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Eine schwierige Kindheit
Nach dem Wunsch seiner Eltern, des Kronprinzen Friedrich Wilhelm und seiner englischen Frau Victoria, hätte der spätere Kaiser Wilhelm II. ein liberaler, weltoffener Herrscher werden sollen. Aber es kam anders, denn der unsichere und impulsive Junge orientierte sich zunehmend an preußisch-militaristischen Idealen.…
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Als sich Eduard Martin, der Leiter der Entbindungsanstalt der Berliner Charité, am Morgen des 27. Januar 1859 auf den Weg zur Universität machte, wurde er auf der Straße vor seiner Wohnung in der Dorotheenstraße von einem herbeigestürzten Lakaien abgefangen. Der Professor möge sich eilends in das Kronprinzenpalais begeben. Hier lag Prinzessin Victoria, die junge Gattin des Prinzen Friedrich Wilhelm, seit Stunden in den Wehen. Eine Untersuchung durch den Leibarzt des Prinzenpaares hatte am Morgen ergeben, dass der Fötus sich in der Steißlage befand. Eine komplizierte Entbindung stand zu befürchten.
Was folgte, war eine unerhört schwierige Geburt, bei der das Überleben von Mutter und Kind auf Messers Schneide stand. Martin gelang es, das Baby im Geburtskanal der inzwischen vollends narkotisierten Prinzessin zu drehen. Dabei musste, wie der Gynäkologe später berichtete, der nach oben gestreckte linke Arm des Knaben „nicht ohne erhebliche Anstrengung“ nach unten geführt werden. Doch mit der Entbindung war der Schrecken noch nicht vorüber, denn das Neugeborene schien leblos. Da griff die Hebamme Stahl resolut ein und bearbeitete den Jungen „bald sanfter, bald stärker, klapp, klapp, klapp“, bis ein schwacher Schrei zu hören war. Sie hatte, wie sie später schrieb, den Prinzen „vom Grabe gerettet, für das er bestimmt war“.
Bei der Drehung des Babys im Geburtskanal werden Nervenbahnen beschädigt
Die Dankbarkeit gegenüber Eduard Martin, dessen ärztlicher Kunst man das Überleben des Kindes zuschrieb, war zunächst groß. Königin Victoria (1837–1901), die Großmutter des Knaben, schenkte ihm einen Ring; die preußische Krone schmückte ihn mit einem Orden. Doch all das sollte sich ändern, als die Geburtsschäden offenbar wurden, die der junge Prinz Friedrich Wilhelm Viktor Albert – der spätere Kaiser Wilhelm II. – erlitten hatte: Bei der gewaltsamen Drehung des Fötus wurden vermutlich Nervenbahnen im Hals beschädigt, die eine lebenslange Lähmung und Verkrüppelung des linken Armes zur Folge hatten. Es kann zudem nicht ausgeschlossen werden, dass die Verminderung der Blutzufuhr während der Geburt eine leichtgradige Hirnschädigung zur Folge hatte.
Je deutlicher es wurde, was für Auswirkungen das auf den Körper und die Wesensart des künftigen Kaisers haben sollte, desto schärfer wurde Martin verurteilt. Während Prinzessin Victoria ihrer Mutter klagte, dass ihr „in der Obhut eines aufgeklärten englischen Arztes“ all dieser Kummer erspart geblieben wäre, kam Wilhelm II. später zu der irrigen Annahme, der in Heidelberg geborene Martin sei Engländer gewesen: „Ein englischer Arzt tötete meinen Vater, und ein englischer Arzt verkrüppelte meinen Arm – und das ist die Schuld meiner Mutter, die keine Deutschen um sich duldete.“ – In diesem einen bitteren Satz ist die gesamte Problematik der Kindheit und Jugend des letzten deutschen Kaisers zusammengefasst: die eigene Behinderung, das Verhältnis zur Mutter, die nationalen Animositäten innerhalb der preußisch/deutsch-britischen Kronprinzenfamilie und das Sterben des schwachen Vaters, der an Krebs litt.
