Der europäische Kolonialismus weckt Assoziationen von Frem-de und Exotik, “edlen Wilden” und kühnen Entdeckern. Er regt die Phantasie der Leser an wie kaum ein zweites Thema der eu-ropäischen Geschichte der Neuzeit. Wohl auch deshalb erschei-nen alle paar Jahre populäre Kolonialgeschichten und Entdek-kerlexika auf dem deutschen Buchmarkt, die sich jedoch bei nä-herem Hinsehen oftmals als Neuauflagen alter Ausgaben erwei-sen und so eher zur Tradierung alter Klischees und Vorstellungen als zur Verbreitung von neuen Ergebnisse der historischen Wissenschaft dienen. Deshalb ist es besonders erfreulich, daß nun ein anerkannter Fachmann für Kolonialgeschichte, der Münsteraner Historiker Horst Gründer, seinerseits eine populäre Darstellung der euro-päischen Expansion seit ihren Anfängen im Mittelalter vorlegt. Vorzüglich bebildert und mit zahlreichen Karten versehen, ist es ein Werk so richtig zum Schmökern geworden. Der Leser kann sich aber nicht nur die Ferne träumen; da Gründer den For-schungsstand kennt, wird man zugleich sachkundig informiert. So erfährt man zum Beispiel etwas von den mittelalterlichen Kontakten zwischen Europa auf der einen und Afrika und Asien auf der anderen Seite, über die russische Aneignung Sibiriens, über die technischen Voraussetzungen der Reisen oder über Tropenmedizin. Kurze, gut lesbare Hinweise auf aktuelle Theo-rien und Diskussionen runden den Band ab. Eine idealisierende und romantisierende Verklärung der Koloni-algeschichte vermeidet Gründer: Er weist auf die Gewalt und die Opfer der spanischen und englischen Eroberung Amerikas eben-so hin wie auf die Greuel der europäischen Kolonialherrschaft in Afrika. Leider endet das Buch etwas abrupt kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Dabei hätte man sich ebenso fundierte Informationen wie über den Aufbau auch über die Auflösung der Kolonialreiche gewünscht.
Rezension: Zimmerer, Jürgen





