminister Heinrich Carl Schimmelmann bot der Stadt die endgültige dänische Anerkennung der Reichsunmittelbarkeit gegen einen Schuldenerlass an. Der daraufhin ausgehandelte „Gottorper Vergleich“ regelte nicht nur diesen Ausgleich, sondern bescherte der Stadt zudem einen territorialen Zugewinn. So erhielt sie einige inmitten des Elbstroms gelegene, zu Holstein gehörende Inseln. Damals konnte sicherlich niemand ahnen, dass sich gerade diese Inseln einmal zum Filetstück des Welthafens Hamburg entwickeln würden. Heute liegen dort die großen Containerterminals mit ihrem gewaltigen globalen Warenumschlag.
Zentrum der Aufklärung und Anziehungspunkt für Kulturschaffende
Eine eigene Universität erhielt Hamburg erst nach dem Ersten Weltkrieg. Das bedeutet indes nicht, dass es in der Stadt zuvor kein wissenschaftliches Leben gegeben hätte. Im Gegenteil, seit 1613 stellte das Akademische Gymnasium einen Wissensstandort ersten Ranges dar, an dem herausragende Gelehrte wie Joachim Jungius (1587–1657) oder Barthold Hinrich Brockes (1680–1747) lehrten. Der Wohlstand lockte Kulturschaffende an die Elbe, die Hamburg zu einem wichtigen Zentrum der Literatur und Musik im Norden machten. Georg Friedrich Händel (1685–1759) verdiente hier ebenso seine ersten Sporen, wie Jahrzehnte später Georg Philipp Telemann (1681–1767) mit seinen Tafelmusiken für die musikalische Umrahmung bürgerlich-distinguierter Lebenskultur sorgte.
Dass gleichwohl die traditionelle Lehrmeinung der lutherischen Kirche trotz aller Offenheit im Zeitalter der Aufklärung immer noch eine gewichtige Stimme besaß, sollten andererseits der Gymnasialprofessor Hermann Samuel Reimarus (1694–1768) und auch Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781) zu spüren bekommen. Lessings Hoffnung auf ein großes Schauspielhaus realisierte sich ebenfalls nicht: „Der süße Traum, ein Nationaltheater hier in Hamburg zu gründen, ist schon wieder verschwunden: und so viel ich diesen Ort nun habe kennen lernen, dürfte er auch wohl gerade der sein, wo ein solcher Traum am spätesten in Erfüllung gehen wird.“ Resigniert musste der Dichter feststellen, dass den Hanseaten trotz allem immer noch das Geldverdienen wichtiger war als die Kultur.
Bald wurde das wohlhabende Hamburg von französischen Revolutionsflüchtlingen geradezu überschwemmt. Am Ende überrollten die nachfolgenden napoleonischen Kriege die Elbmetropole. An einem Pfeiler das Langhauses der St.-Petri-Kirche hängt heute ein 1817 von Siegfried Bendixen geschaffenes Bild, das an die furchtbaren Weihnachtstage von 1813 erinnert. Schon längst hatte das französische Kaiserreich seinen Einfluss weit in den Norden hinein ausgedehnt. Hamburg war 1806 von französischen Truppen besetzt worden, und der Schmuggel mit dem benachbarten Altona blühte. 1811 wurde Hamburg in das französische Kaiserreich eingegliedert, der „Code civil“ ersetzte das alte Stadtrecht. Es begann aber auch eine Zeit der Unterdrückung, des Hungers, der Zerstörung und Vertreibung. Erst unter dem Druck des drohenden Untergangs des französischen Reiches wurden 1814 die Besatzungstruppen aus der Stadt vertrieben.
Nach dem Großbrand von 1842 entsteht die Stadt neu – moderner und großzügiger
Mit dem Ende der Napoleonischen Zeit konnte die Stadt, nunmehr Mitglied des Deutschen Bundes, an die alte Handelstradition anknüpfen. Allerdings blieb Hamburg nicht von verheerenden Katastrophen verschont, mit denen weithin bebaute Gebiete in Schutt und Asche versanken. Anfang Mai 1842 weiteten heftiger Südwind und trockene Witterung ein kleines Feuer zu einem flächenhaften Stadtbrand aus. Trotz der Sprengung ganzer Häuserzeilen fiel ein großer Teil der Innenstadt den Flammen zum Opfer. Im Feuer gingen auch bedeutende Bestände des historischen Stadtarchivs und damit ein wichtiges Element des öffentlichen Gedächtnisses verloren. Vom Brand überschattet, hielt in denselben Maitagen aber beinahe unbemerkt auch modernste Technik Einzug. Die Passagiere, die die Hamburg-Bergedorfer Bahn auf 16 Kilometern Länge als erste nördlich der Elbe gebaute Eisenbahn beförderte, waren aber keine Ehrengäste, sondern Feuerwehrleute. Wenige Jahre später zog sich das eiserne Band von Bergedorf aus südostwärts bis nach Berlin.
