Um 1700 erlangte in England plötzlich Gin große Beliebtheit. Der Konsum des hochprozentigen Getränks nahm in London solche Ausmaße an, dass es zu einer gesellschaftlichen Krise kam. Was die Menschen damals besonders schockierte: Auch Frauen verfielen dem Alkohol in großer Zahl.
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Als der Kupferstecher William Hogarth 1751 seinen berühmten Stich „Gin Lane“ („Gin-Gasse“, rechte Seite) veröffentlichte, hatte der kollektive Rausch London bereits seit über drei Jahrzehnten im Griff. Um die Gefahr endgültig zu bannen und die Gesetzgeber zu weiteren Beschränkungen zu animieren, brachte der Künstler seinen Zeitgenossen noch einmal alle Elemente des „Gin Craze“, der „Gin-Manie“, in Erinnerung.
Hogarth selbst beschrieb den Inhalt des Bilds so: „Man sieht nichts außer Müßiggang, Armut, Elend und Zerfall. Verzweiflung bis hin zu Wahnsinn und Tod, kein einziges Haus in annehmbarem Zustand, einzige Ausnahmen sind nur die Pfandleihe und die Gin-Kneipe.“ Die Menschen mussten ihr letztes Hab und Gut für ein Glas Schnaps verpfänden. Wie war es zu solchen Zuständen in der Hauptstadt Großbritanniens gekommen?
Vom medizinischen Auszug zum alltäglichen Genussmittel
Zunächst zum zentralen Getränk dieser Episode. Der Gin hat seine Ursprünge in den Niederlanden. Dort erfreute sich ein Getränk namens Genever schon seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts großer Beliebtheit. Bei dessen Herstellung wurde ein aus Getreide gewonnenes Destillat, der Moutwijn („Malzwein“), mit Wacholder (im Niederländischen Genever) sowie anderen Gewürzen und Kräutern angesetzt und anschließend erneut destilliert.
In England kannte man Alkoholika mit Wacholdergeschmack lange nur als Medizin. So notierte im Oktober 1663 der Marinebeamte Samuel Pepys (1633–1703) in sein Tagebuch: „Sir W. Batton gab mir den Rat, ein starkes Wässerchen aus Wacholder zu nehmen.“ Pepys war auf der Suche nach einer Arznei gegen seine ständigen Bauchkrämpfe.
Seit den 1670er Jahren häufen sich die Berichte über Genever, der in englischen Hafenstädten ausgeschenkt wurde. Die Engländer verkürzten den Namen umgehend zu gin. Anfangs wurde wohl noch Importware getrunken. Der erste schriftliche Hinweis auf eine Gin-Destillerie in England stammt von 1697: In einem ehemaligen Kloster in Plymouth produzierte ein Hersteller das neue Getränk.
Ob der Genever wirklich im Gepäck des niederländischen Statthalters Wilhelm von Oranien, der nach der „Glorreichen Revolution“ von 1689 als Wilhelm III. den englischen Thron bestieg, nach England kam, ist umstritten. Jedenfalls war es ein Gesetz aus den Anfangsjahren der Regierungszeit dieses Königs, das die Ereignisse in Gang brachte: 1690 erließ das Parlament in London ein Gesetz zur „Förderung der Destillation von Branntwein und Alkohol aus Getreide“. Frühere Verbote und Einschränkungen wurden aufgehoben. Nun durfte quasi jeder Schnaps brennen und verkaufen.
Wilhelm III. glaubte, mit dem Gesetz eine Lösung für ein Grundproblem des Getreidemarkts gefunden zu haben: Jahre mit überdurchschnittlichen Erträgen bargen für Bauern und Großgrundbesitzer das Risiko, dass sie auf ihrem Getreide sitzenblieben. Genau hier setzte der Plan an: Die Überschüsse und auch Getreide minderer Qualität konnten die Bauern an die Brennereien verkaufen. So gab es neue Anreize, insgesamt den Anbau zu steigern.
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Ein weiterer Grund: Aus Anlass des Kriegs, den Wilhelm III. gegen den französischen König Ludwig XIV. führte, hatte er einen Einfuhrstopp für „Brandy“ aus Frankreich verhängt. Man brauchte also heimischen Ersatz.
Das neue Gesetz löste einen wahren Boom aus. Laut dem Satiriker Ned Ward (gest. 1731) klagte man in London bereits um 1700 über „den stinkenden Dampf, der aus den Kesseln der Brennereien aufstieg“. Gin war das ideale Produkt für diese Schwemme an Alkohol aus Getreide, denn die Geschmackstoffe wie eben der Wacholder können in einem zweiten Schritt hinzugefügt werden. Der Schriftsteller und Journalist Daniel Defoe (1660–1731) notierte, bald „[hatten] unsere Brenner hier [Gin] so gut zubereitet wie die Niederländer“.