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Die 1840 geborene Prinzessin Victoria war das erste Kind der gleichnamigen britischen Königin und des Prinzgemahls Albert. Die selbstbewusste, altkluge und durchsetzungsfähige Frau war zutiefst von der Überlegenheit des britischen Politik- und Gesellschaftsmodells überzeugt. Ihr Vater hatte sie darauf eingeschworen, in Berlin einen liberalen Wandel in die Wege zu leiten. Als Gattin des nächsten und Mutter des übernächsten preußischen Monarchen glaubte Victoria, über die notwendigen Mittel zu verfügen.
Der seiner Frau zutiefst ergebene Kronprinz Friedrich Wilhelm war moderaten liberalen Veränderungen gegenüber selbst nicht abgeneigt, und so wurde der kronprinzliche Haushalt von konservativer Seite bald argwöhnisch beäugt. Vor allem der seit 1862 amtierende Ministerpräsident Otto von Bismarck, aber auch Friedrich Wilhelms Vater, der konservative König und spätere deutsche Kaiser Wilhelm I. (1861/1871–1888), bemühten sich nach Kräften, die politischen Bemühungen des Paares zunichtezumachen. Angesichts dieser übermächtigen Opposition blieb Prinzessin Victoria allein, auf die Zukunft zu setzen, die dereinst in den Händen ihres Mannes und ihres erstgeborenen Sohnes liegen würde.
Ständig im Fokus der hohen mütterlichen Erwartungen
Die Hoffnungen und Erwartungen, die sie mit dem Knaben verband, der im Januar 1859 unter so dramatischen Bedingungen das Licht der Welt erblickt hatte, waren daher gewaltig. Sie wollte ihn zum Ebenbild ihres vergötterten Vaters, des 1861 verstorbenen Prinzgemahls Albert, erziehen. Doch dieses unerreichbare Ideal schärfte nur den überkritischen Blick der Prinzessin auf ihren Sohn. Allein schon seine körperliche Behinderung war ihr ein Makel, über den sie nie hinwegkam. Die linke Hand des Kindes, schrieb Victoria an ihren Vater, sei „ungefähr halb so groß wie die andere, was mich erschreckt – ich kann Dir überhaupt nicht sagen, wie ich mich darüber gräme, ich könnte weinen, sobald ich daran denke.“ Der Sohn könne ein wenig laufen und kleine Möbelstücke schieben, berichtete sie im April 1860, „aber sein unglückselig gelähmter Arm wirft ihn in allen solchen Dingen zurück“.
Nichts blieb unversucht, um die Behinderung zu heilen: Leibesübungen, das Festbinden des gesunden Arms, Elektrotherapie, sogenannte animalische Bäder, bei denen der verkümmerte Arm des Jungen in frisch geschlachtete Hasen eingebunden wurde, kalte Duschen und eine „Armstreckmaschine“. Der Erfolg blieb aus, und man muss davon ausgehen, dass einige dieser Torturen den jungen Prinzen traumatisiert haben. Zwar lernte Wilhelm später recht gut, mit seiner körperlichen Behinderung umzugehen – er konnte reiten, auf die Jagd gehen, und er verstand es, den verkürzten Arm geschickt zu kaschieren – aber das Verhältnis zum Elternhaus, besonders zur Mutter, blieb belastet.
Dabei kann man Victoria keineswegs den Vorwurf machen, den kleinen „Willy“ vernachlässigt zu haben. Vielmehr stand er ständig im Mittelpunkt ihrer fordernden und zunehmend kritischen Aufmerksamkeit. Er sollte zu einem kultivierten, gebildeten, möglichst unpreußischen Herrscher herangezogen werden, der die britisch-liberalen Vorstellungen der Mutter widerspiegelte. Je weniger der impulsive, mal ruppige, mal anlehnungsbedürftige Knabe diesen hochgesteckten Anforderungen entsprach, desto angespannter wurde das Verhältnis zwischen den beiden. Prinz Wilhelm gelang es immer weniger, aus dem Fadenkreuz der mütterlichen Kritik zu entrinnen.