Die Stadt wurde nach dem großen Brand moderner und großzügiger wiederaufgebaut. Von dem architektonischen Neubeginn zeugen noch einige wenige Bürgerhäuser, vor allem aber die von Alexis de Chateauneuf (1799–1853) geschaffenen Alsterarkaden und die neogotisch wiederaufgebaute Petrikirche. Die Gründung des Deutschen Reiches 1871 beschleunigte den städtebaulichen Aufbruch weiter. Als Kompensation für den Verlust traditioneller Freihandelsrechte wurde Hamburg 1888 das Recht zugesprochen, einen Freihafen zu gründen. Hier durften für Großhandel und Export bestimmte Waren zollfrei gelagert und umgeschlagen werden. Auf der südlich des Zentrums gelegenen Brook-Insel entstand dafür bis zum Vorabend des Ersten Weltkrieges die backsteinerne Speicherstadt, für die rund 20 000 Menschen umgesiedelt werden mussten.
Erst 2013 wurde der Freihafen wieder aufgehoben; Zäune und Kontrollstellen fielen, während nach wie vor die Möglichkeit des zollfreien Umschlags bestehen blieb. Seitdem hat das Leben in der Speicherstadt sein Gesicht verändert: Während nach wie vor Gewürze, Kaffee, Tee oder Teppiche umgeschlagen werden, kann der Besucher hier aber ebenso die größte Modellbahnanlage Europas bewundern oder durch eine neuentstandene Museumslandschaft schlendern.
Neben dem Im- und Export über die Speicherstadt stellte das Auswanderergeschäft eine wichtige Säule der Hafenwirtschaft dar. Unter dem Zepter des dänischstämmigen Albert Ballin entwickelte sich die „Hamburg-Amerikanische Paketfahrt-Aktiengesellschaft“ (HAPAG) zu einer der weltweit größten Reedereien, die nicht nur Auswandererpassagen nach Amerika, sondern auch luxuriöse Kreuzfahrten mit modernen Schraubendampfern ins Mittelmeer anbot.
Noch lebte ein Großteil der ärmeren Stadtbevölkerung in den berüchtigten, genauso feuchten wie ungesunden Gängevierteln, in die weder Sonnenlicht noch Wärme drangen. Noch schöpfte ein Großteil der Bevölkerung sein Trinkwasser aus den offenen Gewässern. So war es geradezu unvermeidlich, dass 1892 mit einer Cholera-Epidemie eine der verheerendsten Seuchen mit Tausenden von Todesopfern wütete.
Die damit letztlich erzwungene städtebauliche Modernisierung führte zu einer Verdrängung breiter Bevölkerungsschichten aus dem Zentrum und zur Entstehung neuer Stadtviertel in der Peripherie. Während die wohlhabenderen Schichten fortan in den modischen, in den Bauformen des Jugendstils errichteten zentrumsnahen Vierteln wohnten, lebte eine immer breitere Arbeiterschicht in neugebauten Vororten nördlich und östlich davon.
Um die Wende zum 20. Jahrhundert setzte Hamburg den Rathausneubau und modernste Infrastrukturprojekte um, die weit über den Hafen hinausreichten und bis heute im Stadtbild sichtbar sind: 1905 machte etwa die Eröffnung des Hauptbahnhofs mehrere bis dahin existierende, unwirtschaftliche Kopfbahnhöfe überflüssig. Heute längst zu klein und nicht selten überfüllt, ist er immer noch ein eindrückliches Zeugnis einer bewegten Epoche.
Zur selben Zeit entstand auf dem Grund einstiger Gängeviertel mit der Mönckebergstraße ein neues, sandsteinernes Geschäftszentrum. Nur wenige Jahre später folgte nach dem Vorbild Chicagos eine der wichtigsten Innovationen, welche die damalige Welt zu bieten hatte – eine elektrisch betriebene Hochbahn. Erstmals konnten die Menschen auch durch einen Elbtunnel den nördlichen Hauptarm des Flusses unterqueren. Das kulturelle Leben manifestierte sich in prestigeträchtigen Projekten wie der Musikhalle oder dem Völkerkundemuseum. Letzteres war gleichzeitig ein Schaukasten der brutalen deutschen Kolonialherrschaft, die sich auch in Form von Denkmälern oder den „Völkerschauen“ in Hagenbecks Tierpark äußerte und ein problematisches Erbe hinterließ. Erst in jüngster Zeit wird dieses aufgearbeitet.