1690 stellten die Brennereien in London eine halbe Million Gallonen Schnaps her, bis 1720 stieg die Produktion auf zwei Millionen Gallonen, das entspricht rund neun Millionen Liter. Drei Jahre später waren es schon 3,25 Millionen Gallonen. Diese enorme Menge an Alkohol traf in London auf eine Bevölkerung, die sie aufsog wie ein Schwamm. Die Stadt hatte sich seit der Wende zum 18. Jahrhundert rasant verändert. Manchem Londoner war es fast unheimlich, wie schnell die Metropole wuchs. Daniel Defoe sprach von der „monströsen Stadt“, von der man gar nicht mehr wisse, wo sie endet. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wuchs die Einwohnerzahl auf rund 600 000.
Die Zuzügler waren frustriert gewesen von den verkrusteten Herrschafts- und Sozialstrukturen auf dem Land, wo es für sie keine Aufstiegsmöglichkeiten gab. Manche kamen auch nur aus Neugier. Doch Arbeit fanden bei weitem nicht alle. Mit der Bevölkerung nahm auch die Armut in der Stadt zu. Viele der Neuankömmlinge lebten in aus dem Boden gestampften Stadtvierteln außerhalb der Stadtgrenzen der City, die mehr Slums glichen. St. Giles war eines dieser ständig wachsenden Siedlungsgebiete. Für die vielen Strauchelnden wurde Gin schnell zum Mittel der Wahl, um dem trostlosen Alltag zu entkommen.
Eine Marktbeschickerin, die sich 1725 wegen Trunkenheit vor Gericht verantworten musste, betonte in ihrer Aussage, als Marktfrau stehe sie früh auf und arbeite hart: „Ich habe meinen Körper nie geschont“, daher genehmige sie sich nun hin und wieder etwas, „was arme Seelen eben gerne trinken“. „Wenn man sich zwischendrin nicht etwas zum Durchhalten gönnt, gegen Nässe und Kälte, meine Güte, dann reicht das nicht.“
Aufgrund der laxen Gesetzeslage und der enormen Produktionsmengen war ein Rausch so günstig wie nie zuvor in der englischen Geschichte. Der „Gin Craze“ hatte begonnen. 1721 fällte der Magistrat (Rat von Friedensrichtern) der Grafschaft Middlesex (diese ging im
20. Jahrhundert in Greater London auf) ein eindeutiges Urteil: Gin sei „der Hauptgrund … für alle Laster und Ausschweifungen, denen sich die niederen Menschen hingeben“.
Der Schweizer Reiseschriftsteller César de Saussure berichtete 1726 etwas irritiert von den Zuständen in der Hauptstadt Großbritanniens: „Diese Tavernen sind immer voller Männer und Frauen, und manchmal sogar Kinder, die sich mit so viel Freude betrinken, dass sie beim Aufbruch kaum noch gehen können.“
Was die Gäste eines gin shops, im Deutschen passt dafür wohl am besten der Begriff „Gin-Kneipe“, in ihren Bechern vorfanden, dürfte jedem heutigen Sommelier Gänsehaut bescheren. Eines der erhaltenen Rezepte klingt haarsträubend: Purer Alkohol wurde verwässert und ergänzt durch „einen Spritzer Terpentin“, „eine halbe Unze Schwefelsäure“, bittere Mandeln, Branntkalk, Rosenwasser und Alaun (ein eigentlich in der Färberei eingesetztes Mineral).
Die vielsagenden Namen der Destillate wie „Kill me Quick“ oder „Strip me Naked“ legen nahe, dass die Zielgruppe keine feinen Geschmacksnoten erwartete – Hauptsache, das Getränk war hochprozentig. Der durchschnittliche Alkoholgehalt der damaligen Spirituosen kann aus heutiger Sicht kaum abgeschätzt werden. Als ideal wurde aber schon im 18. Jahrhundert ein Wert um 40 Volumenprozent angesehen. Um mehr Profit zu machen, wurde der Gin jedoch oft mit Wasser verdünnt, das Brennen des Alkohols simulierte man durch die Beigabe von Pfeffer oder Ingwer.
Ein neues Phänomen: betrunkene Frauen in der Öffentlichkeit
Eine Entwicklung schockierte viele Zeitzeugen besonders: Immer mehr Frauen gaben sich dem Alkohol hin. Betrunkene Frauen in der Öffentlichkeit waren ein völlig neues Phänomen. Der englische Satiriker Ned Ward berichtete von einem Spaziergang über den Blumenmarkt von Covent Garden, wo „eine Gruppe fröhlicher rotgesichtiger Damen … ihre Blumen verkauften, aber sie stanken so sehr nach Branntwein, starkem Alkohol und Tabak, dass der Duft ihrer Kräuter und Blumen überdeckt wurde“.