Trotz wachsender Skepsis des kaiserlichen Großvaters gelang es dem Kronprinzenpaar, bei der Erziehung des künftigen Monarchen neue Wege zu gehen. Die in Preußen übliche frühe militärische Ausbildung wurde lange verzögert und verkürzt. Stattdessen gewann Georg Hinzpeter, der von Victoria und Friedrich Wilhelm auf Empfehlung eines britischen Diplomaten 1866 angestellte Erzieher des Prinzen, einen beherrschenden Einfluss. Er setzte neue Akzente, brachte seinen Zögling mit der Welt der Industrie und der Arbeiterschaft in Kontakt und unternahm mit ihm lange Wanderungen.
Aber diese knöcherne, freudlose und immer fordernde Persönlichkeit war dennoch denkbar ungeeignet, um als eine positive Bezugsperson für den verunsicherten, nach Zuneigung suchenden Jungen zu fungieren. Auf Hinzpeter ging auch die radikale Idee zurück, Prinz Wilhelm auf ein öffentliches Gymnasium zu schicken, wo er – im Kreis bürgerlicher Klassenkameraden – das Abitur ablegen sollte. Im Herbst 1874 trat Prinz Wilhelm in
die Obersekunda des Friedrichsgymnasiums in Kassel ein, wo er sich im Verlauf der folgenden zweieinhalb Jahre mit ständigen Nachhilfestunden und unter Hinzpeters strenger Aufsicht ein durchschnittliches Abiturzeugnis erkämpfte.
Im Rückblick beklagte der Kaiser die freudlosen und pedantischen Lektionen, die er damals über sich ergehen lassen musste – stets begleitet von der Unzufriedenheit Hinzpeters und den vorwurfsvoll-kritischen Briefen seiner Mutter, der weder seine „vulgäre Handschrift“ noch sein unangenehm deutscher Akzent im Französischen oder seine schwachen Ergebnisse in Mathematik entgingen. Er selbst möge wohl eine hohe Meinung von seinen Fähigkeiten haben, schrieb Victoria dem 15-Jährigen, „während wir glauben, daß Du in allen diesen Dingen weit zurück bist im Vergleich zu dem, was Du leisten könntest.“
In der Studentenverbindung findet er die ersehnte Anerkennung
Nach dem Ende der Gymnasialzeit und einem kurzen militärischen Zwischenspiel beim 1. Garderegiment in Potsdam schrieb sich Prinz Wilhelm an der Bonner Universität ein. Während der weitgehend sorg- und mühelosen Semester, die der junge Mann am Rhein verlebte, setzte sich der Entfremdungsprozess vom Elternhaus fort. Schon während seiner Stippvisite in Potsdam hatte er – zum Entsetzen der Mutter – Freude am schnoddrig-forschen Ton des preußischen Offizierskasinos gefunden. Diesen Umgang pflegte er nun weiter – im Kreis der „Bonner Borussen“, einer von ostelbischen Adligen dominierten, exklusiven Studentenverbindung.
Von seinen Kommilitonen erhielt der junge Prinz Zustimmung und Anerkennung, während ihm die dominante Mutter pausenlos Kritik, Zurechtweisung und Belehrung anbot. Je schriller der junge Mann zu Hause auf die Überlegenheit liberaler, britisch beeinflusster Ideen hingewiesen wurde, desto stärker orientierte er sich in Richtung auf die militärisch-reaktionäre borussische Attitüde, die er bei seinen Bonner Corps-Brüdern und danach bei seiner Rückkehr zum 1. Garderegiment in Potsdam fand.