Am Vorabend des Ersten Weltkrieges war Hamburg erstmals Millionenmetropole. Der Kriegsausbruch traf die Stadt hart, denn wie kaum ein anderer Ort war Hamburg vom Überseehandel abhängig, der praktisch von einem Tag auf den anderen zusammenbrach. Wirtschaftliche Not und Streiks förderten ein beträchtliches Unruhepotential zutage.
Der Weg in den NS-Staat endet mit fast völliger Zerstörung
Kriegsende und Revolution führten wie in anderen Städten auch zur Demokratisierung des politischen Lebens. Hatte die Arbeiterschaft schon zuvor längst die Mehrheit unter der Bevölkerung dargestellt, war sie bislang von der politischen Mitbestimmung komplett ausgeschlossen geblieben. Nun gewannen die Sozialdemokraten die Mehrheit in der Bürgerschaft, dem städtischen Parlament. Jene setzten die neugewonnene Macht behutsam ein und suchten stets einen Ausgleich mit den alten gesellschaftlichen Eliten – ein Merkmal, das die hamburgische Politik bis in die Gegenwart prägt. Vom neuen demokratischen Geist war auch die Bildungspolitik geprägt. Unter dem parteilosen Ersten Bürgermeister Werner von Melle gründete sich 1919 erstmals überhaupt eine Universität in der Stadt.
Wirtschaftliche Not, Inflation und gesellschaftliche Desintegration gingen gleichwohl in der Zeit der Weimarer Republik auch an Hamburg nicht spurlos vorüber. Zwar konnte 1923 ein kommunistischer Putschversuch unter Ernst Thälmann abgewehrt werden, doch bedrohte der allmähliche Aufstieg der NSDAP das demokratische Leben schließlich existentiell. Der Konflikt zwischen Nationalsozialisten, Kommunisten und der Polizei führte 1932 am berüchtigten „Blutsonntag“ im benachbarten Altona zu mehr als 300 Verletzten und 18 Toten. Ein Jahr später stellte die NSDAP in Hamburg die stärkste Bürgerschaftsfraktion.
Die politische Radikalisierung darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich Hamburg in der Zeit der Weimarer Republik mit modernen, kühnen Bauvorhaben einmal mehr erneuerte. Die sandsteinerne Architektur der Kaiserzeit wich einem neuen, schlichten wie klassischen Backstein-Expressionismus. Dieser ist untrennbar mit den Namen Fritz Schumacher, Oberbaudirektor, und Fritz Höger, dem Schöpfer des Chilehauses im Kontorhausviertel, verbunden. Vor allem aber entstand in den Stadtteilen Barmbek, Groß Borstel und Langenhorn in großem Umfang Wohnraum für eine immer breitere Arbeiter- und Angestelltenschaft. Aus den anfänglichen Luftschiffhallen entwickelte sich der Flughafen Fuhlsbüttel.
Längst war das Hamburger Territorium zu klein geworden. Im Norden lagen einzelne zur Stadt gehörende Ortschaften als Enklaven inmitten Holsteins. Im Westen befand sich das ebenfalls zu Holstein gehörende Altona, während ein kleines Stück jenseits der Norderelbe das Hannover’sche Gebiet begann. Bereits in der Zeit der Weimarer Republik hatten die Stadtväter unter dem Einfluss Schumachers einen territorialen Ausgleich angedacht, auf dessen Grundlage Hamburg gleichmäßig strahlenförmig in unterschiedliche Himmelsrichtungen hätte weiter expandieren können. Aber erst während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft führte das am Ende doch sehr überraschend erlassene „Groß-Hamburg-Gesetz“ zu einer beträchtlichen Erweiterung. Die ehemals selbständigen Städte Altona, Wandsbek und Harburg wurden 1937 kurzerhand in das städtische Gebiet integriert.
Wie im übrigen Deutschland auch, setzten sich die Nationalsozialisten nach der Machtübernahme schnell und brutal durch. Gewaltsam brachten SA und SS bereits im März 1933 das Rathaus und die städtische Polizei unter ihre Kontrolle. Ein neuer, von der NSDAP dominierter Senat nahm die Arbeit auf. Kommunisten wurden, wie bald auch Sozialdemokraten und Gewerkschaftsvertreter, verfolgt und entmachtet; die Straßen wurden zur Aufmarschbühne der neuen Machthaber. 1940 entstand im Osten das Konzentrationslager Neuengamme.