Frauen, die traditionell selten Pubs oder Tavernen besuchten, hatten plötzlich Zugang zu billigem Alkohol: Gin konnte man überall kaufen. Ein Beobachter schrieb 1751: „Fast in jedem Kräuterladen gibt es für Frauen ein Hinterzimmer, wo sie ungestört ein Gläschen trinken können.“ Auch der kleine Gemüsehändler an der Ecke wurde so plötzlich zum Drogendealer. „In diesen Läden lernen die Dienstmädchen und Frauen der niederen Klasse das Gin-Trinken kennen“, schrieb Robert Campbell 1747 in dem Buch „The London Tradesman“.
Erst dieser Mix aus Alkohol, dramatischen sozialen Missständen und vermeintlichem Sittenverfall machte den „Gin Craze“ zu einer gesellschaftlichen Krise. Denn mit Alkoholmissbrauch an sich waren die Londoner gut vertraut. Selbst einige der mächtigsten Politiker schauten oft zu tief ins Glas. Die Künstlerin Mary Delany (1700 –1788) berichtet in einem Brief über den parlamentarischen Führer der Torys, Vicomte von Bolingbroke (1678 –1751), der regelmäßig „in seinem Arbeitszimmer die ganze Nacht durchtrank und sich am Morgen ein feuchtes Taschentuch über Stirn und Augen band, um die Folgen seiner Zügellosigkeit zu bekämpfen“.
Und der Tagebuchschreiber Samuel Johnson (1709 –1784) notierte: „Alle ehrbaren Leute in Litchfield [Stadtteil von London] betranken sich jeden Abend, und keiner hielt ihnen das vor.“ Daniel Defoe brachte die Entwicklung auf den Punkt: Die Armen „taten nur das, was ihnen die Oberen so vorgelebt haben“.
Frauen traten während des „Gin Craze“ aber auch im Handel mit Alkohol auf und verdienten so ihr eigenes Geld. Diese wirtschaftliche Selbständigkeit war für viele (männliche) Zeitgenossen ein weiterer besorgniserregender Aspekt. Der Historiker Patrick Dillon schreibt: „Die Vorstellung, dass Frauen den ihnen zugedachten Platz [in der Gesellschaft] aufgeben, war die erschreckendste Veränderung von allen.“ Nicht umsonst war die allegorische Personifikation des „Gin Craze“ eine Frau: Seit den 1720er Jahren sprach man von „Madam Geneva“ oder „Mother Gin“.
Auffällig ist auch, dass Frauen häufiger ins Visier der Strafverfolgung gerieten. Obwohl laut einer Studie der Historikerin Jessica Warner nur 20 Prozent der illegalen Händler Frauen waren, betrug die Frauenquote bei den Fällen, die vor Gericht landeten, 70 Prozent.
Das Schicksal einer jungen Frau wird zum Menetekel für die Krise
Noch aus einem weiteren Grund verlieh der Rausch der Frauen dem Ganzen eine neue Dimension. Ärzte hatten einen Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum während der Schwangerschaft und Fehlbildungen bei Kindern erkannt. Die führenden Köpfe des jungen britischen Empire begannen sich um den dringend benötigten Nachschub an Soldaten Sorgen zu machen. Der Schriftsteller und Sozialkritiker Henry Fielding (1707–1754) zweifelte mit Blick auf die Kinder der alkoholkranken Frauen, ob diese „unsere künftigen Seemänner und unsere künftigen Soldaten“ werden könnten.
Ein tragischer Fall rüttelte 1734 ganz London auf. Eine junge Frau, Judith Defour, tötete ihre zweijährige Tochter, um deren neues Kleidchen zu verkaufen – die alkoholkranke Mutter brauchte dringend Geld für Gin. Defour wurde angeklagt und zum Tod verurteilt. Der Prozess machte Schlagzeilen und war Wasser auf die Mühlen der Gin-Kritiker. Judith Defour dürfte auch die Vorlage für die betrunkene Frau in Hogarths Stich „Gin Lane“ gewesen sein.
Für die politische Elite des Landes stand fest: Es musste sich etwas ändern. Mit dem gin act, dem Gin-Gesetz, von 1736 scheiterten die Gesetzgeber jedoch grandios. Durch astronomisch hohe Lizenzgebühren sollte der Verkauf von Gin unrentabel gemacht werden. Das Ergebnis: Es wurden fast keine Lizenzen beantragt, und der Verkauf von Gin lief im gleichen Umfang einfach illegal weiter.