Der Dienst bei dieser als besonders „forsch“ angesehenen Einheit war ein erstes Beispiel dafür, wie der Prinz das Verhältnis zu seinem Großvater, dem Kaiser, ausnutzte, um die Pläne der Eltern zu durchkreuzen. Die von Hinzpeter konzipierten weiteren Erziehungsprojekte hatten Bildungsreisen ans Mittelmeer und nach Amerika sowie einen längeren Aufenthalt in England vorgesehen. All dies zerschlug sich, als Wilhelm I. 1879 befahl, dass sein Enkel wieder den Militärdienst aufzunehmen hatte. Der Prinz feixte gegenüber der enttäuschten Mutter: „Mit der größten Freude werde ich in mein geliebtes Regiment eintreten, so wie es der Kaiser wünscht.“
Bismarck, der Hofprediger, der Großvater – des Prinzen Wahl
In den darauffolgenden Jahren wurde die Kluft zwischen Prinz Wilhelm und seinem Elternhaus immer tiefer. Prinzessin Charlotte, die jüngere Schwester des Prinzen, berichtete von „entsetzlichen Scenen“ zwischen ihrem Bruder und seinem Vater und fand Wilhelms „Benehmen den lieben Eltern gegenüber geradezu abscheulich“.
Selbst das anfangs leidlich gute Verhältnis zwischen dem Kronprinzen und seinem Sohn ging nunmehr in die Brüche. Im Januar 1880 attestierte Friedrich Wilhelm dem eigenen Sohn eine „eisige, selbstsüchtige Natur“ und fand, er sei ein „herzloser Egoist“. Der dem Elternhaus entfremdete Prinz geriet nun in die politischen Ränke Bismarcks, der ihn dazu benutzen wollte, die Gefahr einer liberalen Zeitenwende unter der künftigen Herrschaft des Kronprinzen zu bannen. Das Kronprinzenpaar fand sich von drei Seiten umzingelt: Ein enges Verhältnis verband den alten Kaiser und seinen zunehmend reaktionär auftretenden Enkel, der zugleich von Bismarck und dessen Sohn Herbert erfolgreich hofiert wurde. So gelang es dem Kanzler, Friedrich Wilhelm und Victoria zu isolieren.
Immer wieder nutzte Prinz Wilhelm die Unterstützung des Kaisers und des Kanzlers, um den eigenen Vater zu überspielen. Er ließ dessen Wünsche abschmettern und setzte sich selbst in Szene. Dabei bewegte er sich auf immer schärfer konservative, ja reaktionäre Kreise zu, was ihn am Ende gar in das Umfeld des entschieden antiliberalen und antisemitischen Hofpredigers Adolf Stoecker brachte.
1883/84 wurde die politische Gegnerschaft zwischen Prinz Wilhelm und dem Kronprinzen auch öffentlich unübersehbar. Zunächst intrigierte der Sohn gegen den Wunsch des Vaters, er möge ihn auf einen vom Kaiser angeordneten Staatsbesuch nach Spanien begleiten. Wilhelm veranlasste den Kaiser, die Bitte seines Sohnes mit dem Hinweis auf die militärischen Pflichten des Prinzen abzuweisen. Der Kronprinz war darüber so empört, dass er im Gespräch mit Emil von Albedyll, dem Chef des kaiserlichen Militärkabinetts, in Tränen ausbrach.
Wenige Monate später eskalierte die Situation. Im Mai 1884 befahl der Kaiser – wiederum, ohne seinen Sohn zu konsultieren –, dass Prinz Wilhelm nach Russland reisen solle, um dem Großfürsten Nicholas, dem russischen Thronfolger, zur Großjährigkeit zu gratulieren und hohe preußische Orden zu überbringen.
Der öffentlich übergangene Kronprinz ahnte nichts Gutes, und seine Befürchtungen sollten sich bestätigen. Berauscht von der monarchischen Atmosphäre am russischen Hof, begann der Prinz eine Geheimkorrespondenz mit dem reaktionären Zaren Alexander III. (1881–1894), in der er jegliche Loyalität gegenüber seinen Eltern aufgab: „Laß Dich durch die Sachen, die Du von meinem Vater hören wirst, nicht erschrecken. Du kennst ihn, er liebt die Opposition, steht unter dem Einfluss meiner Mutter, die, ihrerseits von der Königin von England dirigiert, ihn alles durch die englische Brille sehen läßt. Ich versichere Dir, daß der Kaiser, Fürst Bismarck und ich völlig miteinander übereinstimmen …“
99-Tage-Kaiser: das Drama um das öffentliche Sterben Friedrichs III.