Die seit dem 17. Jahrhundert bestehende jüdische Gemeinschaft hatte die meisten Opfer zu beklagen. Lebten Anfang der 1930er Jahre etwa 23 000 Juden in der Stadt, so hatten bei Kriegsende nur 647 von ihnen Verfolgung, Deportation und Holocaust überlebt.
Bald kehrte der vom nationalsozialistischen Deutschland ausgegangene Krieg mit brutaler Macht ins eigene Land zurück. Anfangs hielten sich die Bombenschäden in Grenzen, doch seit 1942 fielen immer mehr Stadtteile in Schutt und Asche. Förmlich apokalyptische Tage erlebte die Elbmetropole im sogenannten Feuersturm: Vom 24./25. Juli bis zum 3. August 1943 flogen britische und amerikanische Bomber insgesamt sieben Angriffswellen über die Stadt. Zum zweiten Mal seit 1842 fielen den Flammen nicht nur weite Stadtgebiete, sondern auch kostbare Kulturgüter und Archivalien zum Opfer. Rund 40 000 Menschen starben in dem Inferno.
Hamburg behauptet sich als Metropole des Nordens
Ganze Viertel gerade im Osten waren bei Kriegsende zerstört; die Hälfte des einst verfügbaren Wohnraums existierte nicht mehr, und viel historische Bausubstanz war für immer verloren. Die dem Kriegsende folgenden Winter waren extrem kalt; Heizstoffe und Nahrungsmittel blieben auf Jahre hinaus für die durch Flüchtlinge stark anwachsende Bevölkerung knapp.
Umso bemerkenswerter gestaltete sich der baldige Wiederaufbau im Stil der 1950er Jahre unter dem Ersten Bürgermeister Max Brauer (1946–1953; 1957–1960). Bereits dessen Antrittsrede weckte Hoffnung: „Gewiss, Hamburg liegt in Trümmern. Es blutet aus 1000 ungeschlossenen Wunden. Doch wer von Ihnen liebte dieses Hamburg heute nicht glühender als je zuvor, heißer als in jenen Tagen, als es in Glanz und Blüte stand!“ Allenthalben sind die Zeugnisse dieser Zeit heute im Stadtbild erkennbar – gleich ob in Form eines schmucklosen Wohn- oder Bürogebäudes oder aber in Gestalt wahrhafter architektonischer Meisterwerke wie der Hamburgischen Staatsoper oder dem kleinen Bücherpavillon in der Rothenbaumchaussee.
Bald schon regte sich in der zur britischen Besatzungszone gehörenden und seit 1949 als eigenes Bundesland bestehenden Stadt wieder politisches und kulturelles Leben. Demokratische Parteien gründeten sich erneut, von der Rothenbaumchaussee aus sendete der Nordwestdeutsche Rundfunk. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ und das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ ließen sich in der Stadt nieder.
Inmitten des wirtschaftlichen Booms türmten sich aber auch bedrohliche Wolken auf. Das Jahr 1962 machte nicht allein durch die „Spiegel-Affäre“ Schlagzeilen, sondern in noch größerem Maß durch die verheerende Sturmflut vom 17. Februar. Diese kostete viele Menschen auf den niedrig gelegenen Elbinseln das Leben. Dabei konnte der damalige Innensenator und spätere Bundeskanzler Helmut Schmidt durch beherztes Katastrophenmanagement noch Schlimmeres verhindern.
Nur wenige Wochen später gastierte im soeben eröffneten „Star Club“ eine damals kaum bekannte Band aus Liverpool: die „Beatles“. Seit der zweiten Hälfte der 1960er Jahre sorgten wiederum studentische Proteste, später die Auseinandersetzungen um alternative Wohnformen in der Hafenstraße sowie der Konflikt um Atomenergie für politischen Sprengstoff. Hamburg bleibt gelegentlich ein unruhiges Pflaster. Zuletzt wurde dies anlässlich des „G 20“-Gipfels im Juli 2017 deutlich: Die Bilder linksautonomer, vermummter Aktivisten, die im Schanzenviertel teils äußerst gewalttätig gegen das Treffen protestierten, gingen um die Welt.
Ungeachtet dessen setzte sich der wirtschaftliche Aufschwung der Nachkriegszeit weiter fort. Mit stetig wachsenden Containerterminals, der schließlich zu Beginn des 21. Jahrhunderts entstandenen neuen Hafencity, Musicals und der majestätisch am Ufer der Elbe wachenden Elbphilharmonie behauptet sich Hamburg wie eh und je als wirtschaftliches und kulturelles Zentrum weit über Norddeutschland hinaus.
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