Vor Inkrafttreten des Gesetzes hatte es allein in den neuen Stadtquartieren, die in der Grafschaft Middlesex lagen, mehr als 7000 gin shops gegeben. Eine effektive Kontrolle dieses Gewerbes war von den wenigen Beamten, die dafür abgestellt waren, nicht zu leisten.
Bei der Suche nach Wegen, das neue Gesetz zu umgehen, wurde manch einer erfinderisch. Dudley Bradstreet wurde so zur Legende. Er bastelte eine Art Getränkeautomat. An seiner Hauswand brachte er zur Straße hin eine Katzenskulptur aus Zinn an. In deren Mund endete ein Rohr, über das er die Kunden von innen bedienen konnte. Wer zwei Pence in einen Schlitz warf, durfte sein Glas unterstellen, und schon floss der Schnaps. Das Codewort für die Interaktion war „Puss“ („Mieze“), von innen kam dann die Antwort „Miau“.
Findige Apotheker wollten den Gin nun wieder als Mittel gegen Koliken verkaufen. Der Einnahmehinweis, den ein Apotheker den kleinen Fläschchen beilegte, war recht großzügig: „Nehmen Sie zwei oder drei Löffel davon vier- oder fünfmal am Tag oder wann immer Sie Beschwerden haben“.
Im Herbst 1738 erschien die „Kurze Geschichte des Gin Act“, darin konstatierte der Autor: „Das Geschäft hat sich verlagert … zu denen, die sich an keine [gesetzliche] Vereinbarung halten, Schurken, die nichts unversucht lassen, die Menschen in den Exzess zu treiben, gegen den sich das Gesetz gerichtet hatte.“ Für eine Zuspitzung sorgte 1748 die Rückkehr der britischen Truppen aus dem Österreichischen Erbfolgekrieg. Dieser war mit dem Frieden von Aachen beendet worden. 70 000 demobilisierte Soldaten, die in eine Stadt im Gin-Rausch zurückkehren, das verhieß nichts Gutes.
Erst im zweiten Anlauf haben die Gesetzgeber Erfolg
Und tatsächlich: Die nun arbeitslosen Soldaten betranken sich und fielen durch Gewalt auf. Die Zeitung „Whitehall Evening Post“ schrieb 1749: „Wir können uns abends nicht mehr aus unseren Häusern trauen, ohne einen gebrochenen Schädel oder den Verlust unserer Habe zu riskieren.“ Der verwahrloste Soldat im Stich „Gin Lane“ erinnert an diese Zustände.
Wieder suchte das Parlament in London nach einem Ausweg aus der Krise. Für den Historiker Patrick Dillon gab es beim Streit um den Gin noch immer drei Gruppen mit gegenläufigen Interessen: Die religiösen Eiferer wollten den Konsum stoppen, die Londoner sorgten sich um ausreichenden Nachschub, und die Politiker suchten nach Möglichkeiten, die Staatskasse zu füllen.
1751 gingen die Gesetzgeber geschickter vor. Die Lizenzgebühren setzte man sehr moderat an, dadurch gab es wieder mehr legale Verkaufsstellen. Das erleichterte die Kontrollen und brachte der Staatskasse Einnahmen. Erstmals wurden auch die großen Brennereien, die am Anfang der Produktionskette standen, in größerem Umfang besteuert. Und siehe da: Diesmal war es offensichtlich gelungen, alle Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Von 1751 auf 1752 ging die Gin-Produktion von sieben Millionen auf 4,5 Millionen Gallonen zurück. Und dennoch blieben die Getreidepreise stabil. Letzteres Ziel war ja der Auslöser der ganzen Misere gewesen.
Schließlich waren es Ende der 1750er Jahre noch mehrere Missernten, die den Reformern und Gin-Gegnern in die Karten spielten. Die Verwendung von Getreide zur Herstellung von Schnaps wurde nun stark eingeschränkt. 1760 produzierten die Brennereien nur noch ein Viertel der Menge an Alkohol von 1751. Durch die damit verbundenen steigenden Preise verlor der Gin an Attraktivität.
Doch es waren auch die Zeiten, die sich geändert hatten. Der Reiseschriftsteller Jonas Hanway zog in den 1750er Jahren folgendes Fazit: „Die Menschen scheinen endlich entdeckt zu haben, dass Gesundheit und Freude, Essen und Gewänder besser sind als Krankheit und Schmerz, Not und Elend.“ Viele Londoner hatten die Zeit im Slum hinter sich gelassen und profitierten Mitte des 18. Jahrhunderts von einer Art kleinem Wirtschaftswunder.
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