Dies war der familiäre und politische Hintergrund, vor dem sich das Drama der Erkrankung und des Sterbens des Kronprinzen abspielen sollte. Zu Beginn des Jahres 1887 wurde bei Friedrich Wilhelm eine ernste Rachenerkrankung diagnostiziert, bei der es sich nach Ansicht der Berliner Ärzte um Kehlkopfkrebs handelte. Die schon vorbereitete und höchst riskante operative Entfernung der befallenen Teile des Kehlkopfes wurde jedoch in letzter Minute gestoppt und ein englischer Facharzt, Morell Mackenzie, konsultiert. Dieser schlug zunächst eine Biopsie der Wucherung am Stimmband des Patienten vor, und als diese keinen Beleg für eine Krebserkrankung erbrachte, erklärte er das Leiden für behandelbar und einen operativen Eingriff für unnötig.
Auf diese mit dankbarer Erleichterung aufgenommene Aussage folgte eine mehr als einjährige Leidens- und Sterbezeit des unheilbar kranken Thronfolgers. Vergeblich nach Linderung seines Leidens suchend, durchreiste der sieche Prinz Europa, um schließlich in San Remo zu überwintern. Je klarer sein baldiges Ableben wurde, desto rücksichtsloser schob sich sein Sohn in den Vordergrund und gerierte sich als der kommende Machthaber.
Als der greise Kaiser Wilhelm I. im März 1888 starb, war sein Sohn bereits dem Tod geweiht. Kaiser Friedrich III. reiste dennoch in das noch tief verschneite Berlin, um seine Herrschaft anzutreten. Wilhelm wusste sehr wohl, dass dies nur ein kurzes Intermezzo sein würde. Bereits im April beobachtete der Geheimrat Friedrich von Holstein, dass der nunmehrige Kronprinz schon „jetzt hübsche Herrscher-allüren“ annehme. So wies er etwa den Kommandanten im Schloss Charlottenburg an, die Räumlichkeiten zu besetzen und zu versiegeln, sobald der Kaiser tot sei.
Mit Hilfe von Informanten spionierte er überdies seine Eltern aus, denen sein Handeln keineswegs verborgen blieb. „Wilhelm hält sich gänzlich für den Kaiser – und einen absoluten und autokratischen“, klagte Victoria ihrer Mutter am 12. Mai 1888 und fügte eine Woche später hinzu, dass er „in einem Kreis, einem Klüngel“ sei, „dessen Hauptanliegen es sozusagen [sei], Fritz [Kaiser Friedrich III.] auf jede Art zu lähmen“.
Die Kaiserin war verbittert, aber sie wusste, dass es wenig gab, was sie oder ihr sterbender Gemahl tun konnten. „Die Leute betrachten uns im Allgemeinen nur als vorüberhuschende Schatten, die bald durch die Realität in der Gestalt Wilhelms ersetzt werden“, hatte sie bereits ernüchtert in den ersten Tagen nach ihrer Rückkehr nach Berlin geschrieben.
Kaum dass Friedrich III. am 15. Juni 1888 seinen letzten Atemzug getan hatte, befahl der neue Herrscher die militärische Umzingelung des Schlosses, in dem der Kaiser gestorben war. So wollte er verhindern, dass die ihm verhasste Mutter Staatsgeheimnisse nach England verraten könnte. Mit nicht einmal 30 Jahren bestieg nun Wilhelm II. den preußischen Königsthron und wurde deutscher Kaiser. Seine Mutter stand entsetzt vor den Trümmern ihres verkrampften Versuchs, Deutschland durch die Prägung ihres Sohnes eine liberale, anglophile, kultivierte und zivilisierte Zukunft zu sichern. Das Reich stand am Beginn der Wilhelminischen Ära.